"Amts- und Gerichts-Actuarium", dessen "Anweisung zum Amtierungswerke", besonders aber des deutlichen Schwesers oder Philoparchi "Wohlunterrichteten Beamten" und so weiter.
Hieronymus erhielt also als ein Laie einen Vorteil, der sonst nur der Geistlichkeit eigen war, nämlich er speisete den Geist seiner Mitbürger und eignete sich dafür ihre Glücksgüter zu. Er liess die eingetauschten Ochsen, Hammel und Schweine in seine Ställe treiben und das eingetauschte Getreide auf seine Böden schütten. Beides war auf den Märkten des obengedachten Herzogtums für bares Geld zu verkaufen, weil daselbst die blühenden Manufakturen eine grössere Bevölkerung, diese aber unvermerkt einen höhern Preis der Nahrungsmittel verursacht hatte. Man kannte unsern Mann daselbst nicht unter dem Namen des Buchhändlers Hieronymus, hingegen der Namen des Korn- oder Viehhändlers Hieronymus war bei den Müllern, Bäckern und Schlächtern daselbst um desto bekannter.
Seine Nachbarn hatten selbst Äcker und Wiesen, aber zufrieden, sich zu nähren, bauten sie wenig mehr, als gebraucht ward, und dachten nie daran, den kleinen Überfluss ihren Nachbarn weiter als etwa bis in die nächste Landstadt zuzuführen. Es währte jahrelang, bis durch die beladenen Wagen und durch die Herden Vieh, die sie so oft aus Hieronymus' haus wegfahren und wegtreiben sahen, ihre Neugier rege gemacht ward.
Sie versuchten bald ebendiesen Weg, und da ihnen ihr Unternehmen gelang, fingen sie an, ihre Viehzucht zu vermehren und ihre Äcker fleissiger zu bauen. Sie nahmen dadurch selbst an gutem Wohlstande zu, und das ganze Ländchen kam in wenig Jahren in so gutes Aufnehmen, dass die Staatsklugen zu erörtern anfingen, warum das Land sich so schnell verbessert habe.
eigentlich war freilich die Ursache davon der Fleiss des Hieronymus und das Beispiel, das er seinen Mitbürgern gegeben hatte. Es ist aber allen denen, die politische und Finanzvorfälle untersuchen, schon längst zur Regel geworden, nicht die kleinen Umstände anzuführen, welche gemeiniglich die wahren Ursachen der begebenheiten zu sein pflegen, sondern grosse Umstände aufzusuchen, welche gemeiniglich nicht die wahren Ursachen sind. Daher ward in einer in das fürstliche Intelligenzblatt eingerückten Abhandlung die schnelle Zunahme des Wohlstandes der landesväterlichen Vorsorge des Fürsten zugeschrieben (der auf seinem Lustschlosse seine Zeit zwischen der Jagd und seiner Mätresse teilte) und nach derselben den klugen Anstalten seines ersten Geheimen Rats (der in der fürstlichen Residenzstadt im Kabinette unermüdet arbeitete, alle Stellen im land mit seinen Verwandten und Kreaturen zu besetzen). Der Superintendent Doktor Stauzius hingegen, ein scharfer Gesetzprediger, nahm diese Abhandlung in der Einweihungspredigt der neuerbauten Sankt-Bartels-Kapelle ziemlich durch und versicherte, der zugenommene Wohlstand des Fürstentums sei bloss ein sichtbarer Segen des Höchsten wegen der frommen Aufführung der Einwohner.
Man muss nämlich wissen, dass in der fürstlichen
Residenzstadt ein paar Jahre vorher fünf Strassen nebst einer kleinen verfallenen Kapelle abgebrannt waren. Die Einwohner trugen auf die nachdrückliche Ermahnung des Superintendenten zum Baue der Kapelle, welche viel vergrössert und verschönert aufgebauet werden sollte, so reichlich bei, dass sie freilich kein Geld übrigbehielten, zu einer Hauskollekte etwas herzugeben, die der Bürgermeister veranlasset hatte, um von deren Ertrage einige gemeine Feuerspritzen anzuschaffen, weil bloss aus Mangel derselben das Feuer so weit um sich gegriffen hatte. Noch weniger kehrten sie sich an die leichtsinnigen Reden des Bürgermeisters, der öffentlich sagte, dass man vor allen Dingen den abgebrannten Einwohnern beispringen müsse und dass es überhaupt unnötig sei, die Kapelle wieder zu bauen, da andere Kirchen genug in der Stadt wären, noch weniger, sie zu vergrössern, solange die Häuser der Einwohner, zu deren Gebrauche die Kapelle dienen sollte, noch in der Asche lägen. Diese mussten sich freilich, da sie nirgend unterkommen konnten und gar keine Hoffnung sahen, sich wieder aufzuhelfen, in wenig Wochen zu Kolonisten nach Russland anwerben lassen und bekamen also die für sie neuerbaute Kapelle nicht zu sehen. Hingegen hatten sie doch den Trost, dass sie die gedruckte Einweihungspredigt des Doktor Stauzius nebst den beigefügten Carminibus des Stadtministeriums und aller Primaner des fürstlichen Lyzeums mit vieler Erbauung am Ufer der Wolga vorlesen hörten.
Sebaldus erhielt diese gedruckte Einweihungspredigt in ebendem Pakete, worin Wilhelmine die Schrift "Vom tod fürs Vaterland" erhielt. Sie machte ihm aber nicht sonderliches Vergnügen. Doktor Stauzius hatte in derselben mehr als einmal denen, die Kirchen und Kapellen verachten und den Bau oder die Verschönerung derselben verhindern, mit der ewigen Verdammnis gedrohet. Sebaldus konnte aber an diese Lehre nie denken, ohne in eine Art von Bekümmernis zu geraten, die dem Missvergnügen nahe war. Dagegen hatte der "Tod fürs Vaterland" auf Wilhelminen eine ganz entgegenstehende wirkung, denn er setzte ihren ohnedies zum Romantischen geneigten Geist schnell in Feuer. Sie fühlte Entzückung über die Gedanken des Verfassers: dass auch der Untertan einer Monarchie nicht eine blosse Maschine sei, sondern seinen eigentümlichen Wert als Mensch habe, dass die Liebe fürs Vaterland einer Nation eine grosse und neue denkart gebe, dass sie eine Nation als ein Muster für andere darstelle. Erhitzt von diesen Ideen, beschloss sie, in dem allgemeinen Kriege, der damals Deutschland verheerte, auch ein Beispiel ihrer Liebe fürs Vaterland zu geben. Da fiel ihr gleich auf der ersten Seite folgende Stelle aufs Herz: "Sollte wohl ein Diener der Religion sich entweihen, sollte er wohl dadurch sein Amt vernachlässigen, wenn er, nachdem er tausendmal gesagt hat: Tut Busse!, auch einmal riefe: Sterbet freudig fürs Vaterland?" Dieser Aufforderung Genüge zu tun, fand sie edel und gross und eilte, ihren Mann dazu aufzumuntern. Sie las ihm aus