das weibliche das schwächere Geschlecht ist, so folgerte er ganz natürlich, dass alle Mannspersonen ein unwidersprechliches Recht hätten, alle Frauenzimmer nach eignem Willen zu behandeln. Zwar gab er zu, dass Stand, Erziehung, Stolz, Sprödigkeit und Eigensinn dem Frauenzimmer eine gewisse Art von zufälliger Stärke geben könnten, die man Tugend nenne; aber er meinte auch, wenn ein Mann neben der seinem Geschlechte eigentümlichen Kraft noch genugsamen Verstand habe, die schwache Seite eines Frauenzimmers zu finden, werde er unfehlbar über sie triumphieren. Da er sich nun Verstand in hohem Masse zutrauete, so sieht man leicht, wie überzeugt er war, kein Frauenzimmer könne ihm widerstehen.
Er dachte daher, auch bei Marianen leicht zu seinem Zwecke zu gelangen. Ihre bisherige Zurückhaltung hielt er für Stolz. Diesem zu schmeicheln, glaubte er, würde das Hauptsächlichste sein. Er begegnete ihr daher vom Anfange an mit der grössten Höflichkeit, selbst mit Unterwürfigkeit. Er ersuchte sie, sein Haus als das ihrige anzusehen, bis der Verwalter zurückkäme, der, wie er vorgab, wegen eines unvermuteten Geschäftes eine Reise von einigen Meilen habe tun müssen, und versprach, sie allenfalls in seiner eignen Kutsche weiterzubringen. Mariane liess sich aber in dieser Falle nicht fangen. Sie bestand darauf, unverzüglich auf dem ersten, dem besten Bauerwagen oder auch zu fuss weiterzugehen. Sie sagte dies so ernstaft, dass er seinen Angriff änderte. Seine glühende, überschwengliche Liebe wurde vorgebracht und seine Anbetung einer Göttin, zu deren Füssen er sich und sein ganzes Vermögen niederlegen wollte. Mariane, voll edlen Unwillens, würdigte ihn keiner Antwort, sondern wollte stehendes Fusses weggehen; das äussere Zimmer aber war verschlossen. Er sagte ihr auf die höflichste Weise, sie solle in allen Dingen über ihn und sein Haus zu befehlen haben, den einzigen Punkt ausgenommen, dass sie sich nicht wegbegeben müsse. Mariane, voll Unwillen, fragte, wer das Recht habe, sie aufzuhalten. Er wendete wieder seine Liebe vor; er bat, er beschwor sie, er versicherte auf den Knien, sie habe von ihm nichts Unanständiges zu besorgen; selbst ihrer Gesellschaft, so angenehm sie ihm sei, wolle er sich entziehen, wenn er ihr beschwerlich falle. Mariane warf sich in einen Stuhl und weinte, er fuhr fort, zu bitten und zu versprechen, sie musste der Gewalt nachgeben und wider ihren Willen dableiben.
Sie begab sich in das ihr angewiesene Zimmer und untersuchte sorgfältig, ob irgendwo ein verdeckter Eingang sein könne, aber es war alles sicher. Sie frühstückte allein. nachher ging sie in den Garten. Sie bemerkte wohl, dass sie von verschiedenen Personen von fern beobachtet ward und dass sie nicht werde entfliehen können; aber der Oberste liess sich nicht sehen. Es vergingen einige Tage, in denen sie alles empfand, was ihr jetziger Zustand Schreckliches und die Aussicht ins Künftige Beunruhigendes hatte. Der Oberste, der seinen Anschlag nie aus dem Sinne liess, fand sich unvermutet auf ihren Spaziergängen, wo ihm nicht auszuweichen war. Er begegnete ihr mit grösster Ehrfurcht. Sie konnte ihm zuletzt nicht abschlagen, zuweilen bei Tische oder bei einem kurzen Spaziergange in seiner Gesellschaft zu sein. Er fuhr fort zu beteuren, dass er sie auf das innigste liebe und dass er ihre Gegenliebe nicht zu erzwingen, sondern zu verdienen suchen wolle. Mariane fuhr fort, ihn aufs entschlossenste zu versichern, dass er ihre Gegenliebe auf keine Weise erhalten werde, dass er sie also nicht ferner quälen, sondern sie wegreisen lassen möchte; und sie selbst sann beständig auf ein Mittel, sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen.
Der Oberste ward durch einen so starken Widerstand, den er nicht vermutet hatte, noch mehr erhitzt und fing an, andere Pläne zu entwerfen, um seinem Zwecke näherzukommen. Er wiederholte sich in Gedanken alle sinnreiche Mittel entflammter Liebhaber, die widerspenstige Gebieterinnen zähmen wollen: zum Beispiel die Ehe zu versprechen und sein Wort nicht zu halten oder sich durch einen verkleideten Kammerdiener trauen zu lassen, seiner Geliebten einen Schlaftrunk zu geben und sich zu ihr zu schleichen, im Fussboden ihres Zimmers eine Falltüre machen zu lassen oder durch einen Kamin hineinzusteigen und so weiter. Weil ihm diese aber sämtlich nicht gefielen, nahm er seine Zuflucht zur Lesung der geschichte der Clarissa Harlowe, um seine Einbildungskraft durch den Charakter des Lovelace anzufeuern, einen Charakter, den er beständig äusserst bewundert hatte, und nicht ohne Ursache, da ihm selbst Leibesund Geisteskräfte zum Guten und zum Bösen fehlten, um ein Lovelace zu sein. Bei dieser Lektur fiel ihm auf, dass er das, was Lovelacen der Zufall gewährte55, durch ausdrückliche Anstalt erlangen könnte. Er liess wirklich eines Morgens, kurz vor Anbruch des Tages, in Marianens Vorzimmer ein paar Vorhänge und ein paar Bunde Stroh anzünden und pochte nachher mit grossem Getöse an ihr Zimmer, um sie aufzuwecken. Er glaubte gewiss, sie in dem allerleichtesten Nachtanzuge zu treffen. Er irrte sich aber, denn Mariane, von Anfang an sehr misstrauisch, hatte in ihren gewöhnlichen Kleidern geschlummert. Sie öffnete die Tür voll Entsetzen, und da allentalben Rauch und Flammen hereinschlugen, ergriff sie nur ihre tasche und Uhr und folgte dem Obersten, der seine Beute durch Dampf und Funken nach einem abgelegenen Gartenhause schleppte, wo sich Mariane atemlos niedersetzte. Der Oberste wollte ihre erste Bestürzung nutzen, fiel ihr zu Füssen und wiederholte seine Liebeserklärung feuriger als jemals; aber da er in kurzem unbescheiden ward, stiess ihn Mariane mit beiden Händen so heftig von sich,