1776_Jacobi_046_15.txt

gang, und mein Herz hob sich zu dem Schlag, bei dem es einem auf einmal so ganz anders wird. Leise nahete ich ihrem Schreibtisch. Sie schob, ohne ihre Stellung zu verändern, mit der einen Hand mir das Geschriebene zu. Nachdem ich es gelesen, hierauf einen Augenblick gesessen hatte, ging ich an ihren Stuhl knien, um sie zu küssen. Wir kamen allmählich einander in die arme, weintenund fingen zu sprechen an.

Deine Briefe wurden stückweise wiederholt, und so nach und nach zu einem für uns eigenen Ganzen umgebildet, das wir besser fassen konnten. Alles drang jetzt weit tiefer ein, und dennoch wurden wir heiterer. Wir ahndeten Deinen Zustand, gewonnen teil an Deinem himmlischen Wesen. Wer wollte nicht Sylli sein? sagten wir. Der blosse Abglanznur eines Teils von ihrer Seele, und den wirach! nur so schwach aufzunehmen vermögen; was gibt er uns nicht Mut und Wonne! und siebesitztsie ist diese Seele selbst; hat in ihrem eigenen Wesen was so unbegreiflich entzückt; den Quell und die Fülle all der Schönheit, all der Grösse! – Wer wollte nicht Sylli sein! gäbe nicht alles hin für die Unabhängigkeit dieses hohen Selbstgenusses, für die helle Wonne göttlich zu lieben, die allein aus solchem Reichtum überfliessen kann. glückliche, glückliche Sylli! ...

Clärchen

Meine Schwester ist abgerufen worden, und ich, liebste Sylli, bin nicht imstande fortzufahren. Mein blick ist schon wieder getrübet; jenes Wehklagen, wovon ich erst sagte, dass ich es so hell aus Deiner Brust hervorgehen hörte, dringt von neuem in mein Ohr, und kein jubel wird es übertäuben. Du kennst das an mir, dass ich nicht leicht in einem Gefühl mich so ganz verliere, von einer Vorstellung so ganz befangen werde, dass ich nun weiter nichts sähe noch wüsste. WahrDu hast den Himmel in Dir selber; und wer wird Dich nicht deswegen selig preisen? Aber auch nicht minder wahr ist alles was ich vorhin bemerkte: und so sässest Du mit Deinem Himmel dann doch in einer Art von Hölle. Deine Briefe sind ein eigentlicher Wechselgesang aus beiden, voll Verzweiflung und Wonne. Was muss ein Herz nicht ausstehen, in welchem so feindliche Töne zusammenkommen, das sie ineinanderschmelzen, zu einer Melodie vereinigen soll! Alle saiten des Instruments müssen nacheinander springen, und der Sangboden selbst. Liebste Sylli, ich ertrag's nicht. Oh, dass ich bei Dir wäre, oder ich dürfte meine Lenore für Dich missen. Wir entbehrten gern einander, opferten noch viel mehr auf, wenn Dir damit geholfen wäre. Sag ob Du eine von uns willst, und welche? So unvollkommen auch die Teilnehmung wäre, die Du bei uns guten Kindern fändest, so wäre sie doch rein, voll in ihrem Mass und innig. Unsere Augen, Sylli, liessen gewiss die mehrsten Deiner Blikke einund weiter. So gewönne Deine Seele Raum; erhielt eine Stätte, wo sie einen teil ihres Lebens hinflüchten und aufbewahren könnte. – Sag, Liebe, soll ich kommen. Ich fühle seit einiger Zeit einen ausserordentlichen Trieb wieder einmal um Dich zu sein, und wollte Dich schon jüngst mit Anschlägen dazu unterhalten. Damals war es mir fast allein um mich zu tun. Ich hätte gern mehr Freude an mir selber, und die erhielt ich zuverlässig, wenn ich Dir ähnlicher würde. Mir deuchtwas Amalia jüngst vom kleinen Heinrich sagtejeder Deiner Küsse müsste mir etwas von Deinem holden Wesen einhauchen.

Ich soll zusiegeln, schickt Clerdon. Also kriegst Du nichts von Amalia. Die Gute hat sich wohl nicht überwinden können, unsere Frau von Reinach allein zu lassen. Ein wunderbares Weib! so jung, so sprudelnd von Leben, und doch von allem was nur einer Schuldigkeit ähnlich sieht, so völlig hingerissen, wie andre von ihren Leidenschaften. Wir fahren fort uns oft Vorwürfe darüber zu machen, dass wir ihre immerwährende Aufopferungen zulassen; aber es ist als wenn die Gottlose mit Fleiss einen gleich wieder verstockte. Ich sage tausendmal, wenn sie einem Mägdedienst anböte, man dächte kaum daran sich zu widersetzen, so lieb und schicklich geht ihr alles ab. Und hüten kann sich einer nie genug vor ihr; im Hui hat er die gefälligkeit, das Gute weg, und weiss von keinem Dank. – Ade, Sylli! so lauf ich hin, und fall ihr um den Hals.

Note

Ich muss hier etwas nachholen, das in der Vorrede vergessen worden. Rousseau (dessen Unterredung über die Romane von der neuen Heloise ich gern dem Leser ganz übersetzte, da sie so manches entält, das diesen Briefen trefflich zustatten käme) soll für mich sprechen. Dieser legt seinem Freunde die Bemerkung in den Mund, dass ein gewisser Zug von Ähnlichkeit in Sinn und Schreibart, die man bei den Personen der neuen Heloise wahrnehme, nebst einigen andern Unschicklichkeiten die Mutmassung verstärke, dass sie kein erdichtetes Werk sei. "Die natur", sagt er, "welche nicht besorgt, dass man sie verkenne, ändert oft von Schein; und oft verrät sich die Kunst, indem sie natürlicher sein will, als jene, ist der Grunzer in der Fabel, der es besser kann als das Tier! In dieser Sammlung ist vieles so ungeschickt, dass sich der ärgste Schmierer davor gehütet hätte . ... Wo ist einer, der nicht angefangen hätte sich zu sagen: man muss