wohl nie werden kann. Nun wanderte Eduard an des Bruders Hand zum Major, der ihn verheissenermassen ganz milde ansah, doch aber zu bemerken nicht unterliess, er würde ihm wohl müssen ein Nasenfutteral machen lassen. Rasch dreht sich mein Eduard: und zu Wilhelm: "da Lügner!" mit einem so kräftigen Stosse, dass dieser vier Schritte weit rücklings in einen Sandtrog tummelte. Der Major entsetzte sich, und warf den Täter, als das verächtlichste Ungeheuer, von sich.
Dergleichen begab sich alle Tage, aber Eduards
Mut und guten Humor konnte von der Seite nichts beugen. Schwerlich hat ein Mensch mehr Schläge erlitten, denn nie wollte er sie durch willige Übernehmung nur der kleinsten Schmach abkaufen, noch den Unwillen seiner Vorgesetzten durch Tränen oder Flehen mildern. Er selbst erzählte mir neulich, dass er einst nah auf den Tod gegeisselt worden, da sein Präzeptor ihn durch sokratische fragen zu dem Geständnisse versuchet, Prügel sein Wohltaten, und er ihn immer durch verstellte Albernheit aus der Folge gebracht. Für seine Kameraden übernahm er mehrmals Schuld und Strafe, nicht sowohl aus Freundschaftsentusiasmus und Mitleiden, als weil ihm vor ihrem Flehen und Heulen während der Exekution unerträglich ekelte. Bei allem dem nicht ein Schatten von Keckheit; im Gegenteil so schüchtern, so demütig gegen jedermann, wovon er Gutes dachte; zugleich so vorliebend, so dankbar, so mild und so gut, dass er den meisten, teils für einen Tropf, teils für einen Schmeichler galt.
Vor Unwahrheit, ja vor blossem Irrtum – Gut dass ich hier ein neues Blatt suchen musste, sonst wäre mir schwerlich eingefallen, dass in einer Viertelstunde die Post abgeht. Wenn Sie wollen, so komme ich nächstens auf diese Materie zurück, und erzähle Ihnen von den Kontrasten im kleinen Eduard, wie er bei aller seiner Unbändigkeit nicht wild, sondern zur Stille, zum vertraulichen Leben geneigt war; wie er bei seiner heftigen Begierde nach sinnlicher Lust, bei seiner Unbesonnenheit im Handeln, doch immer grübelte, und mit ganzer Seele an unsichtbaren Gegenständen hing; wie er hierüber zu Ansichten gekommen, deren Grösse sein ganzes Wesen zerrüttete, ihn bis zur Ohnmacht drückte; so, dass er, um den Anwandlungen davon zu entrinnen, sich oft die hände blutig biss, oder gar sich die Treppe hinunter in den Keller wälzte; wie er endlich im vierzehnten Jahr ein Pietist geworden, usw. – Es ist unaussprechlich reizend, alles dies vom kind zu wissen, und hernach den Jüngling zu beobachten: wie es immer noch dieselbigen Karten sind, nur etwa ein paar dazu oder davon, anders gemischt und anders gespielt. N.S. Mir fällt ein, Ihnen einen Brief beizulegen, den Eduard mir jüngst aus Kambeck schrieb. Ich muss ihn aber unfehlbar zurückhaben, um zu seiner Zeit die erste Hälfte davon dem Verfasser wieder vorzulegen. Der gute Allwill glaubt schon geliebt zu haben. Aber dennoch wieviel Wahres liegt nicht in seinem leichtfertigen Geschwätz! Die Waldbegebenheit wird Sie freuen.
Beilage zu Clerdons Briefe
Eduard an Clerdon
Es war gar nichts von einem Schlagflusse, mein Bester, was Ihnen so fürchterlich beschrieben worden; nur ein heftiger Schwindel, der seine guten Ursachen hatte. Es ist nun wieder besser, und mir nicht mehr bei Strafe – des ewigen Lebens, oder – des Tollhauses verboten, zu lesen, zu schreiben, oder sonst etwas Menschliches zu beginnen. Auch scheint die Sonne wieder am heitern Himmel; die Luft ist still; ich und die ganze natur, wir sind bei gutem Humor.
In unserm C** heisst's also, ich sei der Frau von Kambeck im Netze, oder noch besser, ich liege ihr zu Füssen, bete sie an? Mag's doch! aber Sie, lieber Clerdon, sollen die Sache besser wissen. hören Sie mein ganzes Geheimnis. Der Umgang des andern Geschlechts reizt mich unendlich; die artigen Geschöpfe haben so etwas Sanftes, Anschmiegendes, das mir behagt. Neben ihnen stimmt allmählich das allzu Heftige in meiner Empfindungsart sich herab; sie stehlen mir Gleichmütigkeit und Ruhe ins Herz. kommt nun gar noch eine etwas nähere Beziehung hinzu, und ich fahre mit meiner Juno droben auf den Wolken, und die Stutzerchen unten klettern die Berge hinan, und türmen ihre Felsen aufeinander – oh, Clerdon, das bringt immer richtig meinen Satan um all sein Latein; es ist so gut, als ob er in einem Weihkessel scheiterte, und ich – habe gewonnen Spiel. Aber bei allem dem, oder vielmehr eben deswegen ist es mir ein unerträglicher Gedanke, von eben belobten Göttinnen irgendeine anzubeten, ihr in ganzem Ernst zu Füssen zu liegen. Vor Jahren, ja, da waren Rolands Taten auch meine Sache; allein ich ward doch ziemlich bald inne, wie es im grund mit meinen "Unsterblichen" beschaffen war, und bemühte mich glücklich, den Willen des allgewaltigen Schicksals auch zu dem meinigen zu machen.
Lieber, ich habe nichts dagegen, dass es Clarissen, Clementinen, Julien, und sogar heilige Jungfrauen von unbefleckter Empfängnis überall gebe: aber, ich bitte, nur keinen zu grossen Lärm davon! Denn seht, diese erhabenen Einbildungen sind schuld, dass so viele Menschen verächtlich von denen Weibern denken, die – Gott gemacht hat, von Weibern für diese Erde, und nicht für den Mond, wohin die Herren den Weg fragen. Da schelten sie dann, und klagen über Grausamkeiten, Treulosigkeiten, Abscheulichkeiten, Schandtaten, die sie von ihnen erfuhren, da doch die guten