, was Clerdon für ihn und die gefährten seines Kummers getan: und als diese nun auch hinzukamen, und die Deputierten mit ihrer eigenen geschichte erwiderten, da fingen die guten Leute an, unsre Gegenwart zu vergessen; sie drängten sich zusammen, irrten in vertrauten Umschlingungen durcheinander und um uns herum, und von allen Stimmen hörten wir die Worte wiederholen: – "Ja, so gibt's keinen Mann mehr; so hilft er allen Menschen – Stadt und Land muss für ihn beten." – – laut rief unversehens einer aus dem Hauf: "Gott, der Vergelter segne euch, und erfreu euch auf ewig!" Alle wurden wach, umzingelten Clerdon, küssten uns die hände, und wiederholten immerwährend: "Gottes Segen und die ewige Freud, Amen! Amen!" – Wir weinten recht herzlich. Clerdon wusste nicht zu bleiben. Er fuhr mit der Hand sich an die Stirne, und wankte so, mit zurückgeschlagenem haupt, in sein Kabinett. Das Zimmer ward bald leer. Unsern Clerdon fanden wir ganz in sich gekehrt, in seinem Kabinett sitzen. Wir lagerten uns an ihn, jede so gut und dicht sie konnte. Ein Meer von Liebe ergoss sich über uns aus seinen Augen, welche alles sahen, was in unsern Herzen vorging. – – "O wie wohl mir von eurer Liebe ist! – Aber zuviel, zuviel! – Einst – vielleicht bald –" hier flog eine Blässe über sein Angesicht, die wie ein Blitz kam und verschwand. – Unser Herz zerriss. O des unbegreiflichen Zweiflers! Wir verbargen uns in seine arme, in seinen Schoss, und weinten, dass wir schluchzten. – "Auch an mir?" bebten Amaliens Lippen; – aber kein Wort der Zuversicht kam aus seinem mund.
Kaum hatten wir uns ein wenig erholen, und Amalia sich vollends ankleiden können, als es ein Uhr schlug, und Allwill, der zum Mittagsessen gebeten war, sich zu uns gesellte. Wir erzählten ihm das Vorgegangene, und gerieten darüber in ein schönes herzliches Gespräch, das uns zusammen in die reinste Stimmung zu aller Wonn und Wehmut setzte. So geleiteten wir einander die Treppe hinunter nach dem Speisesaal. – – Es sollte einmal recht Sonntag sein an diesem Tage – denn nun trafen wir noch im Vorhause zwei Kinder in neuer Kleidung, welche vor ihre Pflegmutter Amalia zur Ehrenerscheinung kamen. Sie gehören einem Unglücklichen, dessen Frau wegen Dieberei auf dem Raspelhause, sitzt. Der Knabe war mit kleinen Heinrichs Überrock und Matrosenwams geputzt. Das Mädchen hatte Jacke und Rock von Tuch; ein siamoisinen Schürzchen, kattunen Halstuch usw., nicht zu vergessen ein neues Hemd, deren Amalia für jedes zwei hatte machen lassen. – "Gib du ihnen etwas Geld", sagte Amalia zu Clerdon; er tat's und wir auch. Der Bub, 9 Jahr alt, sah uns freundlich und vergnügt an, und dankte; das kleine Mädchen aber, ungefähr 8 Jahr alt, wendete sich mit einem betrübten Gesichtchen zu Amalia, und stotterte leis und eilig: – "O machen Sie doch, dass meine Mutter wieder zu mir kommt!" Hiebei fing es an zu weinen, versteckte sich unter sein Händchen und schlich sich so zur tür hinaus. Man hatte ihm vermutlich bei seinen kleinen Unarten wohl einmal gesagt, es sollte sich was schämen zu weinen, und es wusste nichts davon, wie sehr uns seine Tränen rührten. Allwill gab den Kindern nichts; er hatte Clerdons und Amaliens hände ergriffen, die er beide fest an seine Lippen gedruckt hielt; Mann und Weib neigten sich über ihn, seine Stirne zu küssen: nie habe ich eine so rührende Gruppe gesehen.
lebe wohl, liebste Sylli.
Ich schicke diesen Brief an Clärchen, damit sie noch etwas dran schreiben kann, wenn sie Lust hat.
Was uns allen auf dem Herzen liegt, weisst Du – – O dass Dir's wohl gehe!
Lenore.
Nachschreiben von Clärchen
Lenorens Brief kam zu spät, um noch gestern abend mit der Post abzugehen, und das war recht gut – sag ich; denn nun kann ich Dir auch einen schönen Morgen bieten, einen so schönen als Lenorens ihrer immer sein mochte. Ich sitze ganz obenauf, in dem grünen Zimmer, und schaue über die Kastanienallee weg, gerad aufs freie Feld. Am Himmel herum schwebt dünnes Gewölk, welches die aufgehende Sonne so schön bemalt, dass es wohl schöner ist, als sie selbst; aber doch bin ich auf der Lauer, und meine alle Augenblicke sie hervorbrechen zu sehen. Wie meinst Du, dass meinem Stumpfnäschen das lässt, so hoch über die hohen Gipfel weg in die Sonne zu blicken, "gleich dem majestätischen Donnervogel"? Ich muss selbst darüber lachen. Ärgerlich ist's aber doch, ein Gesichtchen zu haben, dem so etwas nicht lässt.
Liebe Sylli, ich schäme mich anjetzt, neulich darüber gemurrt zu haben, dass wir so früh aufs Land sollten: aber, wie bekannt, ist Hainfeld eine Stunde weit von Clerdons haus; und dann, wer hätte binnen unsern dreifachen Mauern sich einbilden können, dass draussen schon der Frühling wäre? Hecken und Sträuche sind schon ganz grün, und überall – aus der Erde herauf- von allen Zweigen herab – kriegt's einen doch so lieb zwischen, und äugelt dich an, oh, so herzig, wie ein Mutteraug den angeschlungenen Säugling. Ich kann Dir nicht sagen, wie mir