Trim mit ledernen Kanonen beschiessen liess.
Indem er so mit grossem Eifer seine Seltenheiten herausstrich, erblickte er von ungefähr an des Sebaldus Finger dessen Petschierring, worin ein Anker gegraben war.59
"Ei", rief er aus, "was für eine schöne Antike haben Sie da?"
Sebaldus versicherte ihn, dass der Ring sehr modern sei und von einem Petschierstecher in einer kleinen Stadt in Türingen sei gegraben worden.
Der Antiquar versetzte mit sonderbar schlauer Miene: "Ja, ja! Aber, ob er gleich modern ist, so möchte ich ihn doch wohl haben. Die geschnittenen Steine von eine gewissen Farbe, von einem edlen Ziegelrot, gefallen mir. Ich will ihn Ihnen abkaufen."
Sebaldus antwortete: er habe den Ring bisher zum Andenken seiner Wilhelmine getragen, wenn er aber würdig sei, in dieses Kabinett aufgenommen zu werden, so wolle er ihm solchen schenken. Der Kammerjunker liess sich die Schenkung nochmals mit einem Handschlage bestätigen; und nun konnte er seine versteckte Freude nicht mehr bergen. Er drückte dem Sebaldus die Hand, zeigte ihm hin und wieder ein Pünktchen auf dem Steine, versicherte mit selbstzufriedener Miene, er sei ein Kenner antiker Arbeit; der Stein sei ungezweifelt echt antik und für ihn unschätzbar, weil er eine Form von Ankern abbilde, die weder Bayfius noch Amnelius in ihren Werken "De re nautica veterum" angeführt hätten. Und nunmehr nahm er den Sebaldus, welcher verstummte und sich nicht getraute, dem gelehrten Kenner zu widersprechen, im Ernste in seine Protektion, gab ihm sogleich ein Zimmer in seinem schloss ein und verschaffte ihm in wenig Tagen die Stelle eines Hofmeisters bei dem Sohne eines Pfarrers in einem benachbarten Städtchen.
Sebaldus schrieb an seinen Freund Hieronymus, um ihm die Unfälle seiner Reise, seine Ankunft beim Kammerjunker und seine Beförderung zu melden, bat ihn um Nachrichten von Marianens Aufentalte und ging darauf nach seinem neuen Posten zum Archidiakon Mackligius ab.
Zweiter Abschnitt
Der Archidiakon Mackligius hatte weder viel gute noch viel böse Eigenschaften und nur gerade so viel studiert, als zum Predigen und zum Beichtesitzen nötig waren: das heisst sehr wenig. Er predigte aber von seinen Kandidatenjahren an einen sehr hellklingenden, vernehmlichen Tenor, welcher der sämtlichen erbgesessenen Bürgerschaft sehr gefallen musste, denn er war frühzeitig zum Diakon an einer Kirche seiner Vaterstadt erwählt worden. Mit der Zeit rückte er nicht nur in die Archidiakonatsstelle, sondern ein Edelmann, der die Pfarre eines nahe an der Stadt gelegenen kleinen Fleckens zu vergeben hatte, welche gewöhnlich das Filial eines Stadtpredigers war, gab ihm dieselbe noch nebenher zu verwalten.
Mackligius hatte beim Antritte seines Amts alle Bücher, die man in diesem Winkel Holsteins für symbolisch hielt, unbesehen beschworen und, was in der besonderen Formula committendi seines Städtchens von jedem Prediger verlangt wurde, ohne Umstände unterschrieben. Er war dabei sehr beruhigt, weil er nunmehr durch einen heiligen Eid alles Nachdenkens über die sämtlichen in den symbolischen Büchern entaltenen Lehren überhoben zu sein glaubte. Zwar wusste er wohl, es sei noch erlaubt, dieselben in der Absicht ferner zu untersuchen, um mehrere Beweisgründe dazu aufzufinden, hielt aber weislich für gut, dies zu unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgründe nötig sein sollten. Denn es hatten ja alle Geistlichen einen schweren Eid geleistet, sie zu lehren, und man wusste seit mehr als hundert Jahren in den Marschländern kein Beispiel, dass ein Laie einen Zweifel darüber gehabt hätte; überdies war in unvermutetem Falle leicht abzusehen, dass man einen solchen durch Versagung der Absolution und Wegweisung vom Abendmahle genugsam würde im Zaume halten können. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm, obwohl sehr selten, aufstiessen, denen zur Verantwortung zu überlassen, von denen er war vereidet worden. Da er also bloss zu lehren, nicht aber zu untersuchen hatte, so konnte er sein Amt beinahe ganz mechanisch ausüben. Die Zeit, die ihm davon übrigblieb, brachte er zur Motion mit Graben und Pflanzen in seinem Pfarrgarten zu; er war nämlich ein grosser Kenner und Liebhaber von allen raren Nelkenarten und Tulpenzwiebeln und zog sie in grosser Vollkommenheit. Eine unverdächtige Beschäftigung, denn man will bemerkt haben, dass die Liebhaber derselben weder in der Kirche noch in dem staat Unruhen zu erregen pflegen. Er hielt auch viel auf Federvieh, welches er täglich selbst zu füttern und seine tolligen Hühner, eine nach der andern, beim Namen zu sich zu rufen pflegte. Daneben hatte er noch einen schönen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde vertrieb. Bibelfest war er sehr und pflegte bei aller gelegenheit Sprüche anzuführen, welches ihm, wenn sich der Inhalt auch gar nicht zur Sache schickte, sondern nur etwa ein Wort einen ähnlichen Klang hatte, nicht unerbaulich schien. Sonst las er eben nicht in Büchern, und weil er meist aus dem Stegreife predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, ausser dass er akkurate Listen von allen bei ihm beichtenden Kommunikanten hielt und selbige wöchentlich nachtrug. Diese hatte er in so guter Ordnung, dass mit einem Blicke zu übersehen war, wer im letzten Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind zeichnete er sich an, um bei demselben, sobald sich's tun liess, einen Hausbesuch abzustatten, wobei er dann gegen die Verächter der beichte ein wenig zu eifern pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am strengsten hielt. Sonst tat er niemand etwas Böses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich brachte, auch von der