Eisen und Blut kommt er zertrümmernd und durchbrechend eine Nation, unüberwindlich gegen jeden andern, als gegen ihn allein; und geht seitwärts mitten im Handgemenge bei Begegnung seines Gastes und seines Freundes. Wahrhaftig dieser da regierte im eigentlichen verstand den Krieg vollkommen, der ihn das Gebiss der Güte erdulden machte, im Beginn seiner stärksten Hitze so entflammt als er war, und schäumend vor Wut und Mord. Es ist Wunderwerk, mit dergleichen Handlungen einige Art von Gerechtigkeit vereinbaren zu können: aber es gehört nur für die Energie des Epaminondas, die Sanftmut der mildesten Sitten, und der reinsten Unschuld damit vereinbaren zu können" – "Wenn es Grösse des Mutes ist, und die Würkung einer seltnen und besonderen Tugend, um des gemeinen Wohls willen und der Obrigkeit zu gehorchen, Freundschaft, persönliche Pflichten, Verwandtschaft und Wort für nichts zu achten; so ist es wahrhaftig genug, um uns los davon zu sagen, dass es eine Grösse ist, die in der Grösse des Mutes des Epaminondas nicht Platz finden kann."
Nun die Anekdote. Sie kennen Auguste von G**, die treue, makellose Seele, die so einzig ist, weil sie nur für das Gute und Wahre Begriff hat, nur für das Gute und Wahre Witz und Laune. Eine unselige Kokette verführte ihren Mann. Auguste, im höchsten Grade arglos, merkte lange nichts. Weil aber G** genötiget war, ihr manche Unwahrheit vorzutragen, und, wie bekannt, eine jede Unwahrheit Lügen ohne Zahl gebiert, so musste das liebe Weib wohl endlich merken, dass es hintergangen wurde. Nun begab es sich an einem Tage, dass ihr, in des Mannes Gegenwart, auf einmal zwo recht frappante Betrügereien offenbar wurden. Sie können sich G**s Zustand einbilden. Kaum war der Freund, welcher unschuldigerweise die Sache ans Licht gebracht hatte, zur Tür hinaus, so hub Auguste an: "Höre doch, Max, du hattest mir ja diese Sache – so, und jene – so gesagt, und ich hör es nun so ganz und gar anders? Ich merke seit einiger Zeit, dass du mir öfters Unwahrheiten sagst. – Wenn du wüsstest, wie mich das betrübt!" – "Freilich", antwortete G**; "aber das ist nicht meine Schuld; wer sich unbescheidene fragen erlaubt, der zwingt den andern zur Lüge." – "O Gott", sagte Auguste mit freundlicher weinender stimme: "Wenn ich denn nur wüsste was ich nicht fragen muss; ich wollte gewiss nie so etwas fragen, damit du nie zu lügen brauchtest." Ist Ihnen eine Lüge bekannt, Eduard, die an Kraft zum Guten, auch an Erhabenheit, diesem unschuldigen Gebet meiner Auguste um Wahrheit gleich zu schätzen wäre?
Unschuld, Eduard, lieber, lieber Eduard! Unschuld, Unschuld! So fing ich an, und so schliess ich. – Süsse, reine, ewige Wonne der Unschuld – das ist es doch; ja, Eduard! das ist es was auch Du suchst – ach! auf dem Wege der Verstockung! – liebes Mädchen, eile! Eile Freundin, dass sein Auge dich erreiche und er zurückfliege! Liebe allein kann ihn retten; kann seinem Herzen den Geschmack an Unschuld wiedergeben. So komm denn doch, holdes Mädchen! Zeuch den blick aus seinem Auge, der alle Sehkraft verschlingt, und er wird ferner nicht leichtfertig umhergaffen; füll ihm die Seele mit der Wonne, die keinen Zusatz verträgt; und sie wird – lauter werden: dann reich ihm deine Lippen, und er wird schwören und wird's halten, dass er alle seine Freuden allein von dir nehmen will. – O der Tage, wo ich noch glaubte, selbst berufen zu sein, Dein Wesen durch Liebe zu heiligen! – Ich merkte bald meinen Irrtum, aber das trennte mich nicht von Dir. Was schadete das meiner Liebe, dass Du mich nicht ebenso lieben konntest? bloss für Dein Bild in meiner Seele hätt ich den Himmel gelassen. Aber es kam eine Stunde, da fühlte ich, dass ich wohl einst Dich würde verachten müssen, dass ich wohl einst würde aufhören müssen. Dich zu lieben: da floh ich; da suchte ich von mir zu retten, was noch zu retten wäre. – Ich sei von Schwärmerei, ich sei an der Einbildung gestorben, wird es heissen. – Nun ja! – Wenn nur Du auf mein Grab kommst, Eduard, mit dem Mädchen, das ich Dir rief, mit dem Mädchen, das Dein Wesen erneuern, zu jeder Freude der Menschheit Deine Sinne wieder rein stimmen soll! Dann wirst Du immer nur eins, das Köstlichste, wollen, anekeln alles andre; wirst dies Köstlichste, Liebste, mit Deiner ganzen Kraft geniessen, und darum jeden Genuss des ähnlichen Geringern für Verlust achten. – Ja, Eduard, Du kommst auf mein Grab mit dem Mädchen, und küssest ihm da den himmlischen ewig neuen Kuss der Treue – komm nur bald!
Fussnoten
1 Da die fünf ersten von diesen interessanten Briefen, deren ganze Sammlung mein Freund, der Herausgeber, dem "T. Merkur" zugedacht hat, vielen unsrer Leser aus der "Iris" schon bekannt sind: so habe ich für billig erachtet, den Raum, den diese fünf Briefe hier einnehmen, bei den sechs Bogen, die der "Merkur" monatlich schuldig ist, nicht in Anschlag zu bringen. W. 2 In der Allg. d. Bibl. T. 26