eine Sache, um die er gefragt würde, verschwiege, oder sie nicht zu wissen, vorgäbe. Diess machte ihn, sobald er mit einem Freund allein war, sehr offenherzig; wozu noch seine edle denkart kam, die ihn von den meisten gutdenken, und fast jeden nach sich beurteilen lehrte. Er war also auch diessmal auf Grünbachs Frage ziemlich offenherzig, und sagte: Ich fürchte, dass der arme Kronhelm unglücklich liebt; er liess mich einigemal etwas davon merken. – Dann bedaur ich ihn von Herzen, sagte Sophie, und suchte bei diesen Worten einen Seufzer zu unterdrücken. – Weichherziges geschöpf! sagte Grünbach.
Siegwart. Wie, Bruder? – Das ist doch kein Tadel?
Grünbach. Tadel nicht. Aber es steht doch auch nicht fein, gleich so weinerlich zu tun. – Freilich, Mädchen muss man das verzeihen. –
Siegwart. Ja, wenn Mitleid Fehler ist. Aber ich halts für einen Vorzug des weiblichen Geschlechts. Wir tun oft so hart und rauh; und doch würden wirs einem Freund übel auslegen, der nicht Anteil dran nähme, wenn uns ein Unglück, oder eine Krankheit zustösst.
Sophie. Ich will mich meines Mitleids eben nicht rühmen, denn man ist immer etwas eigennützig dabei, weil man selbst Vergnügen darüber fühlt, und sich beim Mitleid wohlgefällt; aber ich halte dieses Gefühl für eine Wohltat Gottes; und einen unglücklich Liebenden zu bedauren, halt ich für die erste Pflicht, weil sein Leiden wirklich gross sein muss.
Siegwart. Ja, gewiss gross, Jungfer Sophie! Ich habs bei meinem Freund erfahren. – Ach, wenn er so des Abends bei mir sass im Mondschein, oder in der Dämmerung; mir meine Hand drückte, und dann schwer aufseufzte, da fühlt ichs ganz, welche Qual in ihm toben musste.
Grünbach. Ja das sind so Empfindungen, die man zuweilen hat; aber Kronhelm sollte selbst mehr Mann sein.
Siegwart. Mann sein? Hältst du Liebe gar für eine Schwachheit? Ich liebe selbst nicht, Grünbach! Wünsch auch nie zu lieben; aber das weis ich, dass die edelsten und grössten Menschen auch geliebt haben.
Grünbach. Geliebt; das will ich nicht leugnen. Nur nicht klagen soll man, wenn es nicht gehen will!
Siegwart. Als ob man nicht scholl über körperliche Leiden klagte! Und Seelenleiden sind doch wohl noch grösser. Ein vollkommenes geschöpf zu sehen, dessen man sich wert fühlt, und von ihm verkannt, oder misverstanden zu werden, das muss schmerzen. Und noch grösser muss der Schmerz sein, wenn man gekannt, verstanden und geliebt wird; wenn man fühlt, dass man im Besitz dieses Geschöpfes das seligste Leben kosten könnte, und nun macht uns Vorurteil, oder unnatürliches verhältnis in der Welt, oder Eigensinn der Eltern und Verwandten den Besitz dieser Seligkeit unmöglich. Ist es da noch Schwachheit, wenn man leidet; seine Leiden nicht ganz verbergen kann, und zuweilen in ungeduldige Klagen ausbricht? Kronhelm hat sonst gewiss männliches genug! Aber ich glaube, je zarter und richtiger und tiefer einer fühlt, und je mehr er seinen eignen Wert kennt, desto mehr muss ihn unglückliche, verschmähte, oder durch Lumpenumstände zernichtete Liebe kränken. – Nein! ich bedaure meinen Freund im Innersten der Seele, und schätz ihn nur noch höher, seit ich gesehen habe, wie er mit sich selbst ringt, und doch seinen Schmerz so bekämpft, dass er niemals ganz verzagt.
Sophie. Hat denn der Herr von Kronhelm gar keine hoffnung, dass er in seiner Liebe jemals glücklich werden wird?
Siegwart. Wenig, oder keine, Jungfer Sophie!
Sophie. Das ist traurig! Wenn ich an seiner Stelle wär, ich ging ins Kloster. Ueberhaupt halt ich viel vom Klosterleben. Man kann da all sein Leid in der Stille so verseufzen, und wird von Menschen nicht gestört. Die Einsamkeit ist des Menschen beste Freundin, und die wohnt im Kloster.
Siegwart. O, da haben Sie vollkommen recht, Jungfer Sophie. Ja, das Klosterleben geht vor allem andern. Ich weis, wie es da so gut ist, und kanns kaum erwarten, bis ich da bin. –
Indem setzte sich eine Nachtigall nahe bei ihnen auf einen blühenden Apfelbaum, und fing an, aus voller Kraft zu schlagen. Auf Einmal schwiegen die jungen Leute, horchten zu, sahn einander oft mit Verwunderung an, und nickten sich lächelnd zu, wenn die Sängerin mit ihren Tönen auf den höchssten Gipfel stieg, dann wieder langsam und wehklagend ihren Ton herabsenkte. Oft drückte sie die ganze sehnsucht und das Schmachten aus, mit dem Sophiens Seele an Siegwarts seiner hieng. Das arme Mädchen musste weggehn, und weinen. Sie gicng einen Heckengang hinauf, und blieb alle Augenblicke stehen. Siegwart kam durch einen andern Weg, oben in den gang herunter. Er stand auch still, und hörte den Gesang der Nachtigall, die nun nahe bei ihm auf den Zweigen sass. Dann ging er allmählich auf Sophien zu, nahm sie in der Entzückung bei der Hand. Ach, Sophie, sagte er, das ist himmlisch! Sie sind auch bewegt. Es geht ihnen wohl wie mir; ich denke immer an einem solchen Abend, wenn die Nachtigall so singt, und die Sterne hell blinken, an Personen, die ich liebe, oder an Verstorbne. Ach das Bild meiner Mutter schwebt halbsichtbar um mich her, und ich preise sie selig, dass sie schon bei