, so unsäglicher Jammer allein in diesem Bezirk der Menschheit durch Sie angerichtet, würde Ihnen die Nichtigkeit Ihres Systems hinlänglich blossstellen, wenn es nicht ausdrücklich erfunden wäre, um Sie gegen dergleichen Ansichten zu erblinden. Da soll nun eine Menge herrlicher Empfindungen, welche sich anders nicht erwarten und zusammenbringen liessen, alles Böse mit Wucher ersetzen, und dieser innere Genuss alle seine Kosten aufwiegen. Hiebei fällt mir ein, was ich Sie so oft vom Wissen sagen hörte. Sie verglichen den grossen Haufen unsrer Studierenden mit Leuten, die gar emsig hin und her liefen, um zu suchen – was sie nicht verloren hätten, wessen sie auch weiter nicht bedurften. Es sei eine Schande für den menschlichen Verstand, behaupteten Sie, dass wir Wissenschaft von Tag zu Tage mehr zu einem abgesonderten, absoluten Dinge machten, da sie doch von bestimmten Zwecken allein Ursprung und Wesen habe; nur Bescheid auf eine dringende Frage sei, wie diesem oder jenem Bedürfnis abzuhelfen; Baugerüste, Maschine, Instrument. – Ich fand und finde noch das so wahr, dass man sich nicht bekümmern sollte etwas zu wissen, als nur – wie sich etwas mache oder tue, das einem not ist; belachte gern mit Ihnen die Torheit alles müssigen Lernens und Spekulierens. Aber sagen Sie mir, lieber Eduard, ist es eine reellere Sache um das müssige Sammeln von Empfindungen, um das Bestreben, Empfindungen – zu empfinden, Gefühle – zu fühlen; findet nicht hier eine ebenso ungereimte Absondrung statt, wie dort beim Wissen? Ich glaube, wer eine schöne grosse Seele in der Tat besitzet, hält sich nicht damit auf, die Empfindungen, welche seine Handlungen betreiben, die entzückenden Gefühle, welche sie begleiten, auf solche Weise abzusondern; wird sich ihrer nie dergestalt bewusst, dass er sie in Ideen aufbewahren, und aus derselben Betrachtung einen unabhängigen Genuss sich bereiten könnte; er sagt nicht: es ist Seligkeit in dieser Empfindung, in diesem Gefühl, sondern es ist Seligkeit in dieser Tat. Und das, Lieber, macht die Bahn des edlen richtig.
Vor einigen Monaten starb ein Greis, mit Namen Wigand Erdig; der hatte aus dem elenden Flecken D* eine ansehnliche Stadt voll glücklicher Bürger gemacht. Ich glaube nicht, dass er ausser seinem Gewerbe viel mehr als seinen Katechismus wusste; aber sein Gewerbe verstand er gut, war an Ordnung, Fleiss, Mässigkeit – an gesunde Vernunft gewöhnt, und so von Tag zu Tage klüger, geschickter, emsiger und unternehmender geworden. Nun legte er zu D* eine Tuchfabrik an. Der Fortgang seines Unternehmens litt unzählige Hindernisse; aber er war einmal im Gedränge, und musste durch. Eine Not nach der andern wurde ausgedauert; eine Schwierigkeit nach der andern überwunden; der Mann immer mutiger und weiser. Wenige Jahre, da waren fünfhundert Familien in seinem Brot; der benachbarte Bauer, um dieses zu schaffen, vermehrte sein Haus und baute öde Ländereien an; es wurden fruchtbare Bäume gepflanzt und Gärten die Menge; die ganze Gegend füllte und verschönerte sich: endlich ward diesen Glücklichen das Tal zu enge, da sprengten sie Felsen weg und stuften die Berge hinan. Das alles brachte dieser einzige Mann zuwege, und ohne andre Absicht (seines Bewusstseins) als um sein Gewerbe in Flor zu bringen, sein Haus zu gründen, und seine Nachkommen in Segen zu setzen. Ebenso wurden ihm selbst die Eigenschaften ehrwürdiger Menschheit. Die Klugheit und die Unsträflichkeit seines Wandels hatten ihn bei seinen Mitbürgern in solches Ansehen gesetzt, dass sie ihn gleich einem Vater über sich walten liessen; sein Begriff, das Licht seines Gewissens, galt ihnen mehr als alle Gesetzbücher. In den letzten Jahren, wenn der alte Erdig über die Strasse kam, gingen die Leute vor ihre Häuser, und wer ihm begegnete auf die Seite, um ihn mit gebührender Ehrfurcht zu grüssen. Man muss die Leute sehen, wenn sie erzählen, wie der ehrenreiche Greis langsam so einhertrat, gegen jedweden freundlich sein leichtes Haupt neigte, und einem all das Gute erinnerlich ward, das er gestiftet hatte. – Nicht Tränen, es kommt ihnen sonst etwas in die Augen, verbreitet sich über ihr ganzes Angesicht –Verheissung des ewigen Lebens – Er ist bei Gott – Allwill! dieser Glanz der Heiligkeit – wissen Sie etwas drüber?
Eure Flitterphilosophie möchte gern alles was Form heisst verbannet wissen; alles soll aus freier Hand geschehen; die menschliche Seele zu allem Guten und Schönen sich selbst – aus sich selbst bilden; und ihr bedenkt nicht, dass menschlicher Charakter einer flüssigen Materie gleicht, die nicht anders als in einem Gefäss Gestalt und Bleiben haben kann; lasst euch deswegen auch nicht einmal einfallen zu erwägen, dass eitel wasser in einem Glase mehr taugt, als Nektar in Schlamm gegossen.
Unter allen Formen zu Bildung unserer natur ist freilich die Form eines blossen moralischen Systems die geringste und zerbrechlichste: aber besser als keine ist sie doch allemal. Gar alle Grundsätze verwerfen, weil man öfter Grundsätze unzulänglich oder unwürksam befunden, ist klarer Unsinn. Was nützen Erfahrungen, wenn nicht durch ihre Vergleichung standhafte Ideen zuwege gebracht werden; und was wäre überall mit dem Menschen vorzunehmen, wenn man nicht auf die Würksamkeit solcher Ideen zu fussen hätte? Auch nehmen wir so allgemein für den eigentümlichsten Vorzug der Menschheit an, nach grundsätzen zu handeln, dass der Grad der Fertigkeit hierin den Grad unserer Hochachtung oder Verachtung bestimmt. Wir preisen denjenigen, bei dem – der Empfindung das Gefühl, und dem Gefühl der Gedanke die Waage hält. Also