und wollte da bleiben. Aber Siegwart riss ihn mit Gewalt auf. Endlich fing er an bitterlich zu weinen. Siegwart sprach kein Wort, und weinte mit. Nun ist mir wohl, sagte Kronhelm, herzlich wohl. Ich dachte, ich könne nicht mehr weinen ... Bruder, Bruder! In mir tobt mehr, als Höllenqual. Terese ist hin für mich. Weist dus schon! – Ja, sie hat mir es geschrieben, sagte Siegwart.
– Hat sie das? Mir hat sies auch geschrieben. O, der Engel ist verloren! Aber meinst du, dass das lange währen soll? Ich kann auch sterben, Bruder! Bei Gott! ich kanns auch! – Ihr seid rechte Tröster, du und Philipp! Aber, ich brauch ja keinen Trost! Der Tod hat so viel Trost; wird mir auch wohl welchen geben! O, der Engel ist verloren! – So sprach er immerfort, ohne dass Siegwart ihm ein Wort antworten konnte, als dass er ihn zuweilen mit Tränen und einsylbichten Wörtern bedauerte. Sie gingen wieder nach Haus. Siegwart bat in der Stille den P. Philipp auf sein Zimmer, weil er sich zu schwach fühlte, jetzt bei seinem Freund allein zu sein. Philipp wusste ihm selbst wenig zu seinem Trost zu sagen. Sein eigenes Herz litt zu viel bei den Qualen seines jungen Freundes. Er hatte selbst einmal unglücklich geliebt; und die Erinnerung aller seiner vorigen Leiden kehrte wieder in sein Herz zurück. Kronhelm sprach wenig; er sah immer mit seinen Blicken starr auf Einen Ort, und schien gar nichts mehr zu fühlen. Zuweilen nur ward sein Körper durch einen hervorbrechenden Seufzer ungewöhnlich stark erschüttert. Die ganze Nacht ächzte er, und Siegwart, der nicht schlafen konnte, aber doch sich stellte, als ob er schliefe, hörte ihn oft mit sich selbst, aber immer abgebrochen, sprechen. Er litt bei den Leiden seines Freundes, und bei den Qualen seiner Schwester, deren tieffühlendes Herz er kannte, unendlich viel. Den andern Morgen sass Kronhelm immer auf der stube, und schrieb; denn es war ein Sonntag. Siegwart störte ihn nicht, und schrieb indessen an seine Schwester. Endlich gab ihm Kronhelm ein Blatt, und sagte: Ich will deiner Schwester keinen Brief mehr schreiben, sie hat mir es verboten. Aber nur um Eine Wohltat fleh ich dich; die must du mir gewähren. schreibe dieses Blatt ab, es ist kein Brief, was ich geschrieben habe. Es ist mein letztes Vermächtnis an Teresen. schreibe es ab, und legs in deinen Brief, ohn' ein Wort davon zu schreiben! Versag mir diese letzte traurige Wohltat nicht! Siegwart wagte es nicht, seinem Freund zu widersprechen, und schrieb folgendes ab:
Stirb nur, Engel! Ich flehe Gott darum, und folg dir bald nach. Diese Welt ist viel zu klein für Liebende. Wenn ich die Stern' am Himmel funkeln sehe, so denke ich: Einer von den Sternen allen wird doch einen Wohnplatz für die Liebe haben. Du Gott, kannst dein Kind, dein herrliches geschöpf, nicht ganz aus deinem Weltgebäu verbannen. Ja, sie lachen mir lieblicher die Sterne. Dieser Stern dort mit dem bläulichen und reinen Lichte winkt mir .... Stirb nur Engel! sieh, er lacht uns .... Fall in Staub dahin, du schwache Hütte! denn du hast genug geduldet. Hat dich nicht der Sturm des Lebens gnug erschüttert? ... Auf mein Geist! und schüttle deine Tränen ab. Auf zum Stern mit dem bläulichen und reinen Lichte! ... Die natur ist tot; sie ist gestorben. Willst du länger hier im Tal des Todes weilen? – Ach, Terese, lass uns eilen an den Ort, wo keine Menschen sind! Denn der Mensch ist hart und grausam .... Weine nicht, du Teure! Diese Nacht im Traume hab ich ihn gesehen, den Tod. Er ist ein hellleuchtender Engel, und hat Palmen in der Hand zum Trost der Liebenden ... Und du weinst noch? Sieh, ich lächle ja; der Engel mit den Palmen hat uns zugewinket, dir und mir .... Wohlauf, ihr Menschen, raubt mir meine Liebe! Unter Engeln wohn ich. Raubt mir meine Liebe!.. Warum wein' ich denn, du Teure? Kann doch die natur nicht weinen. Schau hinaus! Sie ist versteinert. Auch der Bach, der immer weinte; auch die Donau steht versteinert da. Weine doch, o Donau, dass ich einen Gespielen habe meiner Tränen!.. Wenig Tage noch, so sind wir hingewandelt, ins Gefild der Liebe ... Duld, o meine Liebe! Sei getreu bis an das Ende! Sieh! ich will getreu sein, bis ans Ende! Und du willst mir eine Freundin geben? Duld, o meine Liebe! sei getreu bis an das Ende! Amen!
Kronhelms Seele versank in die tiefste, düsterste Melancholie; sein ganzer charakter bekam eine andere Wendung. Er ward heftig, und auffahrend, und über alles ärgerlich. Sein natürlich sanftes und gefälliges Wesen verwandelte sich in eine mürrische, verdrüssliche Laune. Alles, was er sah und hörte, und die ganze Welt ward ihm zuwider. Er verachtete das ganze Menschengeschlecht; nur den P. Philipp und seinen Siegwart nicht. Aber der letztere stand doch sehr viel bei ihm