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niedergeschlagen ist. Der Tod seines Vaters bleibt für ihn immer ein Unglück.

Siegwart. Ja wohl! und das gröste, denke ich! – grosser Gott! Einen solchen Vater zu verlieren! ... Und wenn es auch möglich wär, mich dabei zu vergessen, wie wirds meiner Schwester, meiner armen Schwester gehen? (Hier weinte er heftiger.)

P. Philipp (weinte auch mit) Seiner Schwester ... Auch dieser wird Gott sich erbarmen; Wird für sie auch Trost haben. Wir wollen für sie beten ... Ach, ich weis, wies mir ging! Ich war in Freiburg, als mein Vater starb; wir waren sieben Waisen. – Aber Gott hat keins von uns verlassen; keins! und mich am wenigsten ... Fass er sich, mein lieber Siegwart! Vielleicht hilft Gott noch ... Hoff er es zu dem Vater aller Waisen! –

Sie kehrten nun wieder nach der Stadt zurück. Siegwart sprach wenig, und schluchzte nur zuweilen. Der Betteljunge stand wieder am Wege. Da hast du noch was, sagte Siegwart, und gab ihm einen Sechsbätzner. In der Stadt lief er sogleich zum Arzt, um sich nach seines Vaters Umständen zu erkundigen. Der Arzt zuckte die Achseln. Es ist so so, sagte er. Ich ward aus dem Haus ihres Vaters auf ein andres Dorf geholt zu einem Prediger, und konnte die Krisin nicht abwarten. Wir müssen sehen. Uebermorgen komm ich wieder hinaus. O lieber Herr Doktor, sagte Siegwart, Morgen! Ich bitte Sie bei allem, was heilig ist, reiten Sie doch Morgen hinaus! Tun Sie, was sie können! Retten Sie, retten Sie meinen Vater! Der Doktor machte Entschuldigungen, dass er Morgen viel zu tun habe; versprach aber doch, gegen Abend hinaus zu reiten. – Siegwart verschloss sich nun auf sein Zimmer; ging auf und ab; rang die hände; fing zuweilen ein Gebet an; ward vom Schmerz wieder vom Gebet ab, in Labyrinte hineingerissen, wo er keinen Ausweg sah; nahm ein Buch; wollte lesen; warf es wieder weg; sank auf die Knie; sprang wieder auf, und fand nirgends keine Ruhe. Er ging in den kleinen Garten am Kloster; da erblickte er eine hohe Sonnenrose, die von einem Wurm angefressen war, und zu welken anfieng. Gott! rief er, und Tränen schossen ihm in die Augen; denn er dachte sich seinen Vater. Alles erinnerte ihn jetzt an den Tod; jede Blume ward für ihn ein Bild der Verwesung. – Zuweilen dachte er sich alles Gute, was er seinem Vater zu verdanken hatte, und nun schauerte er zurück, und wollte vergehen. – Die ganze Nacht ward von ihm durchweint; seine kurzen Schlummer waren ängstlich; oft war ihms, als ob sein Vater ihm zulispelte und Abschied nähme, und dann fuhr er auf und ächzte. – Den andern Tag war er wie betäubt; er ging noch einmal zum Doktor, und bat ihn, ja gewiss zu seinem Vater hinaus zu reiten. Er gab ihm ein kleines Briefchen mit an seinen Vater, und ein kleines an Teresen, das er mit der heftigsten Bewegung geschrieben hatte; worinn er seinem Vater für alle seine Wohltaten dankte, und halb Abschied von ihm nahm. Seine Schwester suchte er zu trösten, ob er gleich selbst trostlos war. P. Philipp ging den Nachmittag mit ihm spatzieren, und flösste ihm durch seine sanfte liebreiche Lehren, die immer mit dem zärtlichsten Mitleid untermischt waren, eine ziemliche Gelassenheit und Ergebung in den göttlichen Willen ein. Vorher hatte es in Siegwarts Seele ungestüm gestürmt, jetzt folgte dem Sturm ein sanfter Regen, und sein Schmerz goss sich in Tränen aus. Der Doktor kam den andern Tag wieder zurück. Siegwart war wohl zehnmal in seinem haus gewesen; und nun dachte er gewiss, sein Vater sei gestorben, oder in den letzten Zügen. Er beweinte ihn als tot. Sein Schmerz war unendlich gross, aber doch gemässigter und ruhiger, wie vorher. Die Angst, ein teures Gut zu verlieren, erschüttert mehr, und schlägt die Seele schrecklicher danieder, als der wirkliche Verlust des Gutes. – Der Doktor war den folgenden Morgen wieder in die Stadt gekommen; muste aber nach einer Stunde gleich wieder fort, eh ihn Siegwart sprechen konnte. Er hatte nur die Nachricht für ihn hinterlassen: Er möchte sich auf alles gefasst machen! Nun zweifelte Siegwart gar nicht mehr am tod seines Vaters. P. Philipp zuckte auch die Achseln, und hielt es für wahrscheinlich, oder gar gewiss.

Siegwart setzte sich in seinem ganzen Schmerz nieder, um seinem Kronhelm zu schreiben. Unter anderm schrieb er: Sag mehr, du seist allein unglücklich auf der Welt! Ich bins auch, mehr als du. Mein Vater – o wie kann ichs schreiben? – mein Vater ist gestorben. – Schreckliches, banges Wort! ich schreibe dir zum erstenmal und mit Zittern: Ich binein Vaterund Mutterloser Waise. Gott! ein Waise! Aber du bist noch mein Vater! Wenn ich dich nicht hätte, o was wär ich! – Sieh, Kronhelm, so kanns Menschen gehen. Bist du nun allein elend? – Noch ist der Todesbote nicht gekommen; aber Torheit wär es, noch zu hoffen. Alle Umstände predigen mir Tod. – Tod! – O du süsses Wort. wenn es von mir auch gälte! –