Friedrich Heinrich Jacobi
Eduard Allwills Papiere1
Wieviel Nebel sind von meinen Augen gefallen,
und doch bist du nicht aus meinem Herzen ge
wichen, alles belebende Liebe! die du mit der
Wahrheit wohnst, ob sie gleich sagen, du seist
lichtscheu und entfliehend im Nebel.
Aus einer Handschrift.
Vorbericht
Von Allwills Papieren sind die fünf ersten Briefe bereits im IV. Bande der "Iris" erschienen. Der Besitzer dieser Sammlung hat sich seitdem entschlossen, auch die folgenden, soviel er davon gesammelt und aufbewahrt hat, dem Publiko nach der Reihe vorzulegen. Diesemnach waren sie, wie in kurzem jeder Leser einsehen wird, kein schicklicher Beitrag mehr zu einem Journal fürs Frauenzimmer.
Ich habe alles angewendet, meinen Freund zu bereden, mit den ersten Briefen seiner Sammlung gegenwärtig den Anfang zu machen; aber er weigerte mir dieses geradezu, ohne meine Gründe widerlegen, noch die seinigen angeben zu wollen.
Sein Vorhaben ist gewesen, aus diesen Materialien einen Roman zu bilden; da dieses aber, leider! nicht in Erfüllung gegangen: so folgt, dass Allwills Papiere, in ihrem gegenwärtigen Zustande, kein Roman sind. Ich zweifle sogar, ob sie nur tauglichen Stoff dazu an die Hand gäben. Die vorkommende begebenheiten sind nicht merkwürdiger, als man sie alle Tage überall sehen wird, wo nur ebensolche Leute in ähnlicher Verbindung angetroffen werden, um sie hervorzubringen. In der Tat sind hier die Menschen fast das einzige Interessante: wer sich mit diesen nicht befreunden; wer überhaupt durch das Leben, so wie es sich gewöhnlich in unsrer Werktagswelt ergibt, ohne herzliche Teilnehmung an allem durchschleichen kann, der muss viele Briefe dieser Sammlung äusserst schal und langweilig finden. Und da ich nun soeben belehret worden2, dass selbst ein eigentlicher Roman nur zu den Auswüchsen der Literatur gerechnet zu werden pflege; so muss mir mein eigen Gewissen sagen, dass dergleichen wie Allwills Papiere wohl gar nur Unkraut sei, welches kein anderer als ein Feind unter den reinen Weizen unserer Literatur zu säen die Pflichtvergessenheit haben mag.
Mit den philosophischen und moralischen Fähigkeiten dieser Briefe, sieht es insoferne misslich aus, dass ihre Verfasser anstatt des ganzen Menschengeschlechts immer nur eine einzelne person im Auge – und mehrenteils andre zu dringende Geschäfte vor der Hand haben, um nicht die Angelegenheiten des grossen Alls, und wohl gar ihre eigene gegenseitige Belehrung darüber zu versäumen. O dass es Helden wären! die (wie ich aus vielen Büchern verstanden habe) ihre Taten bloss andern zum Exempel verrichteten – uns zur Lehre nur das gewesen sind, was sie waren.
Von meinen unbedeutenden Leuten, die so gar keine Helden sind, muss ich einiges vorerinnern; denn sie konnten nicht wissen, dass ein geneigter Leser sie erwarte, der ein und andre Umstände von ihnen zu wissen bedürfen werde; sonst hätten sie, dächt ich, dieselben wohl auf eine geschickte Weise einfliessen lassen.
Sylli, geborne von Wallberg, stammte aus einer alten Patrizienfamilie in C**. Als sie 15 Jahr alt war, verlor sie ihre Mutter, welche mehr als das gemeine Erdeleben in sie geboren hatte, und sich so ganz in ihr fühlte, dass davon in beider Herzen eine namenlose Liebe ward. Ihr Vater, von einer unbezwinglichen leidenschaft bis zum Wahnsinn gefoltert, begrub sich zwei Jahre nachher in ein Kartäuserkloster. Er war, als die folgenden Briefe geschrieben wurden, noch am Leben. Nun geriet sie mit ihrem Bruder in Vormundschaft, und in eine so verwirrte Lage, dass ihr Herz dabei um und um wund werden musste.
Sie mochte 21 Jahr alt sein, als einer von den gefährten ihrer Kindheit und zartern Jugend, August Clerdon, sie wiedersah, und die heftigste Liebe für sie empfand – ein feuriger Mann, von überschwenglichem Geist, aber sehr unstetem Sinne. Die Verbindung kam zustande, und Sylli zog nach E***, wo ihr Mann eine der ansehnlichsten Stellen bekleidete. Gleich darauf kam desselben Bruder, Heinrich Clerdon, als Regierungsrat nach C**. Beide waren in der Schweiz geboren, aber schon als Kinder mit ihrem Vater nach Teutschland versetzet worden.
Syllis liebster Gespiele war immer Heinrich gewesen. Er hatte in ihren Grundnoten die meisten Akkorde, und von vielen Dingen tönten beider Seelen reinen Einklang ineinander: Demnach verstanden sie sich über manches vollkommen, über vieles sehr gut, über einiges aber auch nur kaum erträglich.
In leidenfreiester Eintracht leben wir mit denjenigen, die über einen gewissen Punkt hinaus, ausgemachterweise, uns gar nicht verstehen; daher dann der entschlossene Menschenverächter allein den ewigen Frieden geniesst. Sylli und Clerdon aber fanden es in jedem Falle unmöglich, eine idee bei sich festzusetzen, oder eine Partei zu ergreifen, wodurch ihre gegenseitige Meinung voneinander heruntergesetzt, und ihre Freundschaft vermindert worden wäre; lieber harrten sie aufeinander im äussersten Schmerz, und keinmal verfehlte diese schöne Duldung ihren Lohn. Es stieg ihre Freundschaft in immer wachsenden Harmonieen, durch Misslaute – starke und kühne Auflösungen, zum reinsten Engelsgesang, worin Menschenatem sich verwandeln mag, empor.
Es hatte Sylli geahndet, dass August auf vielerlei Weise sie unglücklich machen würde, aber sie liebte den herrlichen Menschen und gab sich ihm hin. drei Jahre nachher starb er mitten in der Verwicklung eines durch niederträchtige Treulosigkeit gegen ihn angesponnenen Handels, der ihm die völlige Zerstörung seiner äusserlichen Glückseligkeit drohte. Seine Witwe, die wenig eigenes Vermögen hatte, und auch das noch in Gefahr sah, musste diesen Rechtshandel von schlechten Menschen unterstützt, gegen schlechte Menschen fortsetzen, und deswegen zu E*** bleiben; an einem Orte, den sie nie geliebt,