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Gott ist. – Auch ich, sagte Sophie, denke an Seelen, die ich liebe. Verzeihn sie, dass ich so bewegt bin! Ach, ich hatte einst eine Schwester, die ist nun bei Gott. Die war mein Alles, meine innigste, vertrauteste Freundin. Sie starb in meinem Arm; ach, wenn ich nur schon bei ihr wäre! Sie ist glücklich, über alles glücklich! Und auf Erden kann mans nicht sein. – Hier sah sie unsern Siegwart mit einer Wehmut an, die ihm durchs Herz drang. Wir werdens auch einst; sagte er; drückte ihr, ohne dass er es wusste, die Hand, und wischte sich die Augen. Sophie blickte auf die Seite, und Tränen fielen aufs junge Gras.

Seit diesem Abend ward Sophie immer düstrer und schwermütiger. Die Worte Siegwarts: Ich liebe selbst nicht; wünsch auch nie zu lieben waren wie ein Dolch in ihre Seele gedrungen. Sie hatte' es bisher nur halb geglaubt, dass er in ein Kloster gehen wolle; nun hatte sie's aus seinem eignen mund gehört. – Alle hoffnung war nunmehr für sie verschwunden; sie gab sie selbst auf, und nahm sich sehr in Acht, ihn zu sehen. Ganze Tage lang war sie auf ihrem Zimmer eingeschlossen, seufzte, betete, stickte traurige Geschichten auf die Leinwand, oder verlohr sich in wehmütigen und schwärmerischen Phantasien am Klavier. Oft schrieb sie auf ein Papier, das sie sorgfältig verschloss. Alle Morgen ging sie ins Frauenkloster in die Frühmesse, und nährte da ihre Phantasie, bei der feierlichen Musik, die die Nonnen machten, mit Bildern von überirrdischer Liebe und himmlischer Seelenfreundschaft. Seit sie gewiss wusste, dass Siegwart ins Kloster gehen würde, war es auch bei ihr festgesetzt, sich einkleiden zu lassen. Der Gedanke hatte tausend Reiz für sie, sich eben so wie der, den ihre Seele liebte, ganz dem Himmel zu weihen; eben so, wie er, in der Stille, und von der Welt abgesondert, sich mit dem Heiland zu vermählen; und einst als eine keusche Braut dem, den sie hier umsonst liebte, als ihrem Bräutigam entgegen zu gehen. Sie erhitzte ihre Einbildungskraft noch mehr durch das Lesen einiger mystischen und andächtigschwärmerischen Bücher. Ihr Herz ward mit einer anscheinenden Verachtung der Welt erfüllt, die an sich mehr Ueberdruss zu leben war, und allein von betrogner hoffnung herrührte. Wenn sie Siegwart Einmal wieder sah, so war ihre Seele wieder ganz aus ihrer Fassung gebracht; die Welt zog sie wieder an sich, und sie hatte Tage lang zu tun, bis die arbeitende Phantasie sie aufs neu in den täuschenden Schlummer wiegte. Oft glaubte sie, ganz ruhig und ganz glücklich zu sein; aber der innre Gram verschmächter Liebe nagte unsichtbar an ihrem Leben; ihre Kräfte verzehrten sich allmählich: ihre Wangen bleichten ab; ihre Augen verlohren das lebhafte Feuer, und die zarte Pflanze welkte hin. Ihr Vater und ihre Mutter merkten endlich die Veränderung, und wurden sehr bekümmert drüber. Sie drangen oft mit Bitten in sie, ihnen die Ursache ihres Kummers zu entdecken, aber Sophie antwortete nur mit Tränen, gab die ursache ihrer Krankheit für eine natürliche Auszehrung aus, und entdeckte ihren Eltern den Wunsch, den Rest ihres Lebens im Kloster zubringen zu können. Die Eltern wollten lange nicht daran, weil dadurch alle die schönen Hofnungen vereitelt wurden, die sie sich einst von ihrer Tochter versprachen, aber endlich gaben sie nach, weil ihr Beichtvater, dem Sophie ihren Wunsch anvertraut hatte, auch sehr daran arbeitete, und es ihnen zur Gewissenssache machte, wenn sie ihre Tochter von einem so heilsamen Entschluss abhielten, und Gott und dem Himmel eine Seele zu stehlen suchten. Sophie erhielt endlich die Erlaubnis von ihren Eltern, auf Michaelis das Noviziat bei den Nonnen anzutreten.

Siegwart erzählte das alles seinem P. Philipp, der sogleich die Ursache von Sophiens traurigem Zustand erriet. Er suchte daher Xavern so viel als möglich abzuhalten, dass er nicht viel in Grünbachs Haus oder Garten ging, weil er vermutete, Sophie würde mehr leiden, je öfter sie ihn sähe. Daher lud er den jungen Grünbach öfters zu sich, oder ging mit den beiden Jünglingen spatzieren, und machte Anstalt, dass der junge Pater oft im Kloster ein Konzert anstellte, damit sie doch die Musik forttreiben könnten. – Um diese Zeit starb P. Johann plötzlich. Man traf ihn Morgens mit gefalteten Händen in seinem Bette tot an. Der gute Mann ward allgemein bedauert; am meisten aber von P. Philipp und von Siegwart. Beide gingen mit seiner Leiche auf den Kirchhof, sahn den Redlichen in die Ruhestätte legen, und segneten sein Andenken mit tausend Tränen. P. Hyacint ward nun an seine Stelle zum Lehrer der Teologie ernannt, und nun sah Siegwart den Unterschied erst recht zwischen einem redlichen Mann, der die Lehren der Religion aus überzeugung und mit Wärme, weil er ihre Kraft selbst so oft an sich gefühlt hat, andern vorträgt; und zwischen einem Eiferer, der den Religionsunterricht als Handwerk ansieht, und sein Gedächtnis bloss mit Worten ohne Saft und Kraft, und mit der geschichte von nichtswürdigen Streitigkeiten und Zänkereien angefüllt hat. Dieser trockne und mürrische Mann entleidete unserm Siegwart, der nur Leben und Wärme, besonders in der Religion suchte, den Aufentalt auf dem Kloster ziemlich. Er sehnte sich nach seinem lieben Kronhelm, der ihm viele, aber immer die kläglichsten und schwermütigsten Briefe schrieb, und ihn aufs