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vor Augen stellen; aber eben weil Du es bist, darf ich's. Du weisst, wie mich der Gedanke anzieht, das alles mit Dir zu teilen, wie mein Herz so laut schlägt für Verlangen Dich zu haben und mit glücklich zu machen; und wie ich dann auf einmal wieder nicht glücklich bin; manche Träne um meine Sylli fällen lasseoh, das weisst Du alles, meine Gute, meine Beste, denn Du kennst Deine Amalia durch und durch. War Dir's nicht, als wenn Dein ganzes Inneres sich beständig von einer Seite zur andern hin bewegte, wenn Du etwas Widriges von uns vernahmst? So ist mir, und eine stachelnde Unruhe lässt mich keinen Augenblick stille, wenn ich weiss, dass Du unpässlich, unzufrieden oder schwermütig bist. Nach Deinem letzten Briefe scheinst Du jetzt ziemlich gesund; auch machen Dir die** und die*** noch manche Stunde angenehm, wofür ich ihnen so herzlich gern dankte, wenn Dank hier Platz fände.

Von der endlichen Ankunft Deines langsamen Fuhrmanns hast Du schon Nachricht. Hier noch einen Dank über den Dank, welchen Dir unsere Mädchen übersandten, für die schöne Besorgung aller unserer Sachen. Das Wachstuch und die Körbchen hast Du aufzurechnen vergessen. Melde mir, wie ich's mit dem Dir noch zukommenden Gelde machen soll. Die drei Carolins habe ich nach B. sogleich besorgt. Die Tabatiere bleibt noch immer allerliebst, und wird nicht anders als in ihrem ledernen Säckchen getragen. Das Tischblatt? – die Girlande ist sehr niedlichaber der Grund? – lass, ich werde mich dran gewöhnen. Wegen des porzellanenen Deckels schreibe ich nächstens.

Du wirfst mir vor, dass ich Dir nicht mehr von Ferdinand erzähle. Der Junge ist eben kaum erst zwei Jahre alt, daher sich nicht viel anders von ihm erzählen lässt, als wie er aussieht; und dieswie erzählt man dies? Er ist klein und rund, hat von meinetwegen, das heisst vom mütterlichen Grossvater, das Dir bekannte etwas finster liegende Auge; doch kann er sehr freundlich daraus kucken, und Feuer ist die Menge drin. Du weisst, dass Clerdon sich schon längst verbürgt hat, dass wir an diesem Ferdinand den besten, freimütigsten Jungen von der Welt bekommen würden. An mir hängt er wie eine Klette, und Bruder Heinrich holt ihn alle Morgen, ohne Fehl, aus seinem Bettchen, zieht ihm Schuh und Strümpfe an, und dann gehen wir zusammen frühstücken; nach dem Frühstück muss Bruder Heinrich mit ihm fort auf den Hof, und ihm sein Spiel in gang bringen, und das tut Bruder Heinrich mit immer gleicher Geduld und Freundlichkeit. Liebe Sylli, wer hätte gedacht, dass Heinrichs Charakter, der so ganz lieblos und mit allen Lastern furchtsamer Eigensucht besamt schien, sich dergestalt ausbilden würde? Ich glaube, Du hast ihm alle Morgen mit einem Kuss etwas von Deiner Seele, die lauter Liebe und Verleugnung ist, eingehaucht, denn erst seitdem Du ihn bei Dir hattest, ist er so merklich geändert. Carl ist noch immer derselbe "Capitano Tempesta", wie Du ihn vor neun Monaten bei uns verliessest; hat aber im grund viel weniger Herz, als Ludwig, der sich täglich wackerer zeigt. Alle vier sind gut, nur dann sind sie es nicht, wenn man sie zu den Dienstboten lässt; mit und unter diesen verträgt sich keiner nur eine Viertelstunde lang. Während ich dies schrieb, ist Ferdinand mit einem Freudengeschrei gekommen, dass er mich funden hat, und läuft, spielt und schwatzt um mich herum. Für Deinen Garbetto5 liess ich auch gern hier ein Wörtchen einfliessen, weil es mir vorkommt, als gehörte er mit zur Kinderfamilie; allein die Kirche ist aus, meine gute Mädchen sind lange da, und ich habe noch gar nichts heute mit ihnen geschwatzt. Wäre Garbetto hier, es ging ihm recht gut; denn Ferdinand teilte alle Bissen mit ihm, wie mit einem Hündchen zu B**, dem er alles und alles gab, zum grossen Skandal der Frau von Dertrut und ihrer grossen wohlconduisierten Gesellschaft. – Wie das lacht und plaudert hier neben um Clerdons Kamin herum? Ich will einen Augenblick hin, liebe Sylli, und mich dann anziehen, und dann essen, und dann in die Kirche, und dannach Himmel! zur Frau Direktorin an den Spieltisch. Ade, Du Beste, Du Liebe! –

Lenore von Wallberg an Sylli

Hainfeld den 12. März.

Wir hatten gestern einen herrlichen Tag in Clerdons haus, und da entstand zwischen Clärchen und mir ein grosser Streit, welche von uns beiden Dir heute von dem herrlichen Tag erzählen sollte. Ichhatte, leider! nur das Recht auf meiner Seiteund Clärchen, wie immer, die Gründe; damit beschwatzte sie in der Geschwindigkeit, eh ich nur ein Wort anbringen konnte, den leichtfertigen Clerdon so artig, dass er mit der ehrlichsten Miene von der Welt zu mir sagte: "Aber, Lenore, du hast ja wieder unrecht!" Ich schalt ihn einen parteiischen, gewissenlosen Mann, der er ist, und rief Amalia zu hülfe. Mamachen sagte, eine von uns müsse ohnedem bis auf den Mittwoch bei ihr bleiben; welche von beiden das nun wäre, die sollte nicht schreiben, sondern es der andern überlassen. Wir loseten ums Bleiben; Clärchen zog das grösste. Nun hättest Du hören sollen, wie der unartige Clerdon mich zum besten hatte, wie er mir Glück wünschte, dass