1776_Miller_071_101.txt

schossnes Tier. schreibe mir es nur gleich, oder du lebst keine 6 Täg mehr, das schwör ich dir bei allen Teufeln.

Veit Kronehelm.

Kronhelm stand, wie vom Blitz getroffen da, als er diesen Brief gelesen hatte. Er ward blass, und zitterte an allen Gliedern. – Da, lies! sagte er zu Siegwart, ging einigemal auf und ab; blieb oft plötzlich stehen, als ob er nach, dächte, und konnte doch keinen Gedanken halb ausdenken. – Hasts gelesen? Nicht wahres ist schön? Ich bin ein rechtes Glückskind! – O ich wollte! – der verdammte, höllische Adel! – Aber, ich wollte nicht nachgeben! – Sprich! Was denkst du denn? Stehst ja da, wie ein Klotz!

Siegwart. Ich weiss nicht, was ich sagen soll? Es ist schrecklich! Ich bedaure dich von ganzem Herzen.

Kronhelm. So? Weiter nichts?

Kronhelm. Was weiss ich? Mir raten! Oder mich todtschlagen, wenn du willst.

Siegwart. Ich bitte dich um Gotteswillen, Kronhelm! Du must dich mässigen!

Kronhelm. Du bist ein Narr! – Aber, halt, Siegwart! Nicht wahr? ich tu dir Unrecht?

Siegwart. Ja, das dächt ich auch.

Kronhelm. Nu, so verzeih mir! Du weist schon, wie's ist; ich kann nicht dafür. – Sag, Brüderchen, was muss ich anfangen? Sags doch! Ich weiss ja nicht

Siegwart. Du must deinem Vater schreiben, denke ich.

Kronhelm. Nun ja, schreiben! Und was denn?

Siegwart. Dass du mit meiner Schwester nichts mehr

Kronhelm. Was?

Siegwart. Dass du nichts mehr mit ihr zu tun haben wollest.

Kronhelm. Bist du vom Teufel, Kerl?

Siegwart. Bessers weiss ich nichts.

Kronhelm. Nun, so pack dich zu allen Henkern! – Den Rat kann mir nur mein Todfeind geben! Aufsetzen will ich mich, und zu meinem Vater hinausreiten! Das will ich tun, Kerl!

Siegwart. Ich kann dirs nicht raten.

Kronhelm. Und warum nicht, Memme? Glaubst, er werde mich gleich niederschiessen? Lass ihn nur! Das wär mit eben recht! So käm ich auf einmal von der verdammten Welt weg!

Siegwart (schwieg, und sah seinen Freund mitleidig an.)

Kronhelm. Gefällt dir das nicht? – Was soll ich denn tun?

Siegwart. Ich habs schon gesagt.

Kronhelm. Schreiben? – Aber denke: Mein eigenes Todesurteil!

Siegwart. Traurig ist es genug! Du kennst aber deinen Vater, und hast seinen Brief noch nicht genug gelesen.

Kronhelm. Ja, ich habs! Sonst wär ich nicht so rasend! – Jesus, Maria! Was soll ich anfangen? – Gibts denn gar kein andres Mittel? – Sag doch! Bist mir ja sonst immer gut gewesen.

Siegwart. Bins auch noch; mehr als du glaubst. – Aber ich weiss nichts bessers. Bedenks nur selber!

Kronhelm. Ja, was bedenken? Ich kann nicht, sag ich dir! – Und so sollt ich meinem Vater schreiben? – Sollt Teresen ausgeben? – Gott, wie kann ich das?

Siegwart. Es kann sich ändern.

Kronhelm. Was, ändern! Es kann nicht, sag ich! – Terese! Terese! Dich aufgeben? – Und wie kann sichs ändern? Sprich doch!

Siegwart. Dein Vater könnte sterben; oder sonst so etwasKronhelm. Ja, der stirbt nicht! – grosser Gott! was ich da für Gedanken habe! – Ja, wenn er stürbe! – Wenn er aber auch nicht stürbe ...?

Siegwart. Du hast doch indessen eine Ausflucht. Sonst hast du gar keine.

Kronhelm. Gar keine! – Das ist schrecklich! – Bei Gott! schrecklich! – Kann ich ihm denn sonst gar nichts schreiben?

Siegwart. Ich weiss nichts, wenn du seinem Zorn entgehen willst, und wenn es nicht meine Schwester und mein Vater mit entgelten sollen.

Kronhelm. Wie das?

Siegwart. Er droht ja, dass er sie umbringen will. Hasts nicht gelesen?

Kronhelm. Ja, das ist wahr! Ja, ich muss schreiben; Siegwart, ich muss!

Siegwart. Aber nur behutsam, Bruder! ich bitte dich. Wenn du trotzen willst, so gehts nicht. Jetzt must du nachgeben, so viel du kannst.

Kronhelm. Ja, wenn man nur so könnte. denke einmal, in so was nachgeben! – Hätt er nur nicht Teresen gedroht! Mir mocht er drohen wie er wollte! Ich achte nichts. – Aber ich weiss, wie er ist; sie wär nicht sicher vor ihm. – O ich weiss nicht, was ich noch anfange? – Wärs nur nicht mein Vater! – Gott! was wird deine Schwester sagen! – Ich halts nicht aus, Bruder. Sterben, oder mein sein! – Ja, ich will ihm schreiben, dass ich nicht mehr an sie schreiben will. Das kann ich wohl. Sie ist ja doch mein; ich ja doch ihr. Ja, ich will ihm schreiben. Gib nur Dinte her! Wo ist der Schandbrief? Gott verzeih mir es! Aber 's ist so! Gib nur her Papier und Dinte.

Siegwart. Bruder, du kommst mir ganz sonderbar vor. Jetzt auf einmal so nachgiebig, und eben vorher