und schwermütig. Und dann schrieb sie mir auch neulich, dass sie kränkle und den Tod hoffe. Ich dürfte das Kronhelm nicht sagen; er würde mit ihr sterben. Ach, die Liebe ist was fürchterliches, sagte Philipp. Sie verzehrt die edelsten und besten Seelen. Unter hundert Jünglingen und Mädchen, welche sterben, würde man immer, wenn man ihre Krankengeschichten wüsste, zehen finden, die die Liebe getödtet, oder doch um etliche Jahre dem grab näher gebracht hat. Hüt er sich, mein lieber Xaver! so viel als möglich, vor dem Umgang mit Frauenzimmern! Man muss vorher Vorsicht gebrauchen. Wenn man schon zu lieben anfängt, dann ist alle Flucht zu spät. Hüt er sich, da er, nach seiner Bestimmung, nie glücklich lieben kann und darf!
Siegwart ging auch wirklich deswegen weniger zu Grünbach, weil Sophie allemal aufs Zimmer kam, wenn er da war. Doch glaubte er, hier, von seiner Seite sicher genug zu sein, denn er fühlte keine Neigung zu dem Mädchen, ob er sie gleich ihrer sittsamen Bescheidenheit, und ihrer tiefen, richtigen Empfindung wegen, sehr hochschätzte. Die Einsamkeit, so sehr er sie auch liebte, war ihm doch zuweilen unerträglich, weil sie ihn oft gar zu lebhaft und zu traurig an seinen Kronhelm erinnerte; und die Liebe zur Musik, die er jetzt allein wenig treiben konnte, rief ihn manchen Abend zu Grünbach. Sophie sass oft ganze Stunden lang in einem Winkel da, hörte ihnen zu, und ward im Innersten bewegt. Siegwart schrieb das der Musik zu, was die Liebe bei ihr tat. Doch war sie dabei so ängstlich und zurückhaltend, dass sie ihm nie einen deutlichen und redenden Beweis ihrer Liebe gab. Sie litt in der Stille, verzehrte sich in sich selbst, und vertraute ihre Seufzer und Tränen nur der Einsamkeit. Sie erlaubte sich nur selten einen blick auf Siegwart, und zog ihn gleich wieder erschrocken zurück, wenn er sie ansah. Er selbst war in der Liebe noch zu unerfahren, als dass er es hätte merken sollen. Wenn sie am Klavier spielte und sang, so bebte ihre stimme, weil sie sich durch zu vielen Ausdruck zu verraten fürchtete. Zuweilen war ihr Ton so wehmütig und schmelzend, dass Siegwart innigst dadurch gerührt wurde, und da glaubte sie, er sei gegen sie nicht ganz gleichgültig; und diess nährte ihre Liebe.
Acht oder zehen Tage nach Kronhelms Abreise bekam Siegwart folgenden Brief von ihm:
Einziger und liebster Freund!
Frag mich nicht, wie ich lebe? Dein eigenes Herz muss Dir antworten: bang und elend. O Lieber! was ist doch des Menschen Leben? Schon so elend oft im Arm des Freundes! Was ist es ohne Freund? Wenn ich nicht eine Religion hätte, die mich dulden lehrte, weil sie dem Dulder Kronen zeigt, so sucht' ich einen Ausweg. – Dank Dir für Deinen lieben Vers, den ich hundertmal auf dem Weg hieher wiederholte:
Und blick ins bessre Leben!
Ich würde hier in Ingolstadt unzufrieden sein, wenn ich auch ein gesunderes Herz mitgebracht hätte. Die Lage des Orts ist verdrüsslich und bergicht. In der Stadt sind lauter Mistaufen. Wir sind bisher immer in stinkende und ungesunde Nebel eingehüllt gewesen. Man soll leicht Krankheiten davon kriegen. Das wäre noch das beste, wenn mich eine suchen, und es enden mit mir wollte! Aber man sagt, der Tod sei der Unglücklichen Freund nicht. Die Gesellschaften unter den Studenten hier sind ekel, elend und mehr als einschläfernd. Die Leute können kaum deutsch. Erbärmliches Küchenlatein wird überall gesprochen. Lass dichs ja nicht merken, wenn Du hier bist, dass Du deutsche Verse, noch weniger von einem Protestanten lesest. Diess wäre schon genug, Dich lächerlich zu machen, und zum Ketzer. Ich wäre bald um meine deutsche Bücher und um meinen Klopstock gekommen. Ein Student, der mich besuchte, sah, dass vorn' auf dem Titel: Halle stand. Das ist ja wohl bei den Ketzern, sagte er. Ja, antwortete ich, Halle ist ein protestantischer Ort im Preussischen. – So lassen Sie ja das Buch nicht öffentlich sehen! sagte er ganz ängstlich; das würde Ihnen gleich weggenommen werden. Man ist hier gar scharf. So, sagte ich, denket man hier so? und schnitt das Titelblatt heraus; und so hab ichs auch mit meinen andern Büchern gemacht. Brauch diese Vorsicht auch, mein Lieber! – Du kannst aus diesem wenigen sehen, wies hier aussieht? Beim alten und beim jungen Herrn von Ickstatt hab ich Aufwartung gemacht; das sind noch Leute, die billig und vernünftig denken. Aber der junge Herr hat auch auf einer reformirten Universität, ich denke, in Marpurg studirt.
Wann nur Du hier wärest, Lieber! dann wär mir jeder Ort noch erträglich; aber so kann ichs kaum aushalten. Ich irre allein auf den Bergen herum, spreche mit mir selber laut, und wein' um Teresen und über mein Schicksal. Was macht der Engel? Das wollt ich Dich zuerst fragen. Ich hab ihren Namen in Buchen eingeschnitten und in Felsen geritzt an der Donau. schreibe ihr, dass ich dulde, und getreu sei! – Ich sah den Himmel, der ihr Dorf umzieht, und weinte. Damals konnte ich beten; noch selten konnte ichs. – Mein Vater hat mir geschrieben, und mir fürchterlich gedroht. Ich lache seiner Drohungen. Mir kann