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glaubt den Worten unsers lieben Primrose: "Die dunkelsten Gegenstände, je näher wir ihnen treten, erhellen sich mehr, und das Auge des Geistes bequemt sich nach der trüben Lage." Auch führt ja Clerdon so oft die Verse im mund:

"Kein Leiden ist so gross, ein Chor von stillen

Freuden

Gesellt sich ihm mitleidig bei."

O glaubt, glaubt, so wenig auch der Zeugen dafür sein mögen: wer nicht weiss, wie man sich auf Dornen bettet, den hat die beste Rast noch nie erquickt.

Freilich wär all dies Sagen nichts, wenn mein Herz von den Menschen los wäre; aber, gewiss, es hängt an ihnen mit seinen besten Nerven und Gefässen. Kann doch niemand sich erwehren, die Kinder zu lieben, an denen wir sicher nicht mehr haben, und von denen wir nicht mehr erwarten, als ich von meinen Menschen. So einen kleinen, hübschen, muntern Jungen, wenn ihr den drückt und küsst und herzt, und ihn nicht lassen könnt; ist das wohl, dass ihr den vortrefflichen Mann denkt, der vielleicht in ihm steckt? Nein, das blosse Kind zieht euch an, wie es in dem gegenwärtigen Augenblicke vor euch leibt und lebt; weil es ist lieblich anzuschauen, süssen Mund, freundliche, blikkende Augen, hüpfende Glieder, Leib und Leben hat wie ihr, und seine Nerven mit den eurigen Triller schlagen. Ihr wisst, dass ihr seine Zuneigung mit Naschereien und Spiel erkauft, und geniesst sie nichtsdestoweniger mit herzlichem Wohlgefallen. Ihr trauert nicht, zürnt nicht, wenn ein anderer mit glänzendern Geschenken oder höherem Tanz es von euch ablockt, und es euch dann nicht mehr mag, und euch "Bah!" schilt; oder wenn es geradezu eurer müde wird, weil ihr seine Laune nicht länger unterhalten, seine Begierden alle nicht erfüllen konntet. Ich erstaune, dass die Bemerkung, wir Erwachsene sein nur ältere Kinder, mehrenteils, wo nicht immer, mit einer verachtenden bittern Miene, und zum Behuf der Lieblosigkeit angebracht worden; da sie mir der zuverlässigste Lebensbalsam zu sein scheint. Und dannein wenig besser als Kinder, sind wirMann und Weib, Jüngling und Braut, doch noch allemal.

Ja! helle Wonne ist es, so die Menschen zu lieben, ohne Eitelkeit ohne Ansprüche, eben, mit lauter Liebe. Da geht alles so gerad und rein zum Herzen, und das Herz ist so mächtig. – O lasst, lasst mich nur schweben im Limbus, bis ich vollendet werde!

Clerdon an Sylli

Den 8. März.

Liebste Sylli! dass Sie so lange nicht schrieben! Wir alle zerbrechen uns die Köpfe darüber, die gute Amalia, die Nichtchen und ich, jeder nach seiner Weise. Aber nächsten Sonnabend kommt sicher ein Brief von Ihnen, denn ich weiss, Sie lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet. In Fällen, die das Herz angehen, will ich alles Gute mit weit grösserer Zuverlässigkeit von Ihnen, als von mir selbst, voraussagen; denn Sylli kann da nicht straucheln. Sie seufzen doch wohl nicht über meinen starken Glauben?

Hier bei uns sollten Sie jetzt sein, liebste Sylli, dass wir Sie mit in unsere Reihen schlängen, den neuen Frühling zu umtanzen. Die unwiderstehliche Wonne des gestrigen Tages müssen auch Sie gefühlt haben. Mich hat sie ganz durchdrungen, gelagert sich in all mein Gebein. Mir ist, wie einem Jünglinge, der soeben aus eines frommen Mädchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken hat; so froh, und zugleich so heimlich ist mir's im Busen.

Früh mit dem Morgen ging's an. Ich erwachte von der ersten sanftesten Dämmerung, fand mich aufgerichtet, wie von dem Arm eines Freundes, der mich küsste. Ich streckte meine arme aus nach dem Liebenswürdigen; irrte ihm nach, und fand ihn, fand ihn -schaffend am Aufgange. – Wer an einer Musik für das Auge zweifelt, der hätte diese Morgenröte sehen sollen. Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tönen in die Seele. Doch was weiss ich, mit welchen Sinnen ich empfand? ich war ausser mir. Gleich im ersten Moment, beim Erreichen der Gegenwart, überwandelte mich's, durchschauderte mich's; dann tiefer in der Brust ein Beben, immer tiefer und inniger; im geheimsten Busen auflösendes Beben, das den ganzen Erdensohn tötete. Tod, schöner, himmlischer Jüngling! Des verwesenden Teils entladen, flog ich in seine arme, sank in seinen Schoss, war bei ihm, war in ihm, in Ihm, der da ist, war und sein wird; kostete Allmacht, Schöpfung, ewiges Bleiben in Liebe. – Ach, Sylli, dass ich wieder zurückkehren, dass es Tag werden musste!

Aber dennoch ein herrlicher Tag, wohl der schönste meines Lebens!

Mit dem ersten Blicke der Sonne, der meine Augen auf die umher verbreitete herrliche Gegend sich niedersenken machte, und den von Erde Gebornen wieder weckte, schoss mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke: welch ein sündlich Wesen es doch sei, diese herrliche Pracht Gottes so über Wall und Graben nur zu beschielen, nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei- oder hinterherzuschleichen, da doch nichts wehre, sich hinein zu lagern in diese Herrlichkeit ganze Tage lang, sich anzukleiden über und über mit dieser Pracht Gottes, zu geniessen das Seinige, den weiten offenen Himmel, und die grosse offene Erde.

Ich raffte mich