1776_Jacobi_046_22.txt

altes teutsches Sprüchwort. Es liess sich ein schönes dickes Buch hierüber schreiben, und es soll mein erstes sein, wenn ich je eins mache. Ein feuriger, geistvoller Jüngling, der ein Epiktet sein will, will mehr als er kann, und muss schlechterdings dabei zum Schelm werden. Wie kann er alles Gute, alles Schöne mit Entzücken lieben, und so genaue Mass halten, und nie irregehen? Wie kann er schon wissen, was jene Freude zur Torheit macht? Euch euren Überdruss, euren Ekel, eure Mattigkeit nachfühlen, liebe Graubärte? Wie kann sein Mut sich vor euren Furchten entsetzen? Er, der dem Schmerze trotzt, und dem tod, und nur Lust wittert. Kurz, euern inneren Sinn könnt ihr ihm nicht geben; und so hättet ihr ihm, wenn er euch hörte, vollends allen Genuss des Lebens geraubt. In seinem Kopf, wenn er ein bisschen eigenes Wesen hat, muss eure Vernunft zum ärgsten Unverstande werden; höchstens kann sie durch Schreckbilder einige Schwermut in seine Einbildungskraft staffieren. Ihre stimme tönt alsdann seinem Ohr, wie ein verdriessliches Gegrein, und macht ihm Weh. Sie heisst ihn die ärgsten Qualen unaufhörlich leiden, damit ihm nur ja kein Leid widerfahre.

Um die Lehren der Weisheit zu verstehen, um sie annehmlich zu fühlen, muss die Seele sich in einem Zustande von Gleichgewicht befinden, müssen ihre lebhaftesten Begierdeneingeschläfert sein; welches soviel gesagt ist, als, sie muss ausser stand, oder doch wenigstens ausser der Lage sein irgend eine entzükkende Freude zu empfinden. – Hole der Henker einen solchen Zustand für jeden wackern Jungen! Geniessen und Leiden ist die Bestimmung des Menschen. Der Feige nur lässt sich durch Drohungen abhalten, seine Wünsche zu verfolgen; der Herzhafte spottet des; ruft Liebe bis in den Tod! und weiss sein Schicksal zu ertragen.

Es ist die hohlste idee von der Welt, dass die blosse Vernunft die Basis unsrer Handlungen sein könne. Das Ding Vernunft, woher hat es sein Wesen? Ist es mehr als helleres Bewusstsein durch zartere Sinnlichkeit hervorgebracht? In seinem ganzen Umfange genommen, und zu einem besonderen Dinge abstrahiert, mehr als System unsrer Empfindungen und Neigungen? Am Ende ist es doch allein die Empfindung, das Herz, was uns bewegt, uns bestimmt, Leben gibt und Tat, Richtung und Kraft.

Nur ein Presswerk, ihm das Blut durch die Adern zu sprützen, kein Herz muss derjenige im Busen tragen, der sich zu einer fortdaurenden Gemütsruhe stimmen, und darin die Erfüllung seiner Wünsche schmecken kann. – Und der sollte glücklich seinglücklich vor allen? Es gibt der Feigen genug, die vor jedem Zufall beben, und doch fast keinen unter ihnen, selbst unter Betagten, der in eure Freistätten flüchtete; alle wagen immer von neuem ihre Haut, um der Freuden mehr zu haschen, um die Fülle ihres Lebens zu geniessen. So schuf den Menschen Gott, und es ist doch wohl ein bisschen unsinnig, zu behaupten, er wäre besser, wenn er wäre, wie Gott ihn nicht haben wollte. – – Glaube mir, holde Liebe, das beste ist, wir bleiben eines Sinnes mit natur. Ihr Wesen ist Unschuld, und wenn wir annehmen, was sie uns nach Zeit und Umständen in die Ohren raunt, werden wir uns so wohl befinden, als jemand unter dem mond. Wir brauchen starke Gefühle, lebhafte Bewegungen, Leidenschaften. Was man gewöhnlich mit einem vernünftigen klugen Wandel meint, ist eine erkünstelte Sache; und der Seelenzustand, den sie voraussetzt, ist zuverlässig derjenige, der am wenigsten Wahrheit in sich fasst. – Nimm, einer wollte ein Haus von so künstlicher Einrichtung bauen, dass, wenn er sein Licht unter dem dach aufsteckte, das ganze Haus davon erleuchtet wäre. Es kann geschehen, wenn er den Tacht ausspreitet und wohl auflockert, dass etwas Schimmer durch das ganze Gebäude dringe; aber welche arme verwirrende Dämmerung! lieber gewöhnte ich mich im Dunkeln zu hantieren. Indessen mag's hingehen für eine Kuriosität: sonst wird doch jeder Verständige allemal lieber sein Licht dahin tragen, wo er gegenwärtig zu sehen braucht, und es in Gottes Namen finster sein lassen, wo er nichts zu schaffen hat.

Ich soll mich um feste Grundsätze bemühen, damit ich zu unwandelbarer Tugend gelange. Nun klingt es mir geradeso, wenn mir jemand vorschlägt aus grundsätzen tugendhaft zu werden, als wenn mir einer vorschlüge, mich aus grundsätzen zu verlieben. Ein Verliebternicht aus Empfindung, sondern aus grundsätzen, wäre freilich wohl sehr treu. Und ebenso würde der Herzhafte, der Grossmütige, der Wohlwollende, der es nicht aus leidigem Triebe wäre, der der Empfindung dazu entbehren könnte, nicht nur zu allen zeiten herzhaft, grossmütig, wohlwollend sein, sondern auch in jedem besonderen Falle so sehr, und so nicht-sehr, als er müsste. – Mit dem Unsinn! Ich weiss ja das alles; bin ja mehr als einer gehütet worden irgend zu wissenwas ich wollte; zu empfindenwas ich empfand; strenge angewiesen wie ich etwas schön und gut, und nur dies etwas so finden müsse; ausgestopft mit erkünsteltem, erzwungenem Glauben; verwirrt in meinem ganzen Wesen durch gewaltsame Verknüpfung unzusammenhängender Ideen; hingewiesen, hingestossen zu einer durchaus schiefen, ganz erlogenen Existenz.

Dennoch wurde mir viel von meiner Beilage bewahrt, und darum weiss ich, an wen ich glaube. Der einzigen stimme meines Herzens horch ich. Diese zu vernehmen,