der Mutter Siegwarts gewesen war. Ihr Andenken wachte auch hell in seiner Seele auf, und sie erschien ihm noch einmal im Traum; lebhafter als die Nacht zuvor.
Anton, der seine tiefe Traurigkeit wahrnahm, führte ihn ganz langsam an die tür, öfnete sie leise, und lispelte ihm in die Ohren: der gute Pater wirds nicht lange mehr machen. Komm er morgen früh, wenn er Lust hat, wieder zu mir in die Zelle; vielleicht hat mein Freund bis dahin überwunden.
Siegwart ging nun mit traurigen Gedanken schlafen; um fünf Uhr wachte er auf, und sein erster Gedanke war an den kranken Pater. Die Sonne ging neblicht auf; der halbe Himmel war blutrot, und warf einen blassen Wiederschein an die weisse Wand des Schlafgemachs. Er zog sich schnell an, und ging an die Zelle. Er klopfte zweimal an die tür, ohne dass ihm geantwortet wurde; doch hörte er laut reden.
Als er aufmachte, hielt P. Anton dem Sterbenden den Kopf in die Höhe und nickte ihm mit Tränen in den Augen zu. Der andre Pater las aus einem buch vor. Der Kranke war mehr gelb, wie blass; Seine Augen standen unbeweglich, und man sah nur das Weisse davon. Er sammelte seine letzten Kräfte, und betete laut nach. So flammt die sterbende Lampe noch einmal hell auf, und verlischt. Die letzten Worte, die er mehr herausstiess, als sprach, waren: Hilf, Herr Jesu! Nun zuckte er ein paarmal, und lag tot da.
Gottlob! hat wieder einer überwunden, sagte Pater Anton, liess den Kopf des toten sinken, und drückte ihm die Augenlieder zu. Er ist bei seinem Heiland Jesu Christo, und bei allen Heiligen. Du guter Pater, Martin, warst ein frommer Mann; mein Ende sei wie deines! Der andre Pater ging hin, es dem Guardian anzuzeigen; Anton legte eine Decke über den Leichnam, ging aus Fenster, und schwieg eine Zeitlang still.
Siegwart ging hierauf mit schwerem Herzen, und allein im Garten auf und nieder; stellte sich die Züge des Sterbenden wieder vor, drückte sie in seinem Herzen tief ein, und folgte seiner Seele in Gedanken in den Himmel nach, sah den jubel der Gerechten, die die Siegerinn empfiengen, und ihr Palmenzweige streuten. Seine ganze Seele war emporgehoben, und er wuste lange nicht, dass ihm helle Zähren aus den Augen rollten. Alle seine Wünsche waren auch ein solcher Tod; und der einzige Weg dahin schien ihm das Kloster. Er warf sich auf eine Rasenbank, verhüllte sein Gesicht in beide hände, und lag in einer Art von Betäubung da, als der Schall von allen Glocken den Anbruch des Fests verkündete.
Er ging in den Versammlungssaal, wo die Väter traurig bei einander standen, und sich vom Verstorbnen unterhielten. Alle lobten ihn einmütig, und schickten ihm ihren Segen nach. Sein Begräbnis ward auf übermorgen angesetzt, und nun gingen die Paters Paar und Paar in die Kirche, die mit Blumen bestreut, und mit Meien ausgeschmückt war. Mehr, als hundert Wachslichter wurden angesteckt. Dicke Weihrauchswolken stiegen auf, und umgaben die Paters und den jungen Siegwart. Es ward ein feierlicher voller Choral angestimmt, der wie ein Meer daherbrauste. Der langsame, andachtsvolle Gesang und der begeisternde Weihrauchsduft trugen unsers Siegwarts Seele zu den Wolken. Er hatte tausend, sich durchkreuzende Empfindungen, ohne Eine davon deutlich zu fühlen. Es war ihm, als ob er zwischen Himmel und Erde schwebte, und zuweilen einen blick durch die Wolken an den Tron des Höchsten täte. Das Gesicht der Geistlichen schien ihm zu glänzen, und verklärt zu sein. Er warf einen blick auf das Gemälde, wo die Kapuziner hingerichtet wurden. Sie schienen ihm zu leben, und ihn anzublicken. Er hielt sich schon für ein Mitglied des Ordens, und blickte in die Welt, wie in ein Grab zurück, von dem sich sein Geist dem Himmel zugeschwungen hatte. Der Guardian hielt das Hochamt; die Gemeinde kniete nieder, und ein heiliges Te Deum trug die Seele des Jünglings in noch tieferes Erstaunen und Entzücken über. Nach vollendetem Gottesdienst ging er mit dem P. Anton in die Zelle des Verstorbenen, der schon in einem schlechten Sarge lag, um welchen brennende Wachskerzen standen. Nach einer kurzen Unterredung von den Tugenden des toten, die in Siegwarts Seele eine brennende Nacheiferung erweckte, ward zum Essen geläutet.
Während der ganzen Mahlzeit herrschte eine fast ununterbrochene feierliche Stille. Die Augen waren niedergeschlagen; zuweilen sah ein Pater den andern an, und kehrte schnell, wenn er bemerkt wurde, den blick, in welchem Tränen schwammen, wieder weg. Wider Willen stiess der eine und der andre einen lauten Seufzer aus, der die Losung zu einer neuen allgemeinen Bestürzung gab. Inzwischen redete doch jeder mit dem jungen Siegwart, den das allgemeine Bedauren des Verstorbenen, und die Liebe gegen ihn, wovon dieses ein Zeuge war, im Innersten rührte. Er gewann die Väter, die so vieler Freundschaft fähig waren, nur um desto mehr lieb, und wünschte sich, nur auch recht bald dieser Freundschaft wehrt zu werden. Es ward ihm nun schon als einem, der zum Orden gehörte, begegnet, und diese Art von Vertraulichkeit nahm ihn völlig ein.
Den Nachmittag brachte er gröstenteils in P. Antons Zelle zu, wo noch ein andrer Mönch hin kam, der ihm lauter abenteuerliche Wundergeschichten von Leuten aus seinem Orden erzälte, und ihm