aus. Er konnte ihm nichts recht machen; jede Bewegung, die er auf dem Zimmer vornahm, konnte seinen Freund verdrüsslich machen, und er verzog die Minen darüber. Wenn er lachte, war ihms nicht recht; wenn er traurte, auch nicht. Siegwart trug alles mit der grössten Geduld, und gab seinem Freund in allem nach. Zuweilen überfiel seinen Kronhelm schnell die Wehmut, dass er weinen konnte; dann sprach er von Teresen. Siegwart konnte ihm wenig von ihr sagen, denn sie schrieb nichts mehr von Kronhelm, aber immer traurig und wehmütig. Einmal schrieb sie ihm: Die Ursache meiner Leiden ist unsre Schwägerin. Sie war einmal bei uns, als ein Brief von dir kam. Ich übereilte mich, und brach ihn auf. Ein versiegelter Brief von Kronhelm lag darin. Ich steckte ihn schnell ein, und ward rot. Das hat sie vermutlich gemerkt, und an Kronhelms Vater geschrieben; denn sie sagte gleich: Sie korrespondiren ja auch mit dem jungen Herrn von Kronhelm? Ich konnte meine Verwirrung nicht verbergen, noch es ganz verhehlen. – Kronhelm fing von neuem an zu toben; dass eine solche Kleinigkeit an seinem Unglück Schuld haben sollte. P. Philipp suchte ihn auf alle mögliche Weise zu zerstreuen; aber es half wenig. Er nahm ihn oft, mitten im Winter, mit spatzieren. Das traurige Stillschweigen der natur nährte nur seine Traurigkeit. Er las in seinen Büchern nichts, als düstre, wehmütige Stellen. Die Musik ergötzte ihn auch nicht mehr. Nur zuweilen phantasirte er in lauter Dissonanzen und wimmernden Tönen. Die Einsamkeit war ihm das liebste, und sie lobte er allein. Oft pries er unsern Siegwart wegen des Entschlusses selig, die Welt zu verlassen, und sich in ein Kloster zu verschliessen. Das war gewiss ein weiser und unglücklicher Mann, sagte er, der wie ich geliebt hat, der zuerst den Einfall hatte, in eine Einsiedelei zu ziehen, oder sich durch Mauren vom unseligen Menschengeschlecht abzusondern. Man muss aufhören, ein Mensch zu sein, wenn man glücklich werden will! Ich wollte, dass ich alle meine Leiden mit dir in einer Zelle vergraben könnte!
Diese Reden, und das ganze Schicksal seines Freundes machte bei unserm Siegwart den Gedanken ans Klosterleben aufs neue wieder zum alleinherrschenden und angenehmsten. Er sah die Liebe als die grösste Feindin des Menschengeschlechts an, und glaubte, sich nicht stark und früh genug vor ihr verwahren zu können. Er dachte sich nur seinen P. Anton und die andern Paters, wie ruhig und zufrieden die in ihren Zellen lebten. Er glaubte, die Liebe könne sich der Klostereinsamkeit nicht nahen, und schmachtete recht darnach, bald in diesem sichern Hafen einzuschiffen.
Ostern rückte nun heran, an dem Kronhelm die Schule verlassen, und nach Ingolstadt ziehen sollte. Er wäre gern noch länger in der Nachbarschaft Teresens geblieben, ob ihn dieses gleich nichts half, und hatte deswegen auch an seinen Onkel in München geschrieben; aber dieser fand nicht für gut, es ihm zu erlauben; denn er hatte durch seinen Bruder Veit die Liebe seines Neffen erfahren. Ob er gleich von Vorurteilen ziemlich frei war, so konnte er doch Kronhelms Wahl nicht begünstigen, denn er hielt seine Liebe für eine vorübergehende, aufbrausende leidenschaft, und kannte auch das Mädchen gar nicht, das er gewählt hatte. Die Entfernung, hoffte er, würde die beste Arzenei für sein krankes Herz sein, und ihm bald seine vorige Heiterkeit und Ruhe wieder geben.
Kronhelm reiste also an Ostern ab. Sein Vater hatte zwar gewollt, er sollte ihn vorher noch in Steinfeld besuchen, aber diess war ihm unmöglich. Er sah alle die Vorwürfe voraus, die ihm sein Vater wegen Teresen machen würde, und wusste, dass er dazu unmöglich still schweigen könnte. Er verachtete auch seinen Vater wegen seiner rohen, unmenschlichen Seele, und wegen seines Betragens gegen ihn zu sehr, als dass er nicht seine Gesellschaft soviel, als möglich, hätte vermeiden sollen. – Bei dem herannahenden Abschied von seinem innigsten und ersten Freunde, von dem Bruder seiner ewiggeliebten Terese, erwachte sein ganzer Schmerz von neuem. Die ganze Zeit über, da er die Vorbereitungen zur Abreise machte, war er wie betäubt; alles war tobt um ihn herum; dann überfiel ihn plötzlich wieder eine Aengstlichkeit; er lief in einen Winkel, um allein zu sein, und seine Tränen auszuschütten. Er erschrack, wenn er allein war, und Siegwart ungefähr aufs Zimmer kommen sah, und Zähren schossen ihm in die Augen. Den Tag vor seiner Abreise ging er zu Grünbach, um von ihm Abschied zu nehmen. So viel er auch auf ihn hielt; so fühlte er doch nichts dabei und ward nicht im mindesten bewegt. Unten in der tür stand Sophie, um ihm auch ihr Lebewohl zu sagen; sie weinte, und nun weinte er auf einmal mit, weil ihm seine Terese mit aller Lebhaftigkeit einfiel. Er lief, so schnell er konnte, über die Strasse. Dann nahm er von seinen Lehrern Abschied. Beim P. Johann ward er sehr bewegt. Der kränkliche Mann wünschte ihm mit der herzlichsten Rührung allen Segen des himmels. Kronhelm dankte ihm für seinen Unterricht. Ich wünsche, sagte Johann, dass meine Lehren auch bei Ihm Frucht bringen, und Ihn, wie mich, in Freud und Leid erquicken mögen. Sie flossen aus reinem Herzen, und nie ohne vorhergehendes Gebet, dass Gott sie segnen möge! Ich wünschte so gern alle