1776_Jacobi_046_23.txt

zu unterscheiden, zu verstehen, heisst mir Weisheit; ihr mutig zu folgen, Tugend. So ward mir Eigenheit, FreiheitFülle des Lebens; und, o wieviel köstlicher das, als die Behaglichkeit der Ruhe, der Sicherheit; als der Friede des Heiligen sogar!

Noch mit jedem Tage wird der Glaube an mein Herz mächtiger in mir, dass ich wohl gar auf dringende Veranlassung des Moments meinen eigenen tief empfundenen Vorschriften zuwiderhandle. – Schrei nicht über Gefahr, liebe Luzie! Was geht uns das an, dass der Ruchlose ungefähr ebendas tut, und so immer ruchloser wird? Jedes Wesen erspriesst in seiner eigenen natur: wird nicht auch die schöne Seele, aus eigenem Keim, sich immer schöner bilden? Was ist zuverlässiger, als das Herz des edel Gebornen? – – Nimm alle Moralen, alle Philosophien des Lebens zusammen, und versuche streng nach ihren Vorschriften zu wandeln: wenn Du wahres Gefühl von Schönheit und Vortrefflichkeit hast, auf wieviel Ausnahmen wirst Du stossen? Willst Du nun, aus Furcht zu verirren, keine solche Ausnahme gelten lassen: wie muss da nicht endlich Dein Herz und Verstand sich verstokken, Dein Geist zu jedweder freien Bestrebung unfähig werden?

Nehmen Wir auch einen einzelnen Menschen, den empfindsamsten, stärksten; und lassen wir ihn, nach unzählig gemachten Erfahrungen, bloss für seine person, mit dem freiesten Mut, eine Philosophie des Lebens entwerfen; er wird in der Folge abermals auf Ausnahmen stossen; und fürchtet er sich diese zu gestatten, so wird er nach und nach zu einer Art von Maschine, wiewohl zu einer vorzüglichen vor jenem andern, der in dem Rade noch allgemeinerer Vorschriften dreht. Allzuoft muss er sein gegenwärtiges Gefühl unterdrücken, ihm nicht glauben, nicht trauen wollen; folglich bloss nach dem Buchstaben handeln. Eludiert, verdreht er das Gesetz, so wird der Kerl ein Heuchler, ein Schurke; unterwirft er sich ihm redlichso kommt er allmählich um Sinn und Gefühlwird, je höher er die Fertigkeit seiner Tugend treibt, je kälter, geschmackloser; gehorcht immer nur (blindlings oder sehendwie es kommt) seinem ehmaligen Willen, hat aber jetzt keinen eigenen Willen mehr; kann sich hinfüro nie weiter über sich selbst emporschwingen.

Wir wissen, dass, der allgemeinen Sicherheit wegen, jeder Richter nach dem dürren Buchstaben der gesetz urteilen, und für jede andre Betrachtung blind sein muss; daher denn oft die abscheulichsten Untaten gerichtlich bestätiget werden, weil der Bösewicht nicht gegen den Buchstaben des Gesetzes gehandelt, und die Form der Prozedur zu seinem Schutz angewendet hatte: der gewissenhafte Richter konnte nicht anders, er musstewar er auch der wärmste MenschenfreundVerderben über den vervorteilten Rechtschaffenen aussprechen. Aber was für ein Mensch wäre dieser Richter, wenn er kein anderes, als dieses gesetzmässige, öffentliche Gewissen hätte; wenn er den Verurteilten nun wirklich für einen Verbrecher hielte; wenn er, falls es diesem Ehre und Leben gölte, und er ihn könnte heimlich entrinnen lassen, es nicht täte? – Und siehe, gerade solche Richter sind doch alle unsere unbeweglichen Sittenbesteller. Ich weiss nicht, wie fern ich ihnen aus dem Wege gehen möchte!

System der Glückseligkeit, so heisst, was sie uns lehren wollenhöchster Genuss der Menschheit; das wissen sie, was das istund für alle und für jedweden; wissen was alle können und jedweder; was alle müssen und wollen: haben im Auge jede Bestimmung, und in der Seele das Mass aller menschlichen Kraft.

Hochweise, hochgebietende Herren! wir sind nicht füreinander. Ich sing ein ganz anderes Lied, als wovon die Melodie auf die Walze eures heiligen moralischen Dudeldeis genagelt ist. Auch geniessen wir ganz verschiedene Kost; können nicht an einem Tische miteinander sitzen; mein gesunder Verstand, meine gesunden Sinne gingen mir bei eurer Krankendiät Zuschanden. Deswegen überlasst mich meiner guten natur; welche verlangt, dass ich jede Fähigkeit in mir erwachen, jede Kraft der Menschheit in mir rege werden lasse. Freilich drängt sich's da wohl einmal: aber die freie Bewegung hilft durch, passt, sondert und vereinigt; und so immer leichter der Geist, immer mächtiger das Herz. – – Du hohnlächelst, weiser Mann? Was soll das lange Register meiner Vergehungen, meiner Torheiten? – Sag an, bin ich schlimmer, bin ich törichter geworden als ich war? – bin ich schlimmer, törichter, weniger glücklich, als du? – – Dass ich gestern den Himmel an den Kuss eines Mädchens wagte? – Armer Tropf! du hast weder einen Kuss, noch die Freuden des himmels gekostet: Himmel und Ewigkeit sind schon lebendiger in meiner Seele als sie vorher waren: ich tat wohl! Und siehe, so sind alle meine Taten gut, oder ihre Folge wird's; denn durch alle meine Empfindungen weht der lebendige Atem der natur, der vermehrende, ewig neu gebärende. – Ja, fallen werde ich öfter, aber auch ebensooft wieder aufstehen, und herrlicher fortwandeln: sagte dir's nicht deine Amme, dass man nur durch Fallen gehen lernt? – O ihr doppelt gegliederten, ihr Krüppel in eurem Gängelwagen!

Es ist traurig anzusehen, wie manche gute Leute so ängstlich und emsigja zusehen, dass sienur ja nichts Böses, nur ja nichts Ungerechtes verursachen oder zulassen; und darüber in ihrem Trübsinn es nur zehnmal ärger anrichten, oft an unsäglichem Unheil schuld werden. Um nicht, pflichtwidrigermassen, durch des abwesenden Nachbars