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, arme, Füsse, Kopf daran geleimt, und ein Brettchen darunter, dass es stehe: ist denn das ein Gespenst? –

Sylli an Clerdon

Den 7. März.

Ich war heute lange vor Tag aus dem Bette. Ein sonderbar schönes Licht, das immer heller mich umgab, trieb mich aus meinem Kabinett in das Zimmer gegen Morgen, welches die weite Aussicht nach dem kleinen Gebürge hat. Ich fuhr zusammen von dem Anblick, und blieb unbeweglich am Eingang des Gemachs. Was mich fesselte, war die grosse Stille bei all dem Glanz, bei all dem Werden am weiten Himmel; unüberschauliche unaufhörliche Verwandlungen, und doch kein sichtbarer Wechsel, keine Bewegung. Aber jetzt trat die Sonne näher, und fuhr auf einmal hinter den Hügeln herauf, dass ich davon mit in die Höhe fuhr. – Clerdon, es waren selige Augenblicke. Und sehen Sie! wie dieser Sonnenaufgang, so war der ganze heutige Tag; Frühlingsanbeginn, Anbruch des Jahrs, erster Lichtstrahl einer viel grösseren Schöpfung, als die Schöpfung eines einzelnen Tages. Ich musste heraus aus dem Gemäuer in die offene Welt. Sophie, die ich angerufen hatte, begleitete mich. Welch ein Spaziergang! Der Himmel war so rein, die Luft so sanft, die ganze Erde wie ein lächelndes Angesicht, voll Trost und Verheissung, Unschuld und Fülle des sen, meine Blicke waren milde, segnend; und so ward ich unvermerkt wieder das gute zuversichtliche geschöpf, das nichts als Wonne über der Gotteswelt Schönheit, und volle Hoffnung im Herzen hatte.

Ja volle Hoffnung, bester Clerdon, ohne zu wissen, was ich hoffte; alles Gute, alles Schöne; und diese liebe Verworrenheit, diese Dämmerung war's eben, was mir so wohl machte, war's, dass kein Unglaube mich wach stören konnte.

Dieser Tag sollte recht genossen werden. Ich wollte unter freiem Himmel die Sonne auch untergehen sehen. Wir nahmen unsern Weg über die Wälle. Ich verweilt an dem Orte, wo ich vor zwei Jahren im späten Herbst mit Ihnen stand, und Sie von der weiten mannigfaltigen Aussicht so entzückt waren. "Säh er sie jetzt!" Ein lieber Frühlingshauch wehte mich an, und stellte Sie neben mich. O wie war rund um uns herum alles so herrlich, so schön! Aber es liess sich nicht lange so ansehen; ich begab mich weg. Nun kam ich an die Stelle, wo man den langen, breiten Weg um die Ecke nach Zielen3 gerade vor sich sieht. – "Da kam ich her vor sechs Jahren, da kam vor zwei Jahren Clerdon her, da geht der Weg hin. – Ach wann?" Sie erinnern sich der Lage: eine unabsehbare Fläche; nichts, das Auge zu hemmen; der Weg ganz geradaus, und so breit, und so ebenwie ich da drüber hinrollen könnte! – Indem liessen sich nahebei, gleich hinter der Stadtmauer, zwei Instrumente hören. Es war eine Flöte und eine Harfe, die ganz vortrefflich in meine Melodie einfielen, sie begleiteten und fortführten. Da liess ich mich denn gehen, liess mir's so werden, dass ich die Augen recht nass kriegte. Mein gutes Mädchen neben mir wartete alles mit Freundlichkeit ab. Auf mein Stöckchen gelehnt blieb ich lange so dastehen: endlich lief ich hurtig mit ihr nach Haus, undGute Nacht, Clerdon, Amalia, und Schwestern, gute Nacht!

Sylli an Clerdon

Den 8. März.

Ich habe Ihnen gestern und vorgestern geschrieben, l.C.; doch muss ich Ihren eben erhaltenen Brief auf der Stelle beantworten.

Wenn Sie wüssten, wie es mich ängstigt, dass Sie so viele sorge, so vielen Kummer meinetwegen haben! Glaubt's doch, Ihr guten Leute, glaubt's, dass ich lange nicht so übel dran bin, als Ihr es Euch vorstellt. Alles Schöne in der natur, alles Gute ist mir ja schön und gut, wird's noch alle Tage mehr. Oder wisst Ihr eine, die jede menschliche Freude inniger kostet, als Eure Sylli? Und wie sollte ich nicht an Liebe glauben, ich, der die Brust so enge davon ist? Nur die Hyazinte hier! wie oft stand ich nicht vor ihr, mit klopfendem Busen; sog an ihrem Wesen mit all meinem Sinn, bis es meine Nerven durchbebte, und ich die schöne, gute in mir lebendig hatte, undnennt es Torheit, Unsinn, Schwärmereiund ich Gegenliebe von ihr fühlte! So pfleg ich eines jeden Dinges, von welchem Wohltun unmittelbar ausgeht, es sei aus Gestalt oder Geist, Liebe, Harmonie, Gemälde, was es wolle; ich halte es an mich, leih ihm Herd und Feuer, ruhe nicht, bis sein inneres Wesen, das Gute, Schöne, das Wohltun in Ach! nichts soll untergehen, das mir einen blick der Vereinigung zuwarf, das mir Leben gab und Leben von mir nahm; wenigstens so lange soll es nicht untergehen, als ich selbst daure.

Nun bin ich hiermit freilich mancher Verletzung blossgestellt, die ich ohne das nicht empfände. Alle die Dumpfheit, Achtlosigkeit, Geringschätzung, Flüchtigkeit der Menschen um mich her, und die noch ärgere Schmach ihrer vorüberrauschenden Entzückungen trifft mich, verwundet mich. So von allen Seiten angefochten, jedermanns Hand wider mich, ist doch meine Hand, ich schwör es Euch, wider keinen. Ich sehe immer noch viel liebes und Gutes