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Seele, ebenso hölzern, wie mit der vorgereckten Brust ihres Leibes. Auch wenn sie wohl von selbst des Herrn Regierungsraten oder der Frau Regierungsrätin erwähnt, welche sie gekannt gehabt zu haben die Gnade gehabt hat, so hat sie dabei ein so unlebendiges Aussehen, wie die Toilettschachteln, neben denen sie steht, mir die Nadeln herauszulangen ... Seht Kinder! so geht's mir.

Die vergangene Woche war wegen meines Prozesses ein Vergleich im Vorschlag. Ich musste bei dieser gelegenheit allerhand fatale Leute sehen, hauptsächlich denn auch den grundschlechten Gierigstein. Der alte Unhold war mir lange nicht vor Augen gekommen; ich erschrak vor seiner Gestalt, die seitdem noch um vieles widriger geworden ist. Denkt nur, der Mensch machte mir Vorwürfe, und zuletzt, nach einigem Hin- und Widerreden, fing er gar an zu weinen. Ach! dass Augen wie die seinigendass alle Augen Tränen haben! Einem Gierigstein, wenn er weinen wollte, sollte, anstatt Tränen, etwas aus den Augen kommen, das man wie Staubflocken weit von sich abschütteln könnte; denn Tränen, die rühren einen doch immer, betriegen einen. An diesem Gierigstein ist mir's zum Schrecken aufgefallen, was für eine Gestalt zum Vorschein kommt, wenn einem verkehrten Menschen das Alter die Maske wegdorret, Fleisch und Farbe seine Züge nicht mehr verhüllen: da weisst sich die abgehärtete Nerve; erstarret im Wesen des Hässlichen liegt sie da zur grässlichen Schau: da bebt der nackende Mund, der kalte, unholde; da zittert das trübe Auge, dessen blick, nicht mehr lenksam, harren muss im Ausdruck des Argen; da schlappt, odemleer, die Nase, verkündiget Stadtneuigkeiten, Skandale, und weiter nichts; da senkt sich die kraftlose Stirne, auf welche Furchtsamkeit und Misstrauen die Hauptrunzeln geprägt haben. – Es ist ein peinlicher Anblick, ein wahres Höllenbild, so ein ganz verkommener Mensch, der nun offenbar heillos in die Erde hinunterstarrt. – Meine Mutter, die süsse Liebe! oh, wie war die so schön von ihrer Seele! – sie verschwand wie ein Engel. Nie werde ich das liebe Bild vergessen, werde es noch oft wieder anfrischen mit Tränen, mit Freudentränen über die liebe Mutter, dass sie so war, und dass sie so aussah.

Ich möchte wissen was Ihr heute treibt. Beisammen seid Ihr gewiss, denn es ist Sonntag; aber was für eine Art Wohlleben Ihr miteinander habt, wie und wohin Ihr Euch miteinander weidet, darauf sinn ich. Ist Amalia die Heerführerin, dann geht's wohl nach der Fasanerie, und Ihr kriegt Gebackenes, Milch und Musik; ist aber Clerdon an der Spitze, dann geht's in den Wald, oder über die Felder längst der Donau, und Ihr kriegt Hunger und Durst. – Hört! und Euer eigenes Geschäfte dabei, Ihr zwei lose Mädchen? was wohl unter Euren Schalksaugen sich für Glück und Unglück zuträgt? ... Dass nur von Eduard keine Frage sei! An diesem Eduard in Eurer Mitte kann ich unmöglich Behagen finden. Alles was ich von ihm erfahre, was mir auch mein Bruder von ihm meldet, der ihn doch über alles liebt, macht mich zittern für Unheil. Der unbändige Mensch mag wohl ausserdem ein herzguter Junge, mag wohl grundbrav sein, und es mit andern gewöhnlich besser meinen, als mit sich selbst: aber das macht ihn nur gefährlicher; das gibt ihm die offene, unschuldige Miene, wogegen kein Rat ist, worauf man die Hand ihm von ferne reicht, sich ihm anschlingt, und Gemeinschaft mit ihm macht: erst hintennach wird man dann gewahr, was er für unsichere Strassen wandelt, wie verwegen er im Handel ist, wie wohlfeil er seine Haut bietet, und folglich die seines Genossen mit ... Nun ein Mädchen das seines Weges kämedas abzuweisenwie wär es möglich? So ward unsere Luzie hingewagt, so ging uns das süsse geschöpf verloren; denn sie stirbt, Kinder, und ihr Tod ist dieser Allwill! Nie war der Holden ein Jüngling erschienen wie Allwillso sinnend, so bescheiden, und zugleich so voll Geist und edlen Eifers. Keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, die sich nicht in ihm abspiegelte wie Sonn im Meer, und das so ganz aus nackender Eigenschaft seiner natur. Überall in vollem Entzücken über fremdes Verdienst, war sein einziges Bestreben, dass er nur gelitten würde. Eine so rührende Einfalt, bei so vielen Vortrefflichkeiten, bei dem schönsten Jugendglanz, musste jedweden bezaubern. Auch gab es niemand, wie ehrenreich er war, der sich nicht gern Eduards Freund nannte ... Unserer Luziedies alles vor Augen! ... Oh, ich sehe den Engelstill, unsichtbar in der Ferne schwebenbeten für den seltnen JünglingEntzündet nur in Freude, in reiner Engelsfreude über den edlen! ... Und dennoch war's Gift! ... Kinder! wenn's Euch nur hiebei schaudern könnte, wie es mich schaudert! ... Töricht! Es kann Euch so dabei nicht schaudern. Aber wie rett ich Euch? Clerdon, Amalia, hütet mir die zwei lieben Geschöpfe!

Es soll unerhört sein, dass dem Eduard je ein Anschlag misslungen wäre. Er wagt sein alles an die Erreichung jedes Zwecks. Wer ihm abgewönne, der gewönne ihm nie weniger ab als sein Leben. Clemenz nennt ihn einen Besessenen, dem es fast in keinem Fall