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verschlossene Tür einzubrechen, überliessen sie euch wahrscheinlicher dringender Gefahr; als wohl, in desselben Garten von seinem ruchlosen Sohn ermordet zu werden; nun verlöre dieser arme Nachbar darüber Nährer, Helfer und Freund, und müsste seinen Sohn auf dem Rade sterben sehen: aber sie hätten dann doch kein Gesetz übertreten, hätten sich nichts vorzuwerfen, behielten ein reines Herz und ein gutes Gewissen.6

Es liess sich auf alle Weise dartun, und durch eine Menge von Beispielen erläutern, dass in dem Begriff der entschiedensten Tugenden doch immer etwas Schwankendes bleibe, so dass zuweilen der Mensch sich am vortrefflichsten zeigen könne, indem er ihnen schnurstracks entgegenhandelt. Ich kann mir Fälle gedenken, wo es das erhabenste Verdienst wäreeinen ewigen Stachelaber das leitete mich in ein zu weites Feld. Nur noch ein Beispiel für was ich eben vorhin sagte.

Die erhabenste aller Tugenden, welche zugleich die allgemeinste Anwendung verträgt, die übrigen alle schützt, vermehrt, gebiertist wohl durchgängige Wahrhaftigkeit. Was für ein göttlicher Mensch müsste nicht aus einem werden, der sich entschlösse, immer wahr zu sein? Schon das würde notwendig zur Rechtschaffenheit leiten, wenn man den Vorsatz ausführte, nur keine Unwahrheit je zu sagen; so gross ist unsre achtung für unsre Mitmenschenso brennend der Spiegel, der unsre Gestalt aus ihnen in uns zurückwirft! Man erinnere sich irgendeines Vorfalls, wo man um eine leidenschaft zu befriedigen, einen Betrug zu hülfe genommen, und stelle sich nun vor, man hätte, anstatt heimlich zu Werke zu gehen, demjenigen, den man hintergangen, die nackende Wahrheit, sein eigentliches Vorhaben entdecken müssenwie wird man nicht auffahren und erblassen von dem blossen Gedanken! – Leichtsinn, in Absicht der Wahrheit, ist Sohn und Vater des Lasters, sein Helm und Schwert, und schon die kleinste Lüge eins der ärgsten Verbrechen gegen uns selbst, gegen die Menschheit. – Aber wer könnte zu unsern zeiten den unüberlegten Entschluss fassen, nie eine Unwahrheit sagen zu wollen? Und hat es nicht zu allen zeiten Fälle gegeben, wo es Trieb der erhabensten Menschheit, wo es Eingebung Gottes war zu lügen? – "Oh, wer hat diese entsetzliche Tat getan?" – "Niemand", antwortet Desdemona; "ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gütigen Gemahl meinen letzten Gruss; o lebe wohl!" – Otello ruft: "Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war's, der sie ermordete. "- Aber, o gerechtester Gott! wer wollte nicht mit einer solchen Lüg im mund den Geist aufgeben, und sich für deinen Richterstuhl stellen?

Auch ist schon das so gar schwankend, was ich diesen Augenblick zum Behuf der Wahrhaftigkeit, der Unverstellteit, der Offenherzigkeit vorbrachte; als, z.B., wir verabscheuen nicht selten ebensosehr das Unschuldige, das Ruhmwürdige sogar, zu offenbaren, als das Böse und Schändliche; und diese Schüchternheit zu überwinden, ist manchmal der grösste Heldenmut nicht zureichend.

Das schöne Register eurer sogenannten Tugenden auf diese Weise durchgegangen; dann in dem Mischmasch sie betrachtet, wie ihr sie ganz und alle zusammen, durch einen chymischen Prozess so gern in unsre Seelen treiben, und darin hermetisch versiegeln möchtet! – Sollten wohl sein (wir Menschen) eine Art von Gewächs, das zugleich Kastanien trüge und Pomeranzen, und auch eine Ananas wäre, und ein Erdapfel, und ein Rosenstrauchaber beileibe! daran keine Dornen. – Sollte wohlAsia gelegen sein in Europasollten uns wohl bemühen, die Kunst der Barometer und Termometer so weit zu treiben, dass wir rund um die Erde Zonam temperatam kriegten, und immer schönes und fruchtbares Wetter zugleich hättensollten wohl alle Tugenden erwerben und ausübenbeim Kegelschieben, oder beim Tarock, à l'hombresolltensollten

Ja, so in etwadenken lässt sich freilich manchesnoch so eben. Aber von der schimärischen Vorstellung bis zur eigentlichen; vom Traum bis zur Würklichkeitwie weit!

Es wird überhaupt nie genug erwogen, was für ein unendlicher Unterschied zwischen Bild und Sache, zwischen idee und Empfindung ist. Welch eine Menge der entgegengesetztesten Dinge können wir in der idee nebeneinanderstellen, aufeinanderfolgen lassen? Ich denke, Himmel und Hölle, und mir ist ungefähr einerlei dabei zumute. Darum überwiegt so häufig sinnlicher Reiz die Ideen von den schrecklichsten Plagen der Zukunft: Und darum ist's so ein Lumpenkram um alle gelernte Religionen und alle gelernte Moral. Ein Mensch, der beständig in der Anschauung edler Gegenstände ist, wird gewiss nie unedel handeln; wer aber das minder Gute, das minder Schöne in der Anschauung, und das höhere Schön' und Gute in der idee hat; wie wollte der handeln können diesen gemäss? Alles stimmt zusammen die Menschen unsrer Zeit in diesen Fall zu setzen; daher der beständige Widerspruch zwischen Handlungen und grundsätzendaher die Irrungen selbst in dem System der Grundsätze, weil nichts irrleitender ist, als die Kombinationen bloss spekulativer Ideen. – Was für Meinungen, was für Entschlüsse werden in unsrer Kindheit nicht in unsre Köpfe geschraubt, was für Sentiments nicht hineingedämmert? – und wenn wir arme dann hinausgestossen werden in die Welt, wo jetzt alles dawider angeht, welch innerer Zwiespalt, welche Zerrüttung, welch gegenseitiges Misstrauen zwischen Herz und Geist!

Oh, schlage du nur fort, mein Herzmutig und frei; dich wird die Göttin der Liebees werden die Huldinnen alle dich beschirmen