unserm Geschlecht dereinst in hohem Ansehen stehen, und zu grossen Ehren gelangen werde. In der Tat wird seine Bildung täglich einnehmender; er hat nicht mehr die hohlen Backen, noch die abgestümpften Haare; sondern ein rundes Gesicht, mit hübschen Locken eingefasst, und ist gepudert obendrein. Aber, ach, der Knoten, der Knoten unter dem Kinn! Beim Ansehen nimmt man ihn nicht wahr; aber ich hab ihn in allen Fingerspitzen, und kann mir ihn unmöglich aus dem Sinn schlagen. – Nun, das heisst von Buben geschwätzt! Wenn Dir's diesmal Langeweile macht, so bedenke, liebe Sylli, dass Du mich durch Deine herzwillige Teilnehmung an all dergleichen verwöhnt und verstockt hast. Gegen andre Leute rede ich – Ich höre Clerdon!
Sonntagmorgen.
Es ist schon neun Uhr. Ich schlief bis halb sieben, und erschrak fast so sehr, als ob ich – mich tot fände. Lass mir das Gleichnis, und höre weiter. Ich bin im Negligé; öffne die Tür: – Was um des himmels willen? – ja gewiss! denke, Sylli, da sitzt meinem Clerdon gegenüber ganz impertinent in meinem Sessel Eduard, und lässt sich's wohl schmecken aus meiner Schale. Ich wollt ihm in die Haare; aber er rief aus allen Kräften: "Warten Sie doch, ich bin ja nicht frisiert!" Der junge Mensch hatte recht; ich beschied ihn auf den Mittag. Nun ward mir bedeutet, er habe meinen Kaffee bloss deswegen zu sich genommen, weil er kalt gewesen wäre, und mir ein besseres Frühstück gebührte. Es war auch schon dafür gesorgt. Im Kamin stand ein Schokoladentopf, welchen, mit allem Zubehör, der wackere Ritter im Hui auf der Serviette hatte, und hernach mit dem besten Anstande mir bediente. War das nicht sehr artig, Sylli? Aber, Du magst es glauben oder nicht, unser Beisammensitzen und Geschwätz war doch wohl ebensoviel wert. Beide Mannsleutchen sagten gar herrliche Dinge, so dass ich mit Mühe überwand, da mein Stündlein erschien, von dannen zu scheiden.
Nun ist in meinem Hauswesen alles bestellt, meine Toilette gemacht, und für Dich noch eine Stunde aufgehoben. Heinrich, Carl und Ludwig wurden gestern abends nach Hainfeld4 abgeholt, wo sie bis morgen bleiben; und so kam heute Ferdinand ganz allein "Morgen sagen"; denn der arme Edmund, wie Du weisst, sagt noch nichts. Liebe Sylli, ja, alles genauso wie Du neulich schriebst, soll werden, und sein, und bald kommen. Der kleine Edmund, den Du bisher nur aus denen Portraits kennst, die Guido und Maratti von ihm gemacht haben, mit seinen grossen hellbraunen Augen, deren Augäpfel man so klar da sieht, und wo eine beständige Offenheit und Herzensfröhlichkeit ausstrahlt; der soll Dich gleich anlachen und anjauchzen, wie er lacht und jauchzt, wenn er recht ausgeschlafen hat. Ohne Gutsel soll der Knabe Dich liebhaben, oder er wäre nicht unser Fleisch und Blut, hätte nichts von meinem Herzen mitgekriegt, nichts von Clerdons durchdringendem Gefühl alles Schönen und Guten, von dem Reichtum seiner Liebe – Sieh, ich kann diese Saite nicht berühren, ohne dass es mir inwendig zittert, und mir Tränen in die Augen kommen; aber diese Tränen, o wie süss! Engel Sylli, Du musst kommen, und den Mann sehen, wie er alle Tage lieber und vortrefflicher wird, wie er sich seiner Kinder annimmt, sich immer freut, wenn ihm eins in den Weg kommt, und er diese Freude dem Unschuldigen immer lohnt. Mit Ferdinand ist des Singens und Springens oft kein Ende, und da lässt er tausend Kindereien mit sich treiben, und sich zausen und hudeln, dass wir alle drum herumstehen, und oft bange werden und lachen; gewiss, Sylli, er wird als ordentlich mit zum Buben, hilft ihnen allerhand Streiche ausführen und erdenken, und wenn sie denn wohl einmal das Ding besser verstehen und ihn auslachen, und er dasteht, der Liebe – Grosse – Schöne, als der Kinder Spott, er, vor dem so viele in Bewunderung und Ehrfurcht staunen und sich beugen – selbst der Edelsten so viele – vor dem besonders ich, o Gott du weisst mit wie echter Demut! mich neige; – wenn er so dasteht, der Anbetungswürdige, und die ausgelassenen Knaben herumtaumeln um den Kameraden, und jauchzen und lachen; und nur ich aus meiner Ecke in seinem göttlichen Auge den Vater sehe und den Mann; ach, Sylli! dann beben dem schwachen wonnevollen weib die Glieder, es sinkt in die arme des Unvergleichlichen, hängt an seinem Halse – Und Erd und Himmel möchten nur vergehen!
Bin ich nicht allzu glücklich, Sylli? So einen Gatten: so wohl anlassende Knaben; so liebe treue Gefährtinnen, wie Lenore und Clärchen, die Engel! meine Schwestern und Töchter; so braves Gesinde; ein schickliches Auskommen; Stand, Ansehn und Hoffnung; und um das alles her ein so schöner – schöner, lieber Kranz von Freunden! Aber, sag mir, Sylli, ob die Leute meinen, man könne das alles haben, ohne Freude darüber, ohne herrlich zu sein? Es muss wohl; denn wie würde ich sonst so oft gefragt, was ich doch habe, dass ich so heiter und vergnügt aussehe; gerad als ob das Wunder wäre, was doch gar nicht anders sein kann. Dir, beste Sylli, sollte ich vielleicht das Bild meiner Glückseligkeit nicht so lebhaft