und welcher ihr nun um so mehr zuwider war, da ihre ganze Seele nach C** hing, wo alles, was sie noch an die Erde fesselte, vereiniget war. Ein einziges Kind das sie geboren hatte, war dem Vater nachgefolgt. Als sie die beikommenden Briefe schrieb, mochte sie achtundzwanzig Jahr alt sein.
Der sonderbare Gemütszustand, der keinen Namen hat, worin Sylli uns gleich in den drei ersten Briefen dieser Sammlung erscheint, lässt sich im grund weder aus den angeführten noch aus andern äusserlichen Umständen hinlänglich erklären. Er kann nur in lebendiger Darstellung gezeigt, und nur durch Sympatie begriffen werden.
Amalia, deren gleich im 2. Briefe, ohne weiteres, gedacht wird, war Heinrich Clerdons Gattin, und die Schwestern, Lenore und Clärchen von Wallberg, Syllis leibliche Kusinen. Alle diese Leute hatten, in verschiedenen Perioden, viele Jahre neben- und miteinander zugebracht, und lebten in brüderlicher Vertraulichkeit. Von Eduard Allwill und andern vorkommenden Personen etwas voraus zu erinnern wäre überflüssig.
Der Besitzer von Allwills Papieren glaubte, es sei gar nicht tunlich, sie in ihrer eigenen Gestalt dem Publiko vorzulegen; die kleinen Details müssten ausgemerzt, der Gesichtskreis erweitert, und das Ganze zur allgemeinen Brauchbarkeit umgearbeitet werden. Dawider führte ich ihm folgende Worte aus Lavater an: "Wer alles sehen will, sieht nichts; wer alles tun will, tut nichts; wer mit allen redet, redet mit keinem. Sieh eins und du siehst alles; tu eins und du tust alles; rede mit einem allein, und du redest mit unzähligen." Ich glaube in Shaftesbury etwas Ähnliches gelesen zu haben; und daneben ist die Sache an und für sich – wahr.
Geschrieben den 22. Febr. 1776.
F.
Sylli an Clerdon
Den 6. März.
Ja, mein Freund, noch alle Tage wird es öder um mich herum, und so setzt sich denn die sonderbare Gemütsstimmung, die Sie an mir tadeln, und wofür Sie keinen Namen wissen, immer fester. Ich soll Ihnen nennen, was es sei, das weder Milzsucht, Trübsinn, Menschenhass oder Menschenverachtung, noch sonst etwas ist, das sich aus Romanen oder Schauspielen bedeuten liesse, das aber mein Herz zugleich so warm und so kalt macht, meine Seele so offen und so zugeschlossen. Lieber Clerdon, Vielleicht ein andermal, diesmal hören Sie, was mir gestern begegnete.
Ich geriet auf einige Stunden lang an das Bett einer Sterbenden. Sie war eine gute Bekanntin von meiner Tante Mossel; mich ging sie weiter nichts an, stand mit meiner eigentlichen person nicht in dem mindesten Verhältnis; ein alltägliches geschöpf, sehr dumpfen Sinnes, aber ohne alles Arge. Ihre Leiden auf dem Sterbebette waren gross. Man hatte zu ihrer Genesung eine der schrecklichsten Operationen versucht. Das alles stand sie gelassen aus: es war die Fassung ihres Temperaments, schlichte Fortsetzung ihres Lebens bis ans Ende. Vier Stiefkinder (eigene hatte sie nie) stanwinns- und gewerbshalber geworden war. Alle weinten und schluchsten recht ernstlich; gewiss, Clerdon, ihre Trauer ging von Herzen. Aber im grund, was war's? etwa ein wenig Reue, ein wenig Erkenntlichkeit, armselige Scheu vor der Befremdung, wenn sie jetzt nicht mehr dasein würde, Bangen vor dem Bild des Todes. – O wie gleicht doch alles einander so widerlich! Ich sass da ganz kalt; körperlich gepeinigt von dem körperlichen Leiden der Kranken; konnte sonst mit niemanden sympatisieren.
Jetzt kam der Geistliche hinzu, und begann seine Geschäfte. Ich versichere Ihnen, die gute Frau zagte nicht der Zukunft wegen, hatte nicht die mindeste Seelenangst; nur das Dahinsterben ihrer Kräfte, die Lebensermattung presste ihr manches Ach aus der Brust; und da kam jedesmal ein Zuruf, ein Spruch, ein Vers aus einem lied, das dann nur die ohnmächtigen Organen zu einem marternden Gebrauche wieder auffing, die milde Hand des Todes bewaffnete, und der Seele wehrte, still und sanft von dannen zu scheiden. – O des Wusts von Welt!
Heute nun ist der Verstorbenen wegen ein Klagen, ein Weinen, auch hier bei meiner Tante, dass einem um Trost bange wäre, der nicht wüsste, dass unter allen diesen Hochbetrübten keiner ist, der die Gattin, Mutter, Freundin bei ihrem Leben nicht immer ganz entbehren konnte. Und nun ich, welcher dies alles so klar vorschwebt, mitten unter diesem Haufen, ganz ohne Teilnehmung; aber ach! im Innersten meines Wesens erschüttert, von unerträglichen Gedanken. – Du mit den vielen Namen, das die Menschen alle zueinanderzerrt, durcheinanderschlinget, was bist du? Quell und Strom und Meer der Gesellschaft, woher? und wohin? ...
Ich sehe die finstere Hohle, und den grossen Kessel, worin "Macbets" Hexen, allerhand Stücke von Tier und Mensch, Froschzehen, Wolfszahn, Fledermaushaar, Judenleber, Türkennase, Tartarlippe, und wieviel andre Dinge sammeln, um das Werk ohne Namen zu bereiten; kochen und kochen am Zauberwesen, bis aus dem Gemenge die Phantomen all hervorgehn:
erscheinen, erscheinen, erscheinen,
Kommen wie Schatten, und verschwinden wieder
Und dazu dann den grotesken Rundetanz, und die herrliche Musik, und die bezauberte Luft, die ganze, beste, vollständigste Lustbarkeit!
Doch so abenteuerlich, mitunter so fürchterlich, ist's lange nicht. Ich muss des Grausens lachen, das mich anstiess. Nein, guter Clerdon, nein, nur eine bunte hölzerne Jahrmarktspuppe, Rumpf und Rock aus einem Klötzchen