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Menschen, und besonders meine Schüler, am meisten aber Ihn, mein lieber Herr von Kronhelm glücklich, weil er so sittsam und rechtschaffen ist, und das wird man am ersten durch Religion. Vergess Er also Gottes Wort und meine Lehren nicht! Ich werde oft an Ihn denken, und für Ihn beten. denke Er auch zuweilen an mich, und bet Er, dass mich Gott ferner treu und geduldig in der Leidenszeit erhalte, die wohl nicht mehr lange währen wird. lebe Er wohl! Gott segn Ihn! Hier gab er unsern, Kronhelm die Hand; dieser küste sie mit heisser Innbrunst, und liess seine Tränen drauf fallen. – Der Abend ward auf P. Philipps Zimmer sehr traurig zugebracht. Kronhelm sprach fast gar nichts, und Siegwart auch nur wenig, denn auf beiden lag die Last der nahen Trennung schwer. Philipp, der nun drei Jahre schon unsern Kronhelm gekannt, und seine Seele täglich unter seiner Anführung sich hatte vervollkommen sehen; der ihn, ob er wohl sein Schüler war, wie seinen Freund liebte, der jetzt alle seine Leiden kannte, und voraus sah, dass sie sich nach der Trennung von seinen Freunden noch verdoppeln würden, war selbst von allen diesen Vorstellungen danieder gedrückt, und hatte Mühe, seinen tiefen Kummer zu verbergen, um nicht seine jungen Freunde noch wehmütiger zu machen. Er nötigte sie, etwas mehr Wein zu trinken, um ihre Traurigkeit in etwas zu zerstreuen, und sie wurden wirklich um ein gutes munterer. Aber mit den Lebensgeistern wachte bei Kronhelm das Andenken an Teresen auch wieder lebhafter auf; er nahm ein Glas; stand auf; brachte Teresens Gesundheit aus; und trank; und Tränentropfen fielen ihm in den Wein. Alle Hindernisse, sie jemals zu erhalten, schwanden vor ihm weg. Er fühlte sich zu allem stark, und sagte, kein Mensch solle sie ihm rauben. P. Philipp hatte sich dieser Wendung nicht versehen; er war gesinnt gewesen, ihm noch etwas Lehren auf den Weg zu geben, sich in sein Schicksal zu finden, und nach und nach ihr Bild aus seinem Herzen zu entfernen; aber er sah wohl, dass dieses jetzt übel angebracht sein, und seine leidenschaft mehr erhizzen würde; er beschloss also, ihm lieber davon zu schreiben, da ohnediess Briefe mehr Eindruck machen, als Reden, weil man sie öfter lesen, und die darin entaltenen Ermahnungen mehr überdenken kann. Er bat Kronhelm, ihm zuweilen zu schreiben, und versprach, es auch zu tun. Kronhelm nahm diesen Antrag mit Freuden und Dankbarkeit an. – Um zehn Uhr nahmen sie von einander Abschied. Beide sprachen wenig, weil Tränen ihre Reden erstickten. Gott sei mit dir, mein Sohn! sagte Philipp, und umarmte Kronhelm. Dieser sah seinen Freund und Lehrer noch einmal an, drückte ihm mit unaussprechlicher Empfindung die Hand, und ging mit Siegwart schweigend weg. – Als er auf sein Zimmer kam, stand er ans Fenster, sah stillschweigend den Mond, und die Donau, die in seinem Glanz dahin tanzte; und überdachte alle das Gute, was er hier im Kloster, besonders von seinem lieben P. Philipp genossen hatte. Siegwart stand am andern Fenster, und weinte. Endlich fing Kronhelm schweigend an, das noch nötige zu packen. Siegwart half ihm. Es lag noch ein Buch auf dem Tisch. Willst du das nicht auch einpacken? sagte Siegwart. Nein, es gehört dir, sagte Kronhelm, nimms zum Andenken! – Siegwart schlug es auf. Es waren Gessners Idyllen. Vorne stand drinn:

denke, o Lieber! Deines armen Freundes!

Stark, und heiss, und treu, wie Gessners

Schäfer, hat sein Herz geliebt;

Aber weine, Freund!

Ich werde sterben!

Denn ich liebte stark, und heiss, und treu!

Ach die zeiten sind dahin,

Da ich glücklich war, wie Gessners Schäfer!

Weine, Freund! und denke meiner!

K.W. Kronhelm.

Als diess Siegwart gelesen hatte, drückte er seinen Freund mit heftiger Bewegung an sein Herz, und weinte. O es muss dir wohl gehen; sagte er. Bleib nur standhaft, und verzag nicht'. – Dank dir. Lieber! für das Andenken! Aber sters bcn must du nicht! Schon dich, Lieber! glaube, es kann dir nicht unglücklich gehen. – Ich will dulden, sagte Kronhelm, schreibs auch Teresen, dass sie dulde! Hör! ich kann dirs nicht veri schweigen, was ich vorhab! Ich fahre durch dein Dorf. Es ist nur zwo Stunden Umweg. Vielleicht sehe ich meinen Engel, und werde auf Jahre lang gestärkt! Um Gottes und Maria willen, nicht! sagte Siegwart. Willst du sie und dich ganz unglücklich machen? Ihr würdet wieder doppelt leiden, wenn ihr aufs neu einander sähet. Und wenn es meine Schwägerin erfährt, und schreibts deinem Vater? Auch meinem Vater würde es sehr missfallen. Tu's um Gottes willen nicht! – Nein, ick wills nicht tun, sagte Kronhelm weinend. Es war nur so ein Einfall, der mir erst gestern Abend kam. Du hast Recht; ich kanns nicht tun. Grüss den Engel! Segn' ihn tausendmal in meinem Namen! schreibe ihm: Sei getreu bis an das Ende! Hier brach ihm wieder das Herz, dass er nicht weiter sprechen konnte. – Siegwart überredete hierauf seinen Freund, sich drei oder vier Stunden niederzulegen; denn um