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des andern; und je vielfacher, je verschiedener nun diese Kräfte, je merkbarer der Gewinn, je entzückender das Bündnis. Bedenk einmal, wie unterschiedne auch einander entgegengesetzte Interessen jeden einzelnen Menschen in ihm selber teilen, und was für eine Wonne ihn erquickt, sooft er ein wahrhaftes Einverständnis nur zwischen etlichen davon bewürkt hat; wie wir einstimmig denjenigen für den grössten und Glücklichsten schätzen, welcher, ohne eine seiner Fähigkeiten, seiner Kräfte dran zu geben oder zu schwächen, alle seine Triebe unter einen Willen gemeindetmächtig zu einem Heere sie geordnet hat: – Und nun zwei, die so eins werden! es muss eine Fülle sein, eine Seligkeit, die ... Oh, dass ich dies alles so fühlen muss; dass ich zu dem glühenden Sinn, zu dem tobenden Herzen, dem hellen unbestechlichen Geist, diese stille himmelanschwebende Seele erhalten musste! – Tränen, guter Wallberg, Tränen über Deinen armen Eduard, den die Liebe zum Schönen verzehrt, und der in ewiger Zerrüttung mit den Zähnen knirschen mussder den Frieden Gottes ahndet, und verdammt ist zu täglicher Sünde! – Nie, nie wieder eine Stätte finden, wo sein Haupt ruhe! – Nie? – Doch, doch! es wird ja einst brechen -ja brechen in Wonne wirst du einst, gutes qualvolles Herz! ... Aber es war ja von Glücklichen die Rede! Liebe Mutter Amaliadein Antlitz, dein Lächeln!

Sie ist allen Menschen so gut, Mutter Amalia, und könnte doch, gewiss, im Fall der Not sie alle missen, wenn ihr nur der Mann blieb und die Kinder. Ich mag Dir nicht verhehlen, dass sie an diesenan ihrem haus auf eine sehr sträfliche Weise hängt, nämlich ebenso ungefähr, wie die alten Republikaner an ihrem vaterland hingen. Aber Du gehörst ja nicht zu unsern mächtigen Philosophen, welche nie weniger als den ganzen Erdkreiswas? – das ganze Universum übersehen, und, gemässlich, zu Herzen nehmen, und aus brennender Liebe zu den Menschen überhaupt dem Patriotismus der Alten und jeder andern parteiischen Liebe so gram sind; sie sollen herkommen, die gütigen Herren, mit ihrem unbeschränkten göttlichen Wohlwollen, mit ihrer allsehenden Gerechtigkeitmit ihrem ganzen Untadel; sie sollen kommen, die Fratzen, und schauen und fühlen, wo von allem diesenin Tat und Wahrheit am Ende dann doch mehr angetroffen wird, ob bei ihnen, oder bei dem weib hier, das für Mann, Kinder, Haus, sich gegen die ganze Welt empörte! – Holde Mutter natur! o wie laut sagt mein klopfendes Herz mir da wiederum, dass doch allein auf deinem Pfade wahres Heil zu suchen ist! – Sieh das wohlgemute Weib, wie die Befriedigung ihrer reinen Triebe alle ihre Wünsche vollendet, sie von allen andern Begierden so losmacht, und ihr teilnehmendes Herz (das ja in jedem menschlichen Busen wohnt) sich nun so frei und allgemein ergiessen kann. – Ihr prächtigen Weltweisen, ihr lieblichen Herren und Damen, mit euren erhabenen grundsätzen und schönen Sentiments! sagt, wie wird's euch? – wie besteht ihr vor dieser Hausfrau? Da verschleudert, da verpufft ihr eure Seele in die weite Welt, seid überall, und nirgend; euer unbefangenes, richtungsloses Herzjedwedem Anfalle blossohne Drang und ohne Ruh, ohne Genuss und Gabestrebend nach allem, hängend an allemzu keinem Opfer willig, bei keinem Unfall leichtbebend durchaus bis in die kleinste Faserschwach, elend, zehrendvoll allgemeinen Wohlwollens ... Weg von diesen Allumfassern, hinab zu Amaliens Schemel, zu der Kurzsichtigen, zu der Armseligen, die nur ihren Mann liebt und ihre Kinder, allen übrigen Wesen nur gut ist, und in Wohltun gegen sie, aus voller Genüge, nurüberfliesst, wie die Sonne von sich scheinet Licht und Wärme, nurweil sie Licht ist und warm, und die Fülle hat. Tritt in den Umfang von Amaliens Sphäre: du stehst in Segen; das ist's alles. Darum ist Amalia auch das bescheidenste geschöpfdas demütigste, möchte ich sagen, das man finden kann. Dass sie Gutes aller Art unermesslich würktdarauf gibt sie nicht acht; dass sie alle Pflichten erfüllt, alle Gebote hältdas weiss sie nicht; hat von den Gründen ihres durchgängigen Verhaltens nichts weniger als vollständige Begriffe, gar keine eigentliche Moral, kaum eine solche wie schon vor Jahrtausenden dem uralten Hiob eine zu Diensten stand. wunderbar, dass Amalia auslangt; denn sie ist auch nicht einmal was man fromm heisst. Aber ich fordere euren ekelsten Mückensäuger auf, ihren Wandel nach der Strenge zu prüfen, und wenn er wird leugnen können, dass sie sündenfreier, dass sie tadelloser sei (selbst nach so vielen Fratzenbegriffen unserer Zeit) als eine; so will ich vor dem Mückensäuger mich beugen und mich zu ihm bekehren.

Du, lieber Wallberg, siehst doch hier wohl kein Wunder, oder argwöhnest kein Blendwerk? Komm näher! Was ist's als ein echtes Gottesgeschöpf, in Gesundheit und natürlicher Wohlgestalt; auferzogen ohne Künstelei; alsdenn befangen mit einem gegenstand, in welchem seine Kräfte sich sammlen, ordnen und zur schicklichsten Wirksamkeit vereinigen konnten. Sind doch alle Tugenden eine freie Gabe des Schöpfers; unmittelbare Naturtriebe, nur verschieden gestaltet nach den verschiednen Formen und Zuständen menschlicher Gesellschaft; keine, die nicht da war, ehe sie Namen hatte und Vorschrift!