gelangten in kurzem auf dem Gute der Gräfin an. Mariane begab sich sogleich mit Hieronymus nach dem schloss. Sie hoffte von der Gräfin mit Vergnügen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds tückische Einblasungen, sehr wider die gute Mariane eingenommen, welche daher von ihr sehr kalt bewillkommt wurde. In der Tat war der äusserliche Anschein ganz wider Marianen. Auf die Frage der Gräfin, wie die Entführung veranlasset worden, konnte sie nichts mehr antworten, als sie sei von unbekannten Leuten auf einen unbekannten Weg geführt, ohne dass sie die geringste Veranlassung dazu gegeben habe. Dies klang unwahrscheinlich, und es tat Marianen im Gemüte der Gräfin noch mehr Schaden, dass sie schien die Wahrheit wissentlich verhehlen zu wollen. Die Gräfin warf ihr vor, dass sie ihr ungeachtet ihres vertraulichen Umgangs aus den Vorfällen bei der Frau von Hohenauf und aus ihrer Verbindung mit Säuglingen ein Geheimnis gemacht hätte, obgleich aus Säuglings gefundenen Briefen die Beschaffenheit der beiderseitigen Verbindung genugsam erhelle. Sie erinnerte Marianen an ihre und seine Verlegenheit bei seiner Ankunft und an viele andere kleine, vorher nicht bemerkte Umstände, wozu noch der ungewohnte Eifer kam, womit Säugling sie gegen den Obersten verteidigt hatte. Alles dies zeugte wider Marianens Aussage, die sich durch nichts rechtfertigen konnte als durch ihre Tränen; und die Gräfin wusste wohl, dass Tränen oft die Waffen der Unschuld, aber ebenso oft auch der Deckmantel der Verstellung sind. Hieronymus' Vorstellungen, dem überdies alle vorgefallenen begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig Gewicht haben.
Die Gräfin brach endlich kurz ab und sagte zu Marianen: "Es ist in dieser Sache ein Geheimnis, das ich nicht aufzuklären vermag. Ich liebe Sie und wünsche daher, Sie möchten unschuldig sein. Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs künftige, dass ein Frauenzimmer jedem mann einen ungebührlichen Vorteil über sich einräumt, mit dem sie sich in einen geheimen verliebten Briefwechsel einlässt, wäre es auch in der unschuldigsten Absicht, und dass dadurch Verdacht erregt werden kann, wo sie es am wenigsten wünschet. Eine solche kleine Intrige kommt einem jungen Mädchen, ich weiss wohl, gar allerliebst empfindsam vor; es dünkt sich so vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho oder Hero so ähnlich, wenn es an seinen Phaon oder Leander denken und schreiben kann. Dieses romantische Wesen aber (wozu Sie, liebe Mariane, einige Anlage haben) ist zwar in Büchern und in Gedichten schön und gut; allein wenn es ins gemeine Leben gebracht wird, verursacht es, dass sich niemand in die Lage schickt, in die er vom Schicksale gesetzt ist, sondern eine eigne Welt für sich allein haben will. Ich wenigstens bin keine Liebhaberin der Seltsamkeit und verlange eine Gesellschafterin, die davon ganz frei ist. Die unbekannte person, die sich für Sie so stark interessiert, wird nicht sogleich ablassen; und dies könnte sich in eine neue Entführung oder sonst in eine unvermutete romanhafte Szene endigen, dergleichen ich in meinem haus nicht erfahren mag. Wir können also nicht auf dem vorigen fuss zusammenbleiben. Indes sollen Sie nicht verstossen sein. Bleiben Sie bei mir, bis Sie auf eine anständige Art versorgt werden; und wenn Sie sich über den letzteren unerklärlichen Vorfall rechtfertigen können, will ich selbst für Ihr ferneres Glück sorge tragen."
Mariane weinte bitterlich, dass sie erst ihren Vater und nun auch ihre Gönnerin verloren hatte und dass sie, ohne ihr Verschulden, in einen Verdacht kam, den sie nicht widerlegen konnte und der noch dazu unglücklicherweise wahrscheinlich war. Sie überlegte mit Hieronymus, was in ihren jetzigen Umständen zu tun sei, oder vielmehr Hieronymus überlegte es allein; denn die gute Mariane lag in ihrem Zimmer halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, in Tränen zerfliessend. Hieronymus dachte auf verschiedene Vorschläge, die er wieder verwarf. Endlich besann er sich auf den Freiherrn von D. Dieser würdige Mann veranlasste eigentlich Wilhelminens Heirat mit Sebaldus54, und Mariane war seine Pate. Er hatte, als er noch am hof war, den unüberlegten Vorsat gefasst, ein ehrlicher Mann zu sein, nie zu schmeicheln, keinen mächtigen Bösewicht erheben und keinen rechtschaffnen Mann unterdrücken zu helfen. Es konnte also nicht fehlen, dass er nicht endlich ein Opfer der List und der Ränke der Hofschranzen werden musste und in Ungnade kam; wenn man es Ungnade nennen kann, der Abhängigkeit entzogen und sich selbst, seinen Gütern und seiner Familie wiedergegeben zu werden. Der Herr von D. lebte seitdem auf seinen Gütern im Hildesheimischen im Schosse seiner Familie und als Vater seiner Untertanen. Er hatte sich noch kürzlich nach seiner Pate erkundigt, der er in ihrer ersten Jugend sehr gewogen gewesen war, welches den Hieronymus auf die Gedanken brachte, dass Mariane bei ihm die sicherste Zuflucht finden könnte.
Er überlegte abends mit seinem Reisegefährten, dem Verwalter, wie dieser Vorsatz am besten auszuführen sei. Denn seine Geschäfte riefen ihn auf einen entgegengesetzten Weg; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er wirklich das Geheimnis der Entführung nicht ergründen konnte und noch mehrere Folgen davon befürchtete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sehr zu Herzen zu gehen schien, bestärkte ihn in diesen Gedanken; und um ihn noch mehr zu beruhigen, schlug er vor, er wolle Marianen mit sich nach haus nehmen, wo sie so lange bei seiner Frau bleiben könne, bis seine Wunde völlig geheilt sei; alsdann wolle er sie selbst zum Herrn von D. bringen, der ihm sehr wohl bekannt sei, auch denselben vorher benachrichtigen.
Hieronymus billigte