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diesen Vorschlag, mit dem auch die Gräfin, die Marianen im grund herzlich liebte und des Herrn von D. vortreffliche Eigenschaften kannte, sehr wohl zufrieden war. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten Abschied, gab ihr mit mütterlicher Fülle des Herzens die weisesten Lehren und beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Mariane empfand, was sie an dieser edlen Dame verlor, küsste ihr weinend die hände, umarmte ihren Freund Hieronymus, und so stieg sie mit schwerem Herzen in den Wagen und kam in kleinen Tagesreisen in der wohnung des Verwalters an.

Siebenter Abschnitt

Der Verwalter gehörte zu den Leuten, von denen man zu sagen pflegt, dass sie wissen, wie es in der Welt zugeht. Dergleichen Leute glauben bemerkt zu haben, dass diejenigen am weitesten kommen, die sich um den Nutzen anderer viel weniger als um ihren eignen bekümmern, die niemand Gutes tun, als den sie zu brauchen gedenken, und also den hilflosen Unglücklichen liegenlassen, wenn er vor ihren Füssen niederfällt, ohne ihn anzusehen, und sich zu dem drängen, der sie ein paar Schritte weiterbringen kann. Mit diesen brauchbaren grundsätzen war er in der Welt ziemlich fortgekommen; denn er hatte sich aus dem allerniedrigsten stand bis zur Stelle eines Verwalters ansehnlicher adeliger Güter geschwungen und verwaltete diese mit so gutem Erfolge, dass er die Möglichkeit sah, in einigen Jahren einen teil davon zu kaufen. Dabei hielt er freilich Recht und Unrecht für Dinge, womit man entweder etwas vor sich bringen oder in Gefängnis und Geldstrafe geraten kann; solange er also dieses nur nicht zu befürchten hatte, war sein Augenmerk beständig auf jenes gerichtet. Marianens Entführung, wovon sie selbst die Veranlassung nicht anzugeben wusste, hatte ihn neugierig gemacht; daher er, während Mariane und Hieronymus auf dem schloss waren, einige Bediente der Gräfin ausfragte, die sich in der Schenke einfanden, wo er abgetreten war. Aus den ihm erzählten begebenheiten von der Gesellschaft, die zuletzt auf dem schloss gewesen war, und aus allen Umständen zog er nun den Schluss: der Oberste, dessen Neigung zu hübschen Mädchen er sehr wohl kannte, werde die ganze Sache veranstaltet haben. Er hütete sich aber wohl, davon etwas gegen Hieronymus und Marianen zu erwähnen; denn er glaubte sich durch diese Entdeckung für das Pferd, mit welchem Sebaldus verlorengegangen war, und für die Wunde, die ihm seine unbefugte Neugier (denn was ging es ihn eigentlich an, dass jemand auf der Landstrasse entführt wurde?) zugezogen hatte, reichlich bezahlt zu machen. Anstatt also Marianens Aufentalt dem Freiherrn von D. zu melden, meldete er denselben lieber mündlich dem Obersten und benannte ihm zugleich den Preis, um welchen er sie an einen ihm beliebigen Ort bringen wollte. Er ging hiebei deshalb so offenherzig zu Werke, weil er im Laufe der Welt schon oft erfahren hatte, dass vornehmere Leute als er, wenn er sie seiner Absichten wegen zu bestechen nötig fand, sobald es wirklich ihr Ernst gewesen war, Wort zu halten, lieber geradezu vorher um den Preis ihrer Protektion hatten handeln als sich auf eine ungewisse Freigebigkeit verlassen wollen.

Der Oberste, der sich das Glück nicht träumen liess, Marianen so bald wiederzusehen, noch weniger, sie in seiner Gewalt zu haben, ging alle Bedingungen ein. Der Verwalter holte also Marianen ab, unter dem Vorwande, sie zum Herrn von D. zu bringen, und nahm ein Nachtlager auf einem der Güter des Obersten. Es war bereits in der Schenke bestellt, dass sie nicht aufgenommen werden könnten, weil alles schon besetzt wäre; der Verwalter fuhr also nach dem herrschaftlichen haus, wo er den Aufseher zu kennen vorgab. Hier verliess er des Nachts heimlich Marianen, und den folgenden Morgen bekam sie unvermutet den Obersten zu sehen.

Der Oberste war ein Männchen, das, wie wir schon bemerkt haben, von seiner person eine nicht geringe Meinung hegte. Er hatte zwei Jahre auf Universitäten reiten lernen und Billard gespielt, darauf etwa ein halbes Jahr vor erfolgtem Frieden sich ein Regiment gekauft, das er bei verschiedenen wohlbedeckten Furagierungen und bei einigen Rückmärschen in der Avantgarde kommandiert und es darauf wohlbehalten in die Winterquartiere geführt hatte, worauf er dann die folgende Zeit meist am hof zubrachte. Aus diesem glorreichen Lebenslaufe, glaubte er, müsse erhellen, dass er ein Mann sei, gelehrt, tapfer und voll Weltkenntnis. Er suchte alle Dinge zu affektieren, die ihm die natur versagt zu haben schien. Ungeachtet sein ganzes Wesen flüchtig und läppisch war, pflegte er doch gemeiniglich eine weise Miene anzunehmen und den Zeigefinger an die Nase zu legen, als sagte er etwas gar Tiefsinniges. Ungeachtet ihm die Bequemlichkeit über alles ging und seine Launen jede Stunde wechselten, redete er doch beständig von Standhaftigkeit, von Anstrengung und Anspannung der Kräfte, von festen Vorsätzen, die man unverrückt ausführen müsste. Obgleich durch frühzeitige Ausschweifungen fast zu allen Wollüsten untüchtig, war doch Genuss immer sein drittes Wort. Nach dieser Beschreibung sollte man kaum glauben, dass ein solcher feierlicher Hasenfuss in der menschlichen Gesellschaft habe erträglich sein können, wenn man nicht täglich sähe, dass eine vornehme Geburt, reiche Einkünfte, eine engländische Kutsche mit einem zug von sechsen und ein ziemlich leidliches Angesicht ebenso grosse und grössere Toren zu liebenswürdigen Kerlchen machten.

Unser Mann hegte übrigens den erspriesslichen Grundsatz, man müsse in allen Vorfällen um sein selbst willen handeln, daher derjenige, der Kraft habe, denjenigen, der schwächer sei, ohne Bedenken zwingen dürfe, seinen, des Stärkern, Absichten zu folgen. Da nun