's ans Herz greift – so nah, Sylli, so nah und immer näher, dass mir bange ist für meinen lieben Mai, wenn er kommt, dass ich ihm wohl möchte ein wenig untreu geworden sein.
Vorgestern spazierten wir noch nach Sonnenuntergang längst den Ufern der Donau. Ich setzte mich hin und sang: "Mädchen, lasst euch die Freude schmekken!" Hinaufwärts den Strom sah es dunkel – dunkel und dunkeler – und hell und heller gegenüber: so sahen wir den Tag von dannen ziehen, und gerad über uns die Nacht ihm an der Ferse. Leise rauschte, nah an mir vorbei, der herrliche Fluss, und spiegelte den Himmel ab mit seinem Abendrot und schönfarbigen Gewölk und mit seiner Nacht. Ich erinnerte mich Deiner, beste Sylli, und segnete Deine Seele, mit der heitern Ruhe, welche rund um mich her über alles, und auch über mich sich ergoss.
Beim Weggehen rief ich Dir, gute Nacht: eben blickte der erste Stern hervor, und ich warf Dir einen Kuss zu: hast Du ihn gefühlt?
Clärchen.
Clärchen an Sylli
Hainfeld, den 18. März.
Clerdon und Amalia sind seit gestern hier. Als wir ihnen entgegenflogen, und ich mich an Clerdons linken Arm hing, fasste er meine Hand und drückte sie leise an die Rocktasche. Leise rief ich: "Briefe von Sylli! Gute?" – "Gute, o ja; etwas schwermütig, aber lass, sie ist dennoch wohl dran."
Tante war noch nicht angezogen. Sie sollte alle Zeit haben. Wir liefen ins hinterste Boskett. – "Nun, Clerdon, nun!" jauchzten und hüpften wir. – Er sah uns an mit dem vollen stillenden blick seines Auges; lächelte: weg war die Hast. Wir schlüpften aneinander her und lagerten uns auf die Rasenbank. Clerdon stand noch einen Augenblick, dann ging auch er seinen Platz nehmen. Nun kam die Brieftasche hervor, die er auf sein übergeschlagenes Knie legte, seine hände gefalten darüber. Wir hingen an seinem Auge, das einen so wunderbar fassen und füllen kann. Eine eigene – schauerliche Freundlichkeit wandelte durch die Stille. Clerdon öffnete die Brieftasche, und schlug hernach sie wieder zu. – "Ein herrliches, liebes Weib!" sagte er: -"wenn sie sich erblickte, wie sie vor meiner Seele steht!" – und gleich darauf: "Gott, wem du ein tief damit, alle deine Gaben, und dich selbst." Die Briefe wurden gelesen. Zwo Stunden verstrichen darüber. Wie sie zugebracht wurden diese zwo Stunden – dies, liebste Sylli, erzähle Dir wer es weiss, kann und mag. Meine ...
Clerdon
Keiner von uns wird es Dir erzählen. Das Anschauen, die Umarmung einer ganz entüllten, schönen, tiefempfindenden Seele ist zu heilig, um in Bildern und Worten nachgespiegelt zu werden. Und wer vermöchte jenen Blitzstrahl dahin abzulenken;
Leblosen den lebendigen Kuss der Liebe zu geben? – Nein, schaue selbst – den verklärten blick – und Wonnegefühl sanft über ihn die Augenlider dekken – und dahingegeben die Seele.
Wohl glaube ich Dir, dass Du es im grund so schlimm nicht in der Welt hast, wie arg es Dir auch ergangen, und so viel auch jetzt noch Deiner Leiden sind. Eine immer reiner und voller klingende Saite auf der grossen Leier der natur, ein immer mächtigeres Organ in dem Ganzen des Alliebenden zu werden, oh, das lohnt Dir jeden Schmerz.
Dornen malmen, sie zu Pflaumfedern wühlen, lernete ich lang; und nun weiss ich, dass es für den Menschen eine Lauterkeit des Sinnes – mit ihr eine Kraft und Stetigkeit des Willens gibt – eine Erleuchtung, Wahrheit, Eigenheit und Konsistenz des Herzens und Geistes, wodurch ihm der eigentliche Genuss seiner göttlicheren natur, Rück- und Aussicht wird, und wozu niemand gelanget, der nicht mehrmals im äussersten Gedränge von allem ausser sich verlassen war. Da hat die ganz auf sich selbst gestemmte Seele sich in allen ihren Teilen gefühlt: hat, wie Jakob, mit dem Herrn gerungen und seinen Segen davongetragen. Wer, liebste Sylli, wollte nicht gerne für diesen Preis sich eine Zeitlang mit einer verrenkten Hüfte schleppen?
Clärchen
Schön, was Clerdon sagte, gut auch und wahr; aber wenn es am Ende doch – nur Trost wäre; ein köstlicher Balsam, aber nur lindernd, und die Wunde – tödlich? arme Sylli, wohl bist Du übel dran, wohl hast Du es schlimm in der Welt! Ich hör ihn ja so hell aus Deiner Brust hervorgehn den Schrei des tiefsten Schmerzes. Was hilft es mir, dass Du hintennach lächelst? damit machst Du mich nur bitterlicher weinen. Du weisst, Arria lächelte auch. – Ach, Sylli, Du kannst nicht leben ohne Liebe; und was ist Liebe ohne Zuversicht? Sag was Du willst; Liebe die sich nicht ewig weiss und ewig erwidert, das ist keine Liebe, das ist blosses Ergötzen, dem Du nur in der Angst jenen Namen liehest – Blumenfreude, Schmuck, Tanz und Spiel. Und hieran sollte Dir genügen – Dir Sylli? – Seifenblasen zu werfen – und alles, alles Seifenblase? – Je mehr ich nachgrübele ...! Oh, ich fühle, dass Dir's das Herz zersprengen muss.
Lenore
Auf der Zunge: "Bist du bald fertig, Clärchen?" so trat ich ins Zimmer. Clärchens Anblick hemmte mir Sprache und