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die Charaktere genau bezeichnen, muss pünktlich den Stil verändern. unfehlbar hätte er es bei diesem Vorsatz besser gemacht, als die natur.

Ich beobachte, dass in einer sehr innigen Gesellschaft, die Schreibarten sich einander so nähern, wie die Charaktere, und dass wie die Seelen der Freunde sich vermischen, ebenso auch ihre Arten zu denken, zu empfinden, und sich auszudrücken, ineinanderfliessen."

Wenn es hiemit seine Richtigkeit hat, so wird man sich nicht wundern, in den Briefen Amaliens und der fräulein von Wallberg Beobachtungen, Ideen, einen Schwung der Seele anzutreffen, die man an dem andern Geschlechte nicht gewohnt ist. Der Entusiasmus, womit diese guten Geschöpfe an ihrem Clerdon hangen, die Andacht, in der sie immerwährend vor ihm schweben, geben demjenigen, der hievon eine Vorstellung hat, zu allem Aufschluss. Warum aber indessen doch Amalia, die beinah Abgötterei mit demselben treibt, mehr oder auffallendere Eigenheit in Wesen und Stil behält, wird sich in der Folge entwikkeln.

F.

[Fortsetzung]

Eduard Allwill an Clemenz von Wallberg

Freilich, wo eigentliche Freundschaft ist, da sind auch Prätensionen, und diese müssen von beiden Seiten laut anerkannt werden und überall gelten, oder der T** soll den ganzen losen nichtswürdigen Bettel holen. Also verzeih, Lieber, und lass mich Deine weiteren Vorstellungen übergehen. Du weisst ja, wie sehr ich Deiner Meinung bin; weisst, was ich für ein Gesicht machte, wenn ich von Leuten hörte, die sich einander so liebhätten, dass sie sich gar nicht umeinander bekümmerten; denn im grund ist's das, wenn man sich einander alles nachsehen kann. Fratzen! Mein Ekel daran nimmt von Tage zu Tage zu; aber mich darüber zu erbosen, wie ehedem, so kein Tor bin ich länger; ich will mich nicht einmal darüber mehr ärgern: es behagt nun einmal den Menschen, sie sind darüber einig, sich einander etwas weiszumachen, und es kommt auch selten jemand dabei zu kurz. Was brauchen die Leute sich weiter liebzuhaben? woher und wozu? Sie haben ganz andre Dinge aneinander zu bestellen; geht's damit voran, so bleibt das gute Vernehmen, ohne dass sich der eine um den andern viel zu scheren hat. Indessen, Lieber, wollen wir uns doch nicht verhehlen, was der eigentliche Geist jener freundlichen Toleranz und edlen Unbefangenheit sei: Gleichgültigkeit und Bettelei. – Also noch einmal, Bruder, verzeih; aber dass ich mich bessern werde, darauf musst Du nicht zu sicher rechnen. Bisher hab ich es mit allem zu ernstlich gemeint; ich spüre, dass man dabei zugrunde geht, und für nichts. Wie ich's hinfüro anders machen werde, weiss der Himmel. Ich bin, von innen und von aussen in einem wunderbaren Gedränge. Etwas Ruhe hab ich wieder genossen, weil ich einige Tage her unpässlich war. blieb mein Kopf so dumpf, so nebelicht, wie diese Zeit über, dann sah ich der Verwirrung ein Ende; alles sollte bald gerichtet und geschlichtet sein; und was einmal ausgemacht wäre, dabei blieb's. Du weisst, beim Nebel fliessen die Dinge so hübsch ineinander; es erscheinen einem nie mehrere, als nebeneinander in einem Gliede Platz haben; keine Farbenverwirrung, alles grau, alles flach; und sieh, Bruder, so ist wahrhaftig der Nebel das treffendste Bild weiser Gemütsfassung. Wenn mein Geist umnebelt ist, dann bin ich so altklug, so verständig, wie ein Schulmeister; dann weiss ich mich über alles zu bescheiden, und was ich mich heisse, das tue ich; dann räume ich mein Zimmer auf, bringe meine Papiere in Ordnung, beantworte alle Briefe nach dem Datum ihrer Ankunft, und würde auch mein Testament machen, wenn ich nur Erben wüsste, die sich's gefallen lassen könnten. Clerdon, der mich gestern besuchte, glaubte in der Tür geirrt zu haben, so fremd sah ihm mein Zimmer aus; was zu stehen gehört, stand; was zu hängen gehört, hing; was zu liegen gehört, lag. In dergleichen Rücksichten ist mir eine solche neblichte Disposition zuweilen eine wahre Wohltat: und je mehr ich der Sache nachdenke, je heller leuchtet es mir ein, dass die Tugend der echten Schul-, Stadt- und Heermoral, welche die beliebte durchgängig gute Aufführung, das exemplarische Leben hervorbringt, nichts anders als eine Art von Nebel sei, der alles leichtfertige Aussenwesen, als da sind Glanz, Farbe, Licht und Schatten, an den Gegenständen verhüllt, und nur das solide Unveränderliche an ihnen beäugen lässt.

Die merkwürdige Entwicklung meines Romans mit Nannchen, worüber ich Dir eine eigene lange Epistel schreiben wollte? -Hör, erst vor einer halben Stunde noch dachte ich wunder, was ich Dir zu erzählen hätte: ich schnitt eine frische Feder, tunkte sie ein, wusste nichts anders, als dass es recht vom Fleck gehen sollte: als ich zu meinem nicht geringen Befremden innewurde, es habe Not, ich besänne mich zuvor ein wenig. Ich sann eine grosse halbe Stunde lang; da war ich fertig, hab's nun auf einmaldass ich selbst nicht mehr weiss, was ich mich so eifrig angeschickt hatte, Dich wissen zu machen. Der Sachen erinnerte ich mich genug, nur konnte ich mich ihrer nicht auf die Weise erinnern, wie sie Dich so mächtig interessieren sollten. Wer weiss, vielleicht hätte meine Materie mir weniger dürftig geschienen, wäre zu ihrer Abhandlung die Feder nicht so schön