herzlichste bat, ja recht bald nach Ingolstadt zu kommen!
Terese schrieb ihm auch noch immer traurig, aber doch gelassen. Ihr Schmerz daurte zwar beständig fort, aber sie gewöhnte sich nach und nach daran, und klagte weniger. Ungefähr in der Mitte des Sommers liess sie ihren Bruder einmal drei Wochen lang aus Briefe warten. Er ward verdrüsslich drüber, und konnte sich die Ursache ihres Schweigens nicht erklären. Als er an einem Sonnabend wieder einmal vergeblich gewartet hatte, so schlug ihm P. Philipp auf den Nachmittag einen Spatziergang vor. Sie gingen zwischen den Kornfeldern hin, und ein Bettelbube bat sie weinend um ein Allmosen. Ach, liebe geistliche Herren, sagt' er, mir ist so gar übel g'fehlt! Vor drei Tagen ist mein Vater g'storben, und nun hab ich keinen Menschen auf der Welt mehr. Siegwart griff hurtig in die Taschen, gab ihm reichlich, und sagte dann zu P. Philipp: Lieber Gott! was ist das traurig, wenn man sich an gar keinen Menschen auf der Welt halten kann!
P. Philipp. Ja wohl hat man Gott zu danken, wenn man seine Eltern und Verwandte hat; man kann nie genug tun, um ihnen das Leben angenehm zu machen und sie nicht zu kränken.
Siegwart. Das hab ich auch immer bei meinem Vater gedacht. Ach, ich wüste nicht, was ich anfangen sollte, wenn er stürbe.
P. Philipp. Und doch müst Er Gott danken, dass er ihn Ihm so lang erhalten hat. Er hat doch seine Erziehung ganz genossen, und kann sich schon eher selbst auf der Welt fort bringen.
Siegwart. Das wohl, Gottlob! Aber es wär doch für mich das gröste Unglück!
P. Philipp. Und doch muss er es mit Gelassenheit annehmen, die Nachricht möchte heute oder morgen kommen. Sein Herr Vater kann doch nicht so jung mehr sein?
Siegwart. Neun und funfzig, glaube ich, wird er auf den Herbst alt werden.
P. Philipp. Sieht Er, das ist doch schon ein Alter, bei dem man ein bischen sorge haben kann. Mach Er sich auf alle Fälle gefasst! Es könnte bald eine schlimme Nachricht einlaufen.
Siegwart. (Sah den Pater ängstlich an) Herr Professor ... ich fürchte ...
P. Philipp. Ach, mein lieber Siegwart! Es tut mir leid.. aber ich muss ihms sagen ...
Siegwart. Was! Ist er tot? Gott im Himmel! –
P. Philipp. tot nicht, mein Lieber! Aber ...
Siegwart. Aber krank! ... Ja, sagen Sies nur! Ich sehs Ihnen an.
P. Philipp. Nur gelassen! Und bedenk Er, dass Er ein Christ ist! Ich hab wirklich heute Nachricht bekommen, dass sein Vater gar nicht wohl ist.
Siegwart. Lieber, lieber Gott! – Ach das ist ja schröcklich! Wie wird mir es gehen?
P. Philipp. Ich hab ihn schon gebeten, etwas gelassener zu sein. Vielleicht ist noch hoffnung da.
Siegwart. Ja damit wirds wohl vorbei sein!
P. Philipp. Das weiss er ja noch nicht. Er weiss noch keine Umstände. Wenn er sich erst etwas gefasst hat, so will ich ihm einen Brief geben.
Siegwart. O ich bin schon gefasst! Lieber Herr Pater!–Geben Sie mir nur den Brief her!
P. Philipp. Er ist schon gefasst? – Hör er mich erst an! Seine Schwester hat mir geschrieben, und mich himmelhoch gebeten, ihm erst Mut einzusprechen. Ich glaube, er ist nun vorbereitet. Sieht er, sein Vater ist schnell krank geworden; es sieht mislich mit ihm aus; aber man kann noch nichts gewisses wissen; der Arzt ist erst aus der Stadt geholt worden. Halt Er sich an Gott; es mag gehen, wie es will! Bedenk er, dass es Gott noch nie bös mit ihm gemeint hat! – Da kann er nun den Brief selber lesen.
Siegwart las ein kleines Briefchen von Teresen hurtig und zitternd durch; die Tränen stürzten ihm aus den Augen; er steckte es schweigend ein. – Das ist fürchterlich! sagte er nach einer langen Pause; Gott steh mir bei, und helf mir es tragen! Ich hab mir tausendmal gewünscht, eher zu sterben, als mein Vater, um den Schmerz nicht zu erleben; und nun kommts doch –
P. Philipp. Seiner Zärtlichkeit und kindlichen Liebe macht das sehr viel Ehre, mein lieber, braver Xaver! Aber denke er nur, wenn all unsre Wünsche erfüllt würden, zumal solche ...
Siegwart. Ist der Wunsch etwa ungerecht? –
P. Philipp. Mir deuchts so. Wenn alle Söhne vor den Vätern stürben, wo käm eine Nachwelt her? Der Mensch muss sich in einer Welt, die der Veränderung so unterworfen ist, im Voraus und in frohen Tagen auf alles Widrige gefasst machen. Ich fürchte, dass ihm bei seinem gefühlvollen Herzen noch grössere Prüfungen und Leiden bevorstehen.
Siegwart. Grössre Leiden kanns nicht geben, wie dieses ist! ...
P. Philipp. So muss er jetzt auch denken. Aber alles kommt auf die Lage an, in der uns ein Leiden trift; je, nachdem wir gestimmt sind; nachdem's eine Saite unsers Herzens trift. Ich tadl' ihn gar nicht, dass er jetzt so