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gestattet sei, willkürlich zu handeln; – man brauche nur einmal ihn gesehen zu haben, um dies lebendig wie eigenes Dasein zu fühlen. – Ein schrecklicher Charakter! – Und was für ein göttliches Ansehen der Mensch haben muss, wenn er das Gute, das Schöne verfolgt! – und es muss beinah scheinen, als verfolg er es immer, denn alles Böse, das durch ihn geschieht, bleibt entweder verborgen oder es lässt sich als zufällig nehmen. – Oh, hütet Euch! Oh, flieht! – Du Lenore besonders, Du mit dem zarten durchdringlichen Sinn. – Glaube mir, Beste! Liebe macht uns Weiber immer unglücklich. Die Männer verdienen so wenig das Opfer unsers Daseins, dass sie nicht einmal anzunehmen wissen, was wir ihnen geben. Das Glück ein ganzes Herz zu besitzenwie sollten sie das schätzen können, da ihr Herz nie einen Augenblick ganz, da kein Gefühl desselben bei ihnen lauter ist! Keine Wonne, nicht die höchste der Menschheit, gilt ihnen so viel, dass sie dieselbe rein bewahrten. Keine Empfindung ist ihnen in dem Grade lieb, dass sie dieselbe nicht durch ekelhafte Vermischungen trübten, ihr Bild entweihten. Die Fülle des KöstlichenWas? die schmecken sie nie, haben sie nie; darum kann ihnen nie genügen; darum sind sieohnmächtig zur Liebe. Wir arme merken das nicht gleich; wir glauben wohl gar eine Zeitlang stärker geliebt zu sein, als wir selber lieben. Aber, o wie bald offenbart sich das anders! – Da stehen wir dann dem Geliebten gegenüber, und fühlen durch unser ganzes Wesen: Dein! – fühlen durch unser ganzes Wesen: – nicht mein! ... Wenn du das Grässlichedie unaussprechliche Schmach des Gefühls ahnden könntest: – ichDein! Dunicht mein! – – Verloren zu sein, platt verloren an jemand ... Unser eigenes Selbst entflohen aus unsentflohen aus Ihm ... Gar kein Dasein mehr; keins in sich, keins im andern. Man ist verschwunden unter den Lebendigen; getilget mit Schande aus ihrer ZahlElend ohne Mass, ohne Namen! ...

Eduard Allwill an Luzia

Ihr langes Sendschreiben, gute Luzia, hab ich soeben zum drittenmal wieder gelesen; habe alles beiseite geworfen, und sitze Ihnen nun da auf meinem Stuhl so fest, als wenn der kleine Schreibtisch hier die ungeheure runde Tafel in unserm Ratssaal wäre; und Sie, mein teures fräulein! wären das landesherrliche Portrait unter dem grünen goldbefranzten Baldachin; aber wohl zu merken, dass Sie nur insofern das Portrait ihr – – –, titulo pleno, vorstellen, als mein trautes Tischlein hier die verwünschte ungeheure runde Tafel in dem Ratssaal vorstellt; und dass die ganze Vergleichung sich einzig und allein auf mein festes Sitzen gründet. – Närrisch genug mit allem dem, dass ich so ganz von ungefähr, und ohne alles Arge, Sie in das Bildnis eines gepanzerten Erdengottes verwandelte; denn in der Tat, liebe Luzie, jüngst, als Du mit aller Weisheit himmels und der Erde vor mich tratest, sah ich Dich wirklich von der Scheitel bis zu den Sohlen in schön gebläutem Stahlmächtig erhaben auf den Zehen des linken Fusses; das andre Bein künstlich von der Erde geschwungen; empor die heilige Rechte, das Haupt mit einem Lorbeerzweig zu beschatten; und Dein ganzes Wesen begriffenin der Verdauung der göttlichen Eule, welche Du soeben roh und ungepflückt hinuntergeschluckt hattest. Gewiss hattest Du neulich meine geringe person unter einer nicht viel weniger veredelten Gestalt erblickt; als da wär eine unermessliche Perücke über meinem trotzigen Haarzopf, die mir dicke Schweisstropfen aus der Stirne presste; zwei Seraphimsflügel an den Schultern, deren ich mich statt zweener Fächer zum Anwehen bediente; ebenfalls auf einem Bein stehend, fest wie ein Fels. – O komm doch, komm, liebe Luzie! lass uns aufeinander zu hinken; dann her Deinen Helm, dass ich meine Perücke hineinlege; – und nun sieh: dies ist Eduards Nase, und jene Luziens; wir sind unter vier Augen; schwatzen wir miteinander, wie ich und Du!

Schade was, liebe Luzie! Schade was für unsere Weisheit, für alle die prächtigen Verwandlungen, worüber wir uns so hoch zu gratulieren pflegen; gemeiniglich hat es am Ende so viel damit zu sagen, dasswir uns schämen müssen. Man schwitzt im Sommer, und friert im Winter: im ersten Fall kleidet man sich in Taft, und im letzten in Pelz; das ist meist die ganze geschichte. Sie wissen, was die Ptolomäische Epizykloide für ein Ding ist (sonst kann Wallberg Sie daran erinnern): Auf-, Ab- und Durcheinanderschwingungen ohne Ende; doch nur ein Mittelpunkt, und der Planet tritt immer wieder in die Grenzen seines Zirkuls zurück. Es liegt mir noch klar genug im Gedächtnis, wie ich ehmals, bei jedweder merkwürdigen Sinnesändrung, mich nun endlich zur wahren Weisheit bekehrt, und den einzigen Weg zur Glückseligkeit betreten zu haben glaubte, dann vor Entsetzen und Scham verging, dass ich nur vor so wenig Tagenoft vor nur so wenigen Stunden, noch ein so unbegreiflicher Tor hatte sein können. Aber, o Tyrannei des Schicksals! bald darauf kam mein unbegreiflicher Tor wieder ganz stattlich, als der weiseste Mann, ans Licht, und schämte sich seines Vorfahrs nicht weniger, als dieser vor kurzem seiner sich geschämt hatte.

Ein Schelm tut mehr, als er kann, sagt ein