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nicht unsere Gefühle verringern, nicht sie schwächen will die Weisheit, sie nur reinigen will sie; und dann bis zur Lebhaftigkeit des Gefühls den Gedanken erhöhen; also die Empfindung überhauptschärfen, vergrössern. Ich weiss dass Sie mehrmals, von hoher idee begeistert, heftige Begierden überwanden, Leidenschaften zu Boden schlugen: Haben Sie jemals sich grösser gefühlt, als in diesen Augenblicken; waren Sie je freudiger, triumphierender? Auf nichts dünken Sie ja sich mehr, als dass gewisse Ideen so fest in Ihnen halten, dass kein Vorfall Ihren Glauben daran einen Augenblick irremachen könnte, Sinne und Imagination möchten vorspiegeln was sie wollten. Edler Stolz kann nie eine andre Quelle haben. Jede Erhabenheit des Charakters kommt von überschwenglichster idee. Als Portia den Brutus überführen wollte, dass ihre Seele fähig sei die seinige in allen ihren Unternehmungen zu begleiten, wusste sie kein besseres Mittel, als ihm eine probe vor Augen zu legen, dass sinnliche Eindrücke nichts über sie vermöchten. Steigen wir von der Heldensitte bis zum gefälligen Wesen unserer Tage herab, überall sehen wir am mehrsten geehrt, was Obermacht des Gedankens über Triebe beweiset. Seien die Lebensarten noch so verschieden, die Gebräuche noch so mannigfaltig und abwechselnd, jene Übereinstimmung wird, bei genauer Untersuchung, überall sich zeigen; sie erstreckt sich bis auf die Urteile von Mienen und Gebärden, und führt uns selbst zur Quelle aller Begriffe von Anständigem und Unanständigem. Wo Gedanke den Menschen zu verlassen scheint, wo er ganz dem Triebe allein ist; wo er von diesemnur sich übernehmen lässt; wo er sich nur der Gefahr aussetzt von ihm übernommen zu werden; da fühlen wir Unanständigkeit.

Es ist ganz zum Vorteil der Grundsätze, was Sie am Anfange Ihres Briefes von denen widersprechenden Erscheinungen im Menschen anführen, wo ihm wechselsweiseseine Weisheit zur Torheit, und seine Torheit zur Weisheit werde. Man sollte glauben, eben die feine Organisation, welche Sie zu dergleichen Bemerkungen geschickt macht, Ihnen Materie und Form dazu bietet, müsste Ihnen auch die Überzeugung aufdringen, dass dem Menschen eine feste Lehre der Glückseligkeit, dass ihm unverbrüchliche Vorschriften des Verhaltens unentbehrlich seien: was anders kann in seinem Tun ihn sichern; was als einen zuverlässigen Mann ihn darstellen? – In alle Wege muss er verlorengehen.

Den eingestandenen Wankelmut des menschlichen Herzens sogar beiseite, und angenommen, das Ihrige wäre so beschaffen, dass es Sie immer zum Guten leitete, nur aber auf eine Weise, welche der eingeführten Ordnung zuwiderliefe; so müsste dennoch Ihr Charakter verwildern; so müssten Sie eben darum ins ärgste Verderben sinken, weil Sie so sehr über Ihre Brüder erhaben wären. Es könnte nicht fehlen, indem Sie diejenigen gesetz angriffen, welche der allgemeine Menschensinn für unverbrüchlich erklärt, dass Ihnen beinah jedweder im Wege stünde; Ihre Bestrebungen hemmte; unwissend oder aus Absicht Ihnen die äusserste Qual verursachte; kurz, dass jedermanns Hand sich wider Sie erhöbe: zwiefach wäre dann gegen jedweden die Ihrige; Ekel, Gram und Hass nähmen Ihre Seele ein; mit der Gewalt drängen Sie nicht durch; Sie müssten also um Ihr erhabneres Leben zu retten, List, Verstellung, Betrug zu hülfe rufen, lauter krumme Wege gehen; dies entzweite Sie notwendigerweise mit sich selbst, und so müssten Sie bald voll tiefen Greuels sich und die Welt verfluchen.

Schnöde Prahlerei, dass Ihr Herz immer freier und freier schlage; es kann nicht frei schlagen, solang es Geheimnisse des Frevels und der Schande zu bergen hat; solang es vor dem Blicke des Unsträflichen sich zusammenziehenvon dem Atem des Reinen erstikken muss in seinem Blutdamit nur Deine Stirne weiss bleibe, wenn er Dinge der Finsternis mit ihrem Namen bezeichnet, und Du fühlest, er redet von Deinen TatenAllwill, mir schaudert die Haut, wie ich Dich manchmal bebenvergehen sah; bis zur Ohnmacht in Verwirrung über dem absichtlosen Worte eines Toren, eines Kindes; über den Mutwillen eines Gassenbuben, die Schmähreden eines Trunkenen.

Aber Sie haben wohl nunmehr dergleichen Schwachheiten von sich abgeworfen. Aus einem Stück Ihres Briefes, wo Sie die Zweideutigkeit aller Tugenden zu erweisen trachten, erhellet, dass Sie wenigstens mit grosser Mühe daran arbeiten. Ich will Sie nicht stören, Eduard. Doch zur Erholung lassen Sie sich erzählen, was ich gestern von ungefähr in meinem ehrlichen Montaigne las, und dann eine Anekdote, die ich weiss. Der treuherzige Montaigne erzählt, dass man ihn nie hätte vermögen können, für König und Vaterland sogar, in etwas Schlechtes zu willigen. Er glaubte, wenn er einmal sich selbst wäre untreu geworden, würde er leichtlich nachher es auch dem Staat werden. Man muss eine Sache Gott überlassen, sagt er, wenn menschlich zu helfen unmöglich ist, und was ist unmöglicher, als dass ein rechtschaffener Mann Treu und Glauben verlasse? Was kann weniger sein, als was ein Mann von Ehre nur mit Ehr- und Wortesschmach bewerkstelligen könnte? Hiernächst erwähnt er unter andern des Epaminondas, des vortrefflichsten unter den Menschen, bei welchem jede einzelne Pflicht in so hohem Ansehen war, dass er nie in der Schlacht einen Überwundenen zu Boden stiess; der um des unschätzbaren Gutes willen, die Freiheit seinem land zu verschaffen, sich ein Gewissen machte, ohne die Form der Gerechtigkeit, einen Tyrannen oder seine Mitgenossen umzubringen, und der denjenigen für einen schlechten Menschen hielt, so ein guter Bürger er auch sein mochte, der unter den Feinden und in der Schlacht seinen Freund und seinen Gastgeber nicht verschonte – "Grässlich von