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zusammen, und zog hinaus in den vollen Sonnenglanz, wandelte, und nahm Besitz von Acker, Wiese, Bach, Wald und Strom, Höh und Tiefe, Himmel und Erde. Und als ich nun an den Hügel, mein Ziel, gelangte, hinankletterte, endlich droben stand in meinem ganzen Vermögen, und weit umherschaute; da hüpfte in meinem Blut, und pochte auf meiner Brust, und trotzte in meinem Gebein, und schauerte in meinem Haar, jauchzte, klang und sang in allen meinen Nerven, Liebe, Lust und Macht zu leben.

Was hier weiter mit mir vorgegangen, und die vollständige geschichte dieses Tages bekommen Sie, wenigstens heute, nicht. Ich ward in meiner Begeisterung durch einen Besuch von Eduard Allwill unterbrochen. Er blieb mit uns zu Tische, und nun bin ich zerstreut und in ganz veränderter Stimmung. Nicht wahr, Sie erkundigten sich ja ohnlängst nach unserm Eduard? Geduld! meine Frau soll Ihnen ausführlich von ihm erzählen. Seitdem Sie ihn sahen, hat er sich sehr ausgebildet, aber ein eben unbegreifliches Durcheinander von Mensch ist er noch immer. Nie habe ich eine solche Allgemeinheit des Gefühls gesehen, und das in einem Alter von zweiundzwanzig Jahren, wo sie nicht aus vielen Erfahrungen und Bemerkungen abgezogene, kalte, mangelhafte Erkenntnis, sondern nur unmittelbare Empfindung sein kann. Ein so schneller und fast gleich mächtiger Sinn für alles muss eine wunderbare Mannigfaltigkeit seltsamer Erscheinungen hervorbringen. Dabei ein so glühendes mutiges Herz, seine ganze Seele so offen, so lieb, kurz, für mich ist dieser Eduard einer der interessantesten Gegenstände.

Sein Vater erzählte jüngst von ihm, er wäre seit seinem dritten Jahre nie heil gewesen, hätte immer ein paar Beulen am kopf, und Wunden überall gehabt. Man wird nicht müde, den guten Major von den seltsamen Streichen des Knaben erzählen zu hören; und wie er selbst und die Herren Präzeptoren ihn eben für kein Kind guter Hoffnung gehalten, weil er, mit aller seiner Lebhaftigkeit, doch im Studieren sehr träge, und mit aller seiner Guterzigkeit äusserst hartnäckig, ausgelassen, beissend und trotzig gewesen. Für etwas schwach am Geist hielt man ihn, weil seine Kameraden ihn beständig überlisteten, ohne Müh ihn zu allem beredeten, und ihn alle Zechen bezahlen liessen. Ein grösserer Held in der Freundschaft und Liebe ist nie gewesen, und verliebt bis zur Raserei war er schon in seinem neunten Jahre. Mir fallen eben ein paar Züge ein, die kurz und leicht zu erzählen sind. Gegen sein sechstes Jahr hatte er sich in den Kopf gesetzt, sein treues Schaukelpferd, genannt der Fuchs, würde lebendig werden, wenn er ihm eine lebendige Fliege beibringen könnte. Er quälte sich ohnermüdet mit den Zubereitungen zu seinem Versuch, der so leicht nicht angestellt werden konnte, weil die Schaukelmaschine nicht hohl war. Einst, als er sie sehr heftig in Bewegung brachte, so dass sie mit den vordersten Enden beständig auf den Boden stiess, ward er unverhofft inne, dass sie fortrutschte. Nun trieb er sein Tier stärker an, und gelangte ziemlich geschwinde mit ihm bis ans entgegengesetzte Ende des Gemachs. Seine Freude war ausgelassen. Kein Mensch vermochte ihm auszureden, dass sein Fuchs zu leben anfange, und für nichts in der Welt wäre er mehr von seiner Seite gewichen. Es ward Mittag, und Eduard hatte keinen Hunger. Sein Vater liess ihm sagen, wenigstens herunterzukommen; aber sosehr er sonst den Major fürchtete, konnte er diesmal nicht gehorchen. Alle Leute im haus, die schon im geist ihren lieben Eduard bis aufs Blut peitschen sahen, liefen hinauf, fleheten, schmeichelten, verhiessen, droheten: alles war umsonst. Der Major, der schlechterdings gehorcht sein wollte, befahl, den Knaben mit Gewalt herunterzuschleppen. Das geschah. Nachdem er weidlich ausgescholten worden, sollte er sich zu Tische setzen; nein, er hatte keinen Hunger. Man drohte, man zwang; alles vergeblich: er sah nur seinen Fuchs, und den Himmel offen. Da nun aber schlechterdings ihm der Kopf gebrochen werden sollte, so blieb nichts übrig, als ihn tüchtig abzuprügeln, und von seinem Fuchse zu trennen, welches dann ohnverzüglich also ins Werk gerichtet ward, dass man ihn auf ein paar Stunden in ein finsteres Loch sperrte.

Einige Zeit nachher hatte er sich abends im Dunkeln auf ein hohes Gestell geschlichen, in der Absicht, einen grossen Sprung zu versuchen, den er nach vielen Übungen und Sukzessen jetzt glaubte wagen zu dürfen. Er sprang herzhaft zu, stürzte aber so gewaltig, dass man fürchtete, das Nasenbein wäre entzwei. Kleinigkeit! Aber am folgenden Tage vor dem Vater zu erscheinen! Alles in der Welt; nur das Ausschelten konnte der Junge nicht leiden. Man hatte es diesmal leicht beim Major dahin gebracht, dass er seinem Eduard alle Strafe, und noch obendrein das Zu-Tische-Sitzen erlassen. Nun aber sollte nach dem Essen der Junge denn doch vor ihm erscheinen, und da entstand grosse Not. Der schüchterne Starrkopf wollte durchaus nicht hinunter, bis sein älterer Bruder Wilhelm, ein feiner, beredter, doch aber grundguter Knabe, ihn unter den heiligsten Versicherungen, der Vater werde der zerquetschten Nase mit keiner Miene erwähnen, endlich dazu vermochte. Grosse Mühe hatte es dennoch gekostet, weil Wilhelms Kunst Eduard schon in so manchen schlimmen Handel verwickelt hatte; aber eine unversiegende Quelle von Glauben im grund seines Herzens überschwemmte immer bald sein Gedächtnis, so dass er auch noch von dieser Seite nicht weiser geworden, und es