fünf Uhr war der Mietkutscher bestellt, der ihn nach Ingolstadt führen sollte. Anfangs wollt es Kronhelm nicht tun, weil er doch nicht schlafen könne; aber endlich gab er seines Freundes Bitten nach. Siegwart sah indessen die vom mond blasserhellte Gegend, war voll tiefer Wehmut, und schrieb in ihr diese Verse nieder:
An meinen Kronhelm, als Er mich verliess.
Die bange Scheidestunde naht
Mit allen ihren Qualen;
Der Mond beleuchtet ihren Pfad
Mit blassen Todesstralen.
Wo nehm' ich Mut, zu scheiden, her,
Dass nicht das Herz mir breche?
Schau du, o Gott, vom Himmel her,
Und blick auf meine Schwäche!
lebe wohl, du Teurer! Ach, ich kann
Dir keinen Segen geben.
Geh! lebe als Christ, und duld' als Mann.
Und blick ins bessre Leben!
Vielleicht, dass dir nach langer Nacht
Noch hier ein Morgen glänzet;
Vielleicht dass Liebe noch dir lacht,
Und dich mit Freuden kränzet.
Jetzt scheiden unter Seufzern wir,
Und treuen Herzenszähren;
Jetzt muss ich ohne Trost von dir,
Allein, zurücke kehren.
Doch kurze Zeit, so werde ich dich,
Geliebter, neu umfangen;
O möchtest du getröstet mich
Und froher dann empfangen!
Siegwart schrieb das Gedicht unter Tränen ab, und legte es auf den Tisch, hierauf las er etwas im Gessner. Um vier Uhr wachte Kronhelm wieder auf. Einigemal ging er schweigend im Zimmer auf und ab. Das Gedicht fiel ihm in die Augen, er las es, und sank an die Brust seines Freundes. Wie kann ich dir dafür danken, Xaver? sagte er. Nimms zum Andenken! antwortete Siegwart; ich hab nichts bessers. Sei standhaft, Lieber! In einem Jahr bin ich wieder bei dir. Dann solls besser mit dir stehen, hoff ich. – Ach, wie kann das? sagte Kronhelm. Wenn du nur gleich mit mir reistest! Wie werde ich das allein aushalten können? Grüss mir Teresen! Segne sie tausendmal! Sag ihr, dass ich ewig ihr gehöre, wenn ich sie auch niemals wiedersehe! Sprich ihr Mut ein und Geduld! – Wie viel ist die Glocke? Ich werde wohl bald fort müssen? Siegwart sagte, dass es noch eine halbe oder dreiviertel Stunden anstehen könne. – Sie gingen mit einander auf und ab; und sprachen wenig. Endlich kam der Torwart, und sagte, der Fuhrmann sei da. Nun lebe wohl, Liebster, Bester! sagte Kronhelm, und umarmte Xavern. Vergiss mich nicht! schreibe mir oft! Sie hiengen lang an einander, und sprachen nichts. Als sie an P. Philipps Zimmer vorbeigingen, sagte Kronhelm: Grüss mir den lieben Mann tausendmal! Segn' ihn tausendmal für alle seine Liebe! – An der Kutsche umarmten sie sich noch einmal und schieden.
Siegwart eilte auf sein Zimmer zurück, um seinem Schmerz freien Lauf zu lassen. Er konnte sich kaum mässigen, rang die hände, sprach und weinte laut. Endlich warf er sich auf seine Knie nieder: Gott, du Vater aller! Segn' ihn! Tröst ihn! Stärk ihn! Er ist der edelste, der beste Mensch. Segn' ihn! Stark ihn! Tröst ihn! Ihn und meine Schwester! Mach die beiden glücklich! Ach, belohn ihm alle Freundschaft, die er mir erwiesen hat! Vergib mir alle Kränkungen, die ich ihm vielleicht, wider Willen, antat! Gott, vergib mir sie, und segn' ihn! – O mein Freund, du Teurer! Warum must du mich verlassen? Gib mir ihn bald wieder, Gott! Lass mich ihn bald wieder sehen! – Endlich warf sich Siegwart, vom Wachen und vom Schmerz ermüdet, in den Kleidern aufs Bette, um noch ein paar Stunden zu schlafen.
Den andern Tag war die ganze Welt ihm öde, und ein unausfüllbares Leere war in seinem Herzen. Er vermisste seinen Kronhelm immer, und wollte alle Augenblick mit ihm reden. Des Abends vergass er sich oft selbst, und dachte, so oft er jemand auf dem gang vor seinem Zimmer gehen hörte, sein Freund komme nun. Dann sah er seinen Irrtum; es fiel ihm ein, dass er ferne sei, und seine Wehmut erwachte stärker. Er ging auf P. Philipps Zimmer, um ihm das letzte Lebewohl seines Freundes zu sagen; die beiden brachen in sein Lob aus, erzählten alles, was an ihm vortreflich war, mit Lebhaftigkeit nach einander her, und bedaurten dann gemeinschaftlich ihren Verlust. Siegwart zeigte dem Pater den Gessner, den ihm sein Freund geschenkt, und was er vorne hinein geschrieben hatte. – Ich bedaure den armen Kronhelm, sagte Philipp! Er hat von der Liebe ganz unendlich viel gelitten. Er ist ganz verändert, und so ungestüm und heftig geworden. Man sieht, dass er doch vieles von seines Vaters Temperament haben muss. Seine Einbildungskraft, die sonst zu schlummern schien, ist schrecklich aufgewacht. Das traurigste ist, dass er alles so tief fühlt, und so fest in seinem Herzen verschlieft. Die Liebe hat ihm eine tiefe Wunde geschlagen, und ich fürchte, dass sie eher nicht, als durch den Besitz Teresens geheilt werden wird; aber dieses ist so weitaussehend und unwahrscheinlich, dass er vorher drüber zu Grund gehen kann. – Ja, und meine Schwester kanns auch, sagte Siegwart. Das arme Mädchen leidet so viel. Alles, was sie schreibt, ist so düster