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an den Menschen. Da hab ich hier einige rosenwangichte Mädchen, die mich durchaus erquicken, so oft ich sie sehe. Es wird einem unter ihnen, als wandelte man zur Frühlingszeit in einem Blütenregen. So voll Mut, so voll Lust sind sie, dass sie hülfe rufen müssen. Da hangen sie dann an meinen Armen, an meinem Hals, entladen ihre Lippen, und lassen in ihren schuldlosen Augen mich einen Zauber schöpfen, der mich alles vergessen macht. Mit einer Wonne drück ich sie dann an mein Herz, fast als wenn's Liebe, daurende Liebe wäre. Und seht, geradeso treib ich's mit hundert andern Dingen; lasse alles gut sein, und mir zugute kommen, was nur gut sein mag. Ich werfe nichts auf den Boden, trete nichts unter die Füsse, mag aber auch nichts aufspeichern, nichts von Menschengunst und achtung. Seht, wenn mir's wohl einmal wird, als sollte dergleichen dauren, als erwartete ich's, so überfällt mich doch gleich eine Schwermut, ein Zagen, dass ich vergehen möchte. Wie warm auch von aussen mein Herz sich anfühlt, wie von sich scheinend es auch ist, so dünkt mich's alsdenn doch in der Tiefe kalt. Ja, das ist's, dass jede Anwandlung von Vertrauen, von Freundschaft in meiner Seele zum Trauer- und Schreckengedanken wird; dass ich's gleich so hell vor mir habe, dass es nur Wiedererscheinung ist jener längst entwichenen Engelsgestalt, mit welcher ich ein Totengerippe in den Schoss nahm. Dann raschelt's mir von neuem unter der Haut, und ich fühle die grinsende Frucht sich in meinem Busen regen.

Ach! Clerdon, Amalia, Schwestern, zürnt nicht über Eure Sylli. Ihr wisst ja meine geschichte zum teilund wenn Ihr sie ganz wüsstet, Euch das alles offenbar wäre, was hier tief und fest verschlossen liegt! – Aber redet, zeugt, ist es meine Schuld, dass es so mit mir geworden? War ich zaghaft, weichlich, dachte ich wohl darauf, mir Schmerz, Tränen zu ersparen; brachte ich je etwas in Anschlag, das nicht Liebe war? Voller Mut, voller Zutrauen, im Glauben unbeweglich, duldete ich nicht alles, wagt ich nicht alles, gab ich nicht alles dran, alles, alles? – Was half's? Nacheinander und miteinander musst ich sie alle verdorren sehen, die Bäume und Lauben in den Gefilden meiner Jugend, und sinkend die Blumenbeete ihres Schattens verheeren!

O des unvergifteten Pfeils, der aus Freundeshand in Euer Herz fährt; den er lächelnd darin umkehrt, und voll Unschuld fragt: "Wie kann das so schmerzen? er war ja nicht giftig!"

Nicht diejenigen, die mit Grimm und böser Tücke mich von sich stiessen, waren meine Verderber; die waren's, die ohne sichtbare Verletzung, mich nur so da liessen; gleich einer zeitig gewordenen Frucht, die sich vom Zweige trennt, und mit ihrer Schwere davongeht. Hört, ich bin nicht vom Blitze zersplittert, nicht abgehauen; nur ausgesogen bin ich; habe noch Kron und Blätter: und so mag denn der Stamm bleiben, bis auch diese einmal verwelken und nicht wiederkommen.

Wenn ich nur meinen Augen wehren könnte, umherzuschauen, wüsste sie wohin abzuwenden, weg von dem traurigen Einerlei menschlichen Lugs und Trugs. Es ist ein wahrer Jammer, wieviel die Leute voneinander fordern, erwarten, hoffen, sich und ihren Brüdern zutrauen, wirklich zu geben und zu nehmen meinen. Jede Sonne bringt unsterbliche Liebe, unsterbliche Freundschaft auf die Welt; wer nur nicht weiss, dass auch mit jedem Tag ein Abend kommt, und was dreimal geschehen wird, ehe der Hahn krähet. Am mehrsten dauren einen die guten Seelen, die, wenn sie einige Jahre zusammen fortgeschlendert, oder wohl gar von Kindesbeinen an ihr Tun miteinander getrieben hatten, und ihrer Sache recht gewiss zu sein glauben, nur ein Schicksal, nur ein Grab sehen, allen Stürmen Trotz bieten; am Ende doch sich unversehens einander in den Grund segeln; oft, der läppischsten, armseligsten Grille wegen, gescheitert daliegen, ohne Rettung. Wohl ihnen, dass sie selten das Geheimnis ihres Schicksals verstehen.

Ich habe lange ein Bild alles menschlichen Tuns und Seins, unserer sogenannten Laufbahn, in der Seele; ein ärgerliches, aber richtiges Bild: den gang im Kranen. Mit zugeschlossenem Auge rennt jeder vorwärts in seinem Rade, freut sich der zurückgelegten Bahn; weiss soviel Torheiten, soviel Jammer hinter sich, und merkt nicht, dass nah an seinem rücken alles das wieder emporsteigt, von neuem über sein Haupt, vor seine Stirne, und unter seine Tritte kommt. Ich mag hievon nicht reden: denn wer's am hellsten einsieht, hat's nur um so viel besser, dass er in seinem Rade stille stehen bleibt, die andern auslacht, oder beseufztund sich mit – – Oh, er ist weit am schlimmsten dran!

Wo ich hingeraten bin! – Das war mein Wille nicht; aber nun sei es mein Wille; denn was schadet's? Ihr wisst ja, was tausendmal gesagt worden, dass jedweder seine Not in Augenblicken, wo er mit seinem ganzen Dasein in ihre Vorstellung übergeht, als die grösste fühlen muss: und so lasst Euch dann nochmals gesagt sein, dass Eure Sylli es im grund doch so schlimm nicht in der Welt hat. Glaubt mir,