u.s.w.
Den folgenden Morgen schrieb er wieder an eben diesem Briefe. Man klopfte an die Tür, und ein Bauer aus seinem dorf trat herein. Siegwart wagte es nicht, ihn zu fragen; er nahm den Brief an, ging auf die Seite, brach ihn ziternd auf, konnte ihn kaum halten, und las ihn durch. – Wie erschrack er! Es war die Handschrift seines todtgeglaubten Vaters:
Liebster Sohn!
Du wirst in tausend Aengsten meinetalben sein, und du hattest es auch ursache. Ich war dem tod nah, sichert mich, ich sei jetzt ausser aller Gefahr. Wir können Gott nicht genug dafür loben; denn es wär mir schwer gewesen, unversorgte Kinder zu verlassen, besonders Dich und Teresen. Das arme Mädchen hat unendlich viel an mir getan, und unendlich viel gelitten. Gott belohn es ihr! Sie grüsst Dich herzlich. Bin noch matt, und kann nicht allzuviel schreiben. Muss nun eine Brunnenkur brauchen. Lass Dir diesen Zufall zur Warnung dienen, Dich nicht zu sehr auf Menschen zu verlassen! So lang ich lebe, tu ich für Dich, was ich kann, wenn Du brav bist. Aber nach meinem tod must Du Dir gröstenteils selbst helfen. lebe wohl, mein liebster Sohn! Ich bin
Dein getreuer Vater,
Johann Maria Siegwart.
Nun Gott Lob und Dank! sagte Siegwart, und wandte sich zu dem bauern. Ja, Herr, das war ein Schrecken, den wir hatten; sagte dieser. Das ganze Dorf war in Aengsten; habs mein Lebetag nicht so gesehen, und bin doch schon ein alter Mann. Alle leute liefen in die Kirche. wenn es der Landsherr wäre, könnts nicht ärger sein. Aber so 'n Herrn kriegen wir halt nicht wieder; das sagen alle leute, alt und jung; wenn schon der junge Herr auch ein braver Herr ist. Euer Vater hat 's prae vor allen, das ist nur gewiss. Wenn ich denke, was die arme leute, und Wittwen, und Waisen an ihm verlohren hätten, d' Augen gehen mir über, 's ist halt 'ne schöne sache um 'n braven Mann! – und hier wischte sich der ehrliche Bauer die Augen. –
Siegwart schrieb ein kleines Briefchen an seinen Vater, und gab dem Bauer sechs Batzen. Der guterzige Schwabe wollt' es lang nicht nehmen. Nein, Herr! sagte er, mit so einer Nachricht wär ich Euch bis Wien umsonst gelaufen. 's hätt mir weh getan, wenn man's einem andern auftragen hätt. Bin schon zwanzig Jahr 'n Tagwerker in 's Vaters Haus; darfs nicht nehmen, warlich nicht! – Siegwart aber liess nicht nach, bis er's nahm.
Er warf sich nun auf seine Knie, dankte Gott; schrieb etliche Worte an Kronhelm, dass sein Vater noch lebe; und lief dann in seiner Freude auf P. Philipps Zimmer, der an seiner Freude herzlichen Anteil nahm. Terese schrieb ihm acht Tage darauf wieder, dass ihr Vater sich täglich mehr bessre, und schon eine halbe Stunde in den Garten habe gehen können. Siegwart war nun wieder wie neugebohren, und nahm aufs neu an allem Anteil, was um ihn vorging. Einmal ging er mit Grünbach in seinen Garten; Sophie war auch da, um sich bei der schönen Witterung etwas zu erholen, weil sie schon etliche Wochen sich zu Haus aufgehalten hatte. Sie erschrack, als sie unsern Siegwart erblickte. Er erschrack auch, denn das schöne blühende Mädchen sah blass und eingefallen aus. In ihren Augen sass eine tiefe schweigende Schwermut. – Ich werde Ihnen noch zuvor kommen, sagte sie; auf Michaelis geh ich schon ins Kloster. Werden Sie wohl auch zuweilen noch an mich denken? Ich werde es oft tun. – Ich warlich auch, sagte Siegwart. Der guten Seelen sind doch so wenig. Ja, ich werde oft an die Stunden denken, die wir am Klavier, und hier in der Dämmerung zubrachten. Sie waren so heilig und so süss! – Ja wohl, süss und heilig! sagte Sophie seufzend. Werden Sie aber auch noch an mich denken, wenn ich tot bin?– Auch da noch oft! antwortete Xaver. Ich werde dann an die Zeit denken, da wir uns beglückter wieder sehen werden, an die Zeit im Himmel. O, das ist süss und tröstend! sagte das Mädchen. Ich werde bald im Himmel sein; folgen Sie mir bald nach! – Ihr Auge glänzte, als sies sprach, und Siegwart war auch tief bewegt.
Nun wurden wieder die Rollen zu dem künftigen Schuldrama ausgeteilt. Der Pater, der es machte, wählte den Tomas Aquinas zum Helden seines Singspiels, und zwar den teil seines Lebens, da Tomas, wider den Wunsch seiner Anverwandten, und besonders seiner Mutter, zu Neapel unter die Dominikaner geht. Der Kampf des Jünglings war nicht übel geschildert; da er auf der Einen Seite die zärtlichen Bitten seiner Anverwandten, die Tränen seiner Mutter, die Lockspeisen, die man ihm vorhält, in der Welt zu bleiben, besonders ein schönes junges Mädchen, gegen das sein Herz nicht ganz gleichgültig ist, sieht; und auf der andern Seite den Ruf ins Kloster, den er für göttlich hält, den Traum von Verdiensilichkeit und Heiligkeit, und alles, was eine lebhaste Einbildungskraft, von einem guten Herzen unterstützt, reizendes am Klosterleben findet. Diese