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noch so heftig! Ich kann mich in dich nicht finden.

Kronhelm. Ich mich auch nicht, gib nur her!

Siegwart. Aber du must mich den Brief erst sehen lassen. Nicht?

Kronhelm. Ja freilich! Gib nur her! (Er schreibt) "Lieber Papa!" Ja, es ist nicht wahr. – "Ihr nicht mehr schreiben will." Das ist fürchterlich! – Da! Ich kann nichts bessers schreiben. Lis nur! – Nun, gefällt dirs? Kann ichs anders machen?

Siegwart. Nein; es ist gut. Ich hoffe, das soll ihn beruhigen! –

Kronhelm. Ja, ihn! Aber auch mich! Solls auch mich beruhigen? – Gib her! Ich wills wieder zerreissen, den verdammten Wisch!

Siegwart. Lass doch, Bruder! Du kannst Einmal nichts anders schreiben. denke, dass du Teresen dabei schonst!

Kronhelm. Nun so seis! Siegl' es zu! Ich mag mit dem Quark nicht länger umgehn!

Siegwart siegelte den Brief zu, und erbot sich, ihn des Junker Veits Bedienten zu bringen; denn er fürchtete, Kronhelm möchte den Brief wieder zerreissen. Dieser blieb indessen allein auf dem Zimmer, und verwünschte sein Schicksal. Bald war er wild und heftig, bald wieder wehmütig, und zum tiefsten Schmerz herabgebeugt, wenn er an Teresen dachte. Siegwart kam bald wieder, und nun besprachen sie sich über die traurige geschichte; Kronhelm war nun äusserst besorgt, was Terese zu seinem Betragen denken, und ob sie ihn nicht verachten werde, wenn sie höre, dass er seinem Vater versprochen habe, ihr nicht mehr zu schreiben? Siegwart beruhigte ihn aber wieder, indem er versprach, ihr die Sache im Zusammenhang zu schreiben, und sie zu überzeugen, dass er, nach Erforderniss der Umstände so habe schreiben müssen. Sie wird es selber einsehen, sagte er, da sie nun deinen Vater selbst kennt. Und deswegen, dass du versprochen hast, ihr nicht mehr zu schreiben, kannst du auch ziemlich unbesorgt sein, da ich ihr alle Wochen schreibe; da kannst du mir ja alles in die Feder sagen, was du an sie geschrieben haben willst; und so kann sie's wieder in den Briefen an mich machen, diess beruhigte zwar Kronhelm etwas, aber doch nicht viel; und er zitterte vor Teresens nächstem Briefe. P. Philipp, dem sie die geschichte auch erzählten, arbeitete sehr daran, unserm Kronhelm einen gesetzten Mut beizubringen, denn er befürchtete nicht ohne Grund noch traurigere Auftritte. Er hielt ihm, mit der grössten Rührung, die Pflichten vor, die er seinem Vater, der Welt, Teresen und sich selber schuldig sei. Ich will, sagte er, das Verfahren seines Vaters nicht entschuldigen; aber ganz Unrecht hat er doch auch nicht, dass er sich einer Verbindung widersetzt, die ohne sein Vorwissen, und (wie Er vorauswissen konnte) ohne seine Bewilligung mit einer person eingegangen worden ist, die sein Vater nicht kennt, und die von einem andern Stand ist, als er. Zwar an sich betrachtet, ist der Stand nichts, aber in unsre jetzige bürgerliche Verfassung hat er Einfluss, und man kann ihn nicht ganz aus den Augen setzen. Mach er sich auf alles gefasst, und bedenk er diess zuerst, dass man durch Heftigkeit und Unbesonnenheit immer am wenigsten ausrichtet. Wenn er das getan hat, was ihm möglich war, und was er, ohne seine Pflichten zu verletzen, tun konnte, dann überlass er das Uebrige der Vorsehung, die nie ohne weise Güte handelt, wenn man sich ihr nicht selbst widersetzt. Es kann, so unglaublich es ihm jetzt auch vorkommt, sein Glück sein, wenn er Teresen nicht kriegt. Wenn ihr Besitz sein wahres Glück ist, so bekommt er sie gewiss. Stell er sich im Voraus alles, auch das ärgste, was ihm begegnen kann, vor! So kommt ihm nichts unerwartet, und sein Herz wird weniger erschüttert. Ich sage nicht, dass er die hoffnung ganz sinken lassen soll. hoffnung nähre das Herz des Menschen, und ist nur dann schädlich, wenn wir sie zu tief wurzeln lassen, und Gewissheit aus ihr machen wollen. – Kronhelm hörte zu; er fühlte, dass der Pater Recht hatte, aber die Wahrheiten waren ihm zu traurig; doch hielten sie ihn von der allzugrossen Heftigkeit zurück.

zwei Tage darauf kamen Briefe von Teresen und ihrem Vater. Kronhelm erbrach sie mit Zittern und dem bängsten Herzklopfen. Sie schrieb ihm folgendes:

Teurester Freund!

Ich schreibe Ihnen mit dem kummervollsten Herzen, und mit nassen Augen den letzten Brief in meinem Leben. Der vergangene Montag ist für mich der traurigste und fürchterlichste Tag gewesen. Ihr Vater, den ich noch nicht kannte, kam mit einem Edelmann und zwei Jägern in unsern Hof angesprengt. Ich hörte ihn mit Ungestüm nach meinem Vater fragen, und sah aus dem Fenster. Bist du die Hur? rief er zu mir herauf. Ich wusste nicht, was ich aus dem Mann machen sollte? und lief zitternd zu meinem Vater. Als wir hinunter wollten, kam Ihr Vater uns schon auf der Treppe mit dem Edelmann entgegen. – Ist Er der Amtmann Siegwart? fragte er. Ja, mein Herr! antwortete mein Vater, was befehlen Sie? – Nichts befehlen! rief Ihr ein Schurke, dass er es weis! Er will meinen Sohn verführen! – Das ist wohl das saubre Mensch