mögliche von einer gewissen Seite betrachtet, lässt sich in einem ganz erträglichem Lichte ansehen, denn nichts kann durchaus hässlich und böse sein. Aber ebenso, wie wir von entfernten Körpern nur alsdann sagen, dass wir sie in ihrer wahren Gestalt erkennen, wenn wir sie so sehen, wie sie uns in der Nähe, in derjenigen Distanz erscheinen, welche ich die Sphäre der Betastung nennen möchte; ebenso haben auch die moralischen Gegenstände ihre ausgemachte Distanz oder Sphäre, in der ihre verschiedenen Erscheinungen berichtiget, und auf die beständigen Gestalten der Gegenstände reduziert werden können und müssen. Wer nicht für sich eine solche bestimmte Sphäre unwandelbar annimmt, sondern bald in diese, bald in jene flattert; alle Augenblicke den Horizont wechselt, und überall zu haus ist; der kann – vielleicht die Hälfte seiner Lebenszeit ein ganz guter Mensch scheinen; die andre Hälfte aber scheint er zuverlässig ein desto schlechterer; ein würdiger nie; ist keinen Augenblick ein ganzer Mann."
An eben diesen D** schrieb Eduard Allwill: "Das romantische Gebrause Ihres jungen Grafen ist unerträglich. Ein Clodius, der den Brutus spielen will. Was ich davon denke, darf ich der Mutter nicht sagen, wohl aber Ihnen. So ein Laffe, der alle Tage regelmässig seinen dummen oder schlechten Streich spielt, mag sich einfallen lassen, die Welt sei nicht gut genug für ihn! er soll doch nur ja mit ihr vorliebnehmen, denn so wie der junge Herr beschaffen ist, ist er noch lange nicht gut genug für sie, und er mag nur zusehen, dass wir ihm nicht heute oder morgen auf eine unebne Weise seinen Abschied erteilen. Mir fallen gleich Ohrfeigen ein, wenn ich Leute mit erhabenen Gesinnungen herankommen sehe, die nicht einmal nur rechtschaffene Gesinnungen beweisen. Und es macht mich gar nicht zufriedner mit ihnen, wenn sie auch ihre schönen Gesinnungen mit sogenannten schönen Handlungen begleiten; wer ein weiches Herz hat, etwas Feuer im Blut, und viel Leichtsinn, besteht deren mehr als der Beste; hat aber am Ende eitel Ärgernis angerichtet, und für jeden Segen, der ihm ward, doppelten Fluch auf sich geladen. Spreu und Wind! Das Böse zu meiden, darum gilt's vor allem; daran übt, daran erkennt sich der rechte Mann. mancherlei Gutes tun (ich sag es noch einmal) ist leicht: mancherlei Grosses – eine Lust: aber ohne Sünde bleiben, ohne Missetat – das ist – o wie schwer! aber auch, wie weit erhaben über alles! Was heisst der wunderbarste Luftspringer gegen den Unerschütterlichen im Kampf? – Ein vortrefflicher Schriftsteller sagt irgendwo: 'Ich wüsste nichts Preiswürdiges, wozu nicht auch der äusserst missratene, durchaus fehlerhafte Mensch zuweilen sich erheben könnte – Ordnung, Mässigung und Beständigkeit ausgenommen.'"
Ich fordere Sie nicht auf, guter Eduard, diese Auszüge mit den erheblichsten Stellen Ihres letzten Briefes an mich in Verbindung zu bringen. Wer weiss, was Sie leisteten? Ich hab eine solche hohe idee von Ihren philosophischen Gaben, dass ich Ihnen beinahe das Unmögliche zutraue. Allein Ihrem Herzen sei es anheimgegeben, wo die Fülle der Wahrheit sei, dort oder hier. Sie glauben ja Ihrem Herzen alles, ich glaube ihm auch: fragen Sie es, wann es sich am freiesten fühlte, wo es ganz einstimmte und mit Ihren Gedanken gleichen Strom nahm, ob bei den Briefen an D**, oder bei dem an mich.
Lieber, offener – königlicher Jüngling! Ach, so tief herabgewürdiget – zum bangen, schielenden Sophisten!
Sie erinnern sich wohl schwerlich eines Briefes, den Sie mir vor andertalb Jahren schrieben; es war einer der ersten, nachdem Sie Wien verlassen hatten. Ich bin äusserst versucht, ihn hier ganz abzuschreiben; aber lesen Sie nur folgende Stellen wieder:
"Wenn in den vergangenen Tagen, nachts vor Einschlafen, früh beim Erwachen, in jedem stillen Augenblick mein Wiener Aufentalt mir vor die Seele trat; mancher entseelte Rest des Vergangenen neues Leben erhielt; was in Beziehung stand, sich einigte; alles aufeinander wog, ganzer und inniger ward – und ich nun über vieles, oh! über so vieles in herbes, tiefes Trauern versank, so fuhr's mir wohl unversehens wie ein giftiger Pfeil durch die Brust; was soll dein Jammer, deine Reue, dein Klagen? Es ist nur Hohn damit! Ein unbezwinglicher Leichtsinn, eine verruchte Achtlosigkeit, liegt zu tief in deiner brausenden, unaufhörlich gärenden natur. Wer dich kennt, traut dir nicht, liebt dich nicht! – O Luzie! bis zur Verwirrung hat's mich fast gebracht, dies Sinnen über mich selbst, dies Hadern mit mir. -Ich möchte nicht alles erzählen, wenn ich auch könnte."
Wie gross, wie lieb! Damals, wie nah mein Eduard den Besten seiner Gattung! – Aber was half's? Sie wurden dennoch nicht weiser, und so mussten Sie bald nur desto törichter, desto unglücklicher werden. Es kann nicht anders kommen; die unbesonnene Heftigkeit, womit Sie sich überall anwerfen, sich so vielfach zertrennen, muss die ungereimteste Verwirrung in Ihrem Wesen verursachen, der gänzlichen Zerrüttung es immer näher bringen. Alle hände voll, wollen Sie doch immer noch mehr greifen, und können dann weder fassen noch halten. Überdem soll jeder Gegenstand des Genusses sich Ihnen noch in jedem andern gegenstand vervielfältigen; Sie sind gerade der Mann, über den Sie spotteten, der von einem Oranienbaum Kastanien, und von einem Kastanienbaum Oranien verlangt; die leichtfertige