dass das Männchen, zwar in Worten, aber nicht an Kräften ein Herkules, rücklings zu Boden fiel. Ehe er, vom Falle betäubt, noch aufstehen konnte, sprang Mariane in den Garten. Dieser war von dem daranstossenden weitläufigen Parke durch eine grüne, aber hin und wieder etwas verdorrte Hecke gesondert. Diese Stellen hatte sich Mariane bei ihren Spaziergängen schon längst gemerkt. Sie Schaffte sich durch die dürren, zerbrechlichen Sträuche einen Weg in den Park, und da sie schnell das Ende desselben erreicht hatte, so lief sie geradeaus ins Feld, ohne sich umzusehen.
Sechstes Buch
Erster Abschnitt
Es ist Zeit, dass wir zum Sebaldus zurückkehren, den wir auf dem Pferde des Verwalters verlassen haben, auf dem er voranritt, um in dem nächsten dorf für die nachkommende Gesellschaft eine Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Fuhrmann hatte ihn versichert, der Weg sei nicht zu verfehlen. Dies war auch vielleicht einem Kutscher nicht möglich, aber wohl einem mann wie Sebaldus, der selten ganz genau auf die Dinge um ihn her achtung gab, am wenigsten auf das Gleis einer Landstrasse. Er war kaum einige hundert Schritte fortgeritten, als er sich in eine Betrachtung über die zweite Posaune in der Apokalypse vertiefte, wogegen sein Pferd, dem der Zügel an der Mähne hinabhing, sich kurz darauf an einen vier Schritte vom Wege stehenden Heuschober machte. Nach einigen Minuten merkte Sebaldus, dass das Pferd nicht fortging, und spornte es an, ohne es zu lenken. Es trabte daher gerade fort über Wiesen und Brachfelder, bis es wieder auf einen Weg kam. Nachdem Pferd und Mann auf demselben ein paar Stunden fortgeeilt waren, wunderte sich Sebaldus, noch kein Dorf vor sich zu sehen; doch liess er sich nicht träumen, dass er den rechten Weg könne verfehlt haben. Nach einiger Zeit erblickte er ein Dorf. Er zweifelte gar nicht, dass es das rechte wäre, ritt vor die Schenke, stieg vom Pferde und übergab es einem vor dem haus stehenden Knechte, der es seitwärts nach dem Stalle zu führte. Er selbst trat sogleich ins Haus, bestellte die Mittagsmahlzeit für vier Personen und setzte sich in die Gaststube, um auszuruhen. Nachdem er so eine Weile unter einem Geräusche von vielen Menschen gesessen hatte, stand er auf, um seiner Gesellschaft entgegenzugehen, weil er aus der Länge der verflossnen Zeit schloss, sie müsste schon dicht vor dem dorf sein. Er wanderte fort, das Gemüt voll von dem doppelten Vergnügen, seine Tochter bald wiederzusehen und eine neue Erklärung der zweiten Posaune erfunden zu haben. Er hing sonderlich diesem letzteren Vergnügen so stark nach, dass er erst nach geraumer Zeit aus untrüglichen Kennzeichen merkte, er sei auf einem ganz andern Wege, als auf dem er gekommen war; denn er befand sich dicht vor einem andern dorf und sah aus der Höhe der Sonne, es sei wirklich Mittag. Er eilte also zurück und fand zu seinem grossen Erstaunen, dass die Gesellschaft noch nicht angekommen war. Er befürchtete, ihr möchte ein Unglück begegnet sein, und forderte sein Pferd, um ihr entgegenzureiten; aber noch mehr erstaunte er, da niemand von seinem Pferde etwas wissen wollte. Er hatte einen fremden Kerl für einen Knecht aus dem haus angesehen und ihm sein Pferd gegeben, der sich aber, sobald Sebaldus ins Haus gegangen war, darauf geschwungen und es fortgeritten hatte. So war er also um seine Gesellschaft und um sein Pferd gekommen und hatte zum Troste nichts als seine apokalyptische Entdeckung und ein übergares Mittagsessen auf vier Personen, davon er bei allem seinen Appetite sich doch nicht zu essen getraute, weil er immer noch auf die Ankunft seiner Gesellschaft hoffte. Endlich nötigte ihn der Hunger, sein Anteil davon zu verzehren, und die Wirtin nötigte ihn, das Ganze zu bezahlen.
Er wartete den Tag und noch ein paar folgende auf seine Gesellschaft und war in der grössten Verlegenheit, da sie nicht ankam. Weil er weder den Namen des Dorfes, wo sie ihn einholen sollte, noch den Namen der Gräfin, noch den Namen ihres Gutes behalten hatte, so sah er sich auf einmal wieder in die weite Welt versetzt. Sein einziger Trost war, dass er des Hieronymus Empfehlungsbrief an den Kammerjunker in Holstein und noch so viel Geld bei sich hatte, um dahin zu reisen. Da er erfuhr, dass der Postwagen nach Holstein den folgenden Tag durch dies Dorf gehen würde, so setzte er sich ohne ferneres Verweilen darauf.
In wenigen Tagen kam er bei dem weiland Kammerjunker an. Dieser hatte am hof den Mangel des Verstandes durch reiche Kleider56 zu ersetzen gesucht. Nachdem er aber mit einer reichen alten Witwe verheiratet und dadurch in Stand gesetzt war, den Hof zu verlassen, begab er sich auf seiner Frauen Güter und verdeckte nun den obengedachten, noch immer fortdauernden Mangel durch eine andere Art von Virtu. Er sammelte antike und moderne Münzen und Gemmen, Kopien und Abgüsse alter Statuen und Basreliefe und allerhand echte und unechte griechische und römische Altertümer. Diese Sammlung zu vermehren, zu ordnen, seinen Besuchern zu zeigen und darüber zu schwatzen war seine hauptsächlichste, einer verständigen und gelehrten so ähnlich scheinende Beschäftigung, dass er sich selbst oft einbildete, er habe Verstand und Gelehrsamkeit. Freilich ging es ihm mit seinem Kabinette zuweilen wie ehemals mit seinem Kleiderputze. Bei diesem musste oft Strass anstatt Juwelen, Plüsch statt Sammet und ein bunter Lack von Martin statt Goldes dienen. Ebenso war auch jenes, anstatt wahrer Altertümer Münzen und Gemmen, meist mit allerhand Lumpenzeuge angefüllt,