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Johann Martin Miller

Siegwart

Eine Klostergeschichte

Vorbericht.

Allen edlen Seelen widm' ich dieses Buch, die beim Lesen etwas mehr, als bloss Befriedigung der Neugierde, und Beschäftigung der Einbildungskraft suchen. Fast jeder Schriftsteller, und der Dichter besondersdessen Beruf ich für einen der erhabensten haltesollte hauptsächlich auf das Herz seiner Leser Rücksicht nehmen. Dadurch bahnt er sich am leichtesten den Weg zum Unterricht und zur Belehrung. Wer Empfindungen erhöht und bessert, der erreicht gewiss einen eben so erhabnen Zweck, als der, welcher bloss für den Verstand sorgt. Der letztere Schriftsteller kann auch nicht so ausgebreitet wirken. Er hat immer nur eine kleinere Anzahl von Lesern, weil er Menschen voraussetzt, die schon in den Wissenschaften geübt sind.

Jeder Romanein Wort, das, leider! vielleicht durch schlechte Muster verächtlich worden istsollte, meinem Ideal nach, zugleich unterrichten. Der Romanschreiber hat sich Leser von verschiednen Ständen, von verschiednem Geschlecht, von verschiedner denkart u.s.w. zu versprechen, daher sollte er, soviel als möglich, Allen alles werden. Daher muss sein Unterricht mannigfaltig, und an keine gewisse Form gebunden sein. Jeder Schriftsteller wünscht nach dem Zweck seiner Arbeit beurteilt zu werden. Ich habe dieses, wegen gewisser Stellen meines Buches, besonders zu wünschen, bei denen man, wenn man billig urteilen will, am ersten das bedenken muss: für welche Menschen, und für welche Gegenden von Deutschland ich zunächst geschrieben habe. Dann werden viele Einwürfe wegen schon bekannter, oft gesagter Sachen, oder wegen anscheinender Weitschweifigkeiten wegfallen.

Erster teil.

Siegwart, ein edelgesinnter Jüngling, war auf einem Oettingischen Dorf in Schwaben, an der Donau gebohren. Sein Vater, ein Mann von ächt deutschschwäbischem Charakter, war seit vier und zwanzig Jahren Amtmann auf dem dorf. Von seiner, ihm zu früh verstorbnen Frau hatte er zwo Töchter, und drei Söhne, wovon unser Siegwart der jüngste war; ein geselliger Knabe, der sich nie mehr fühlte, als wenn er andre Kinder lustig sah, ihnen Freude machen, und tausend kleine Gefälligkeiten erweisen konnte. Wenn der Winter ihn ins Zimmer einschloss, so war ihm nirgends wohl, die Gesellschaft seiner ältern Brüder, und zwoer muntrer Schwestern war ihm nicht gross genug; er rief alle Baurenkinder, die sein Haus vorbeigingen, zu sich, und tummelte sich mit ihnen auf dem Saal herum. Dann schlich er sich wieder in den Stall, besah die Pferde, ritt sie an die Tränke, warf sich mit Schneeballen, oder fuhr auf seinem kleinen Schlitten den steilsten Berg herab, und tats an Kühnheit, oft auch an Verwegenheit, den kühnsten Baurenknaben zuvor.

Sobald die Frühlingssonne schien, konnte' ihn gar nichts mehr zu haus halten. Er trieb den Kreisel, warf den Ball, stellte mit den Baurenjungen Jagden an, teilte immer die Rollen aus, machte den einen zum Jäger und den andern zum Hirsch, und umzingelte den ganzen Wald mit jungen Jägern, wie er es bei der fürstlichen Jagd gesehen hatte. Dann spielte er wieder den Soldaten, warb alle Jungen des Dorfs an, und bestellte sie am Sonntag auf das Feld hinaus. Da gab er ihnen hölzerne, selbst geschnitzte Flinten; hölzerne Säbel; drei Kindertrommeln, die ihm und seinen Brüdern gehörten; papierne Fahnen, und ein altes Jägerhorn. Jeder Knabe musste zugleich eine Schlehenbüchse, und zwanzig Kugeln dazu haben. Damals wütete der Krieg der Oesterreicher mit den Preussen. Obgleich sein Fürst auf der österreichischen Seite war, so hielt er es doch mit den Preussen, weil er in den Zeitungen gelesen hatte, dass diese immer mehr den Sieg davon trügen. Er teilte sein Heer in zwei Teile, und wählte immer die stärksten Knaben für die Preussen aus, deren Anführer er beständig war, und an deren Spitze er die Oesterreicher mehrenteils zurückschlug. Er machte selbst ein Kriegslied, das seine Krieger, nach ihrer Weise, absangen. Beim Nachsetzen mussten die Knaben mit den Schlehenbüchsen schiessen; wer getroffen war, muste fallen, und am Ende der Schlacht wurden die toten gezält; da denn immer die Preussen die wenigsten hatten.

wenn es wärmer wurde, badete er sich in der Donau, und schwamm unter allen Jungen am besten. Ein paarmal war er in Lebensgefahr, und wurde von den Fischern gerettet; diess hielt ihn aber nicht ab, gleich den andern Tag sich wieder zu baden. Halbe Tage brachte er im wald zu, wo er Vogelnester aufsuchte. Er hielt ein ordentliches Verzeichnis davon, und fand alle Tage neue. Kein Baum, auf dem er ein Nest sah, war für ihn zu hoch; er klomm wie ein Eichhörnchen hinauf und wagte sich auf die dünnsten Aeste. Demohngeachtet war er nicht grausam gegen die Vögel. Er nahm nie ein Nest ganz aus, sondern nahm nur den schönsten Vogel, den er zu haus ätzte, und gross zog; die andern liess er ihren Eltern. Besonders holte er die jungen Staaren und Wiedehopfen aus den hohlen Bäumen, weil er gehört hatte, dass man diese sprechen lehren könne, und gab sich mit deren Unterricht, wiewol vergeblich, viele Mühe.

Aus dieser Anlage des jungen Siegwart schloss sein Vater, der kein unvernünftiger Mann war, dass sein Sohn wohl am besten zum Jäger oder Soldaten taugen möchte. Er hatte auch schon bei sich den Plan gemacht, ihn in seinem 15ten Jahr (Siegwart war jetzt dreizehn) zu seinem Bruder, einem Forstmeister in der Gegend, zu