bestärkt, da sie unter Marianens Sachen viele zärtliche Briefe und Gedichte, von Säuglings Hand geschrieben, fand, nebst verschiedenen Entwürfen zu Briefen von Marianens Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber jetzt doch ein unwiderlegliches Zeugnis wider sie abzulegen schienen. Die Gräfin war daher gegen die arme Mariane äusserst entrüstet und ebenso zornig auf Säuglingen, welcher, wie sie glaubte, die Gastfreiheit schändlich beleidigt und eine romanhafte Liebe vorgegeben hätte, um ihr ihre Gesellschafterin aus ihrem schloss zu entführen, wobei sie ihm, seines züchtigen Anstandes ungeachtet, eben nicht die reinsten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden über die Aufführung seines Zöglings zur Rede, der ihr in allen ihren Vermutungen recht gab, um nur den Verdacht von sich abzuwälzen. Er unterliess nicht, Marianen noch stärker anzuklagen, und erzählte die geschichte ihrer Entlassung von der Frau von Hohenauf auf eine ihr sehr unvorteilhafte Art. Die Gräfin hielt nun ihre Vermutung für vollkommen bewiesen, und ohne sich näher zu erklären, liess sie den unschuldigen Säugling so viel Unwillen merken, dass er, ob er gleich weder die Ursache davon begriff noch darnach zu fragen wagte, sich entschloss, unverzüglich seinen Weg weiter fortzusetzen. In diesem Vorhaben ward er von Rambold gar sehr bestärkt, der nichts mehr wünschte, als ihn nur erst zu seinem Vater nach Wesel gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zurückkehren und die Früchte seiner Treulosigkeit einernten könnte. Sie nahmen also von der Gräfin Abschied und wurden von ihr bloss mit kalten Höflichkeitsbezeugungen entlassen.
Auf diese Art ward die Gesellschaft plötzlich zerstreut, und jeder war einzeln für sich missvergnügt: bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich freute, dass sein Anschlag so gut zu gelingen schien; und bis auf Säuglingen, der einen schwachen Trost darin fand, während der Reise über seine Entfernung von Marianen einige Stanzen in seine Schreibtafel zu schreiben.
Sechster Abschnitt
Unterdessen dies vorging, war Mariane mit ihren Entführern einen Tag und eine Nacht lang fortgefahren, ohne dass sie durch öftere fragen hätte erfahren können, wohin sie sollte gebracht werden. Die Landstrassen wurden soviel möglich vermieden und nur auf abgelegenen Vorwerken schon bestellte Pferde gewechselt, ohne dass Mariane aussteigen durfte. Den zweiten Tag mussten sie notwendig quer über einen Hochweg. Mariane erblickte auf demselben einen Postwagen. Sie schrie, so stark sie konnte. Ihre Begleiter wollten sie zwar zurückhalten und riefen dem Kutscher, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdaurendes Geschrei fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu Pferde, der neben demselben ritt, kam immer näher und holte in kurzem die Kutsche ein. Er gebot dem Kutscher zu halten, der sich aber daran nicht kehrte, und aus der Kutsche ward eine Büchse auf den Reiter gerichtet; allein indem sie losgedrückt wurde, schlug er sie mit seinem Hirschfänger herunter, so dass sie ihn nur am fuss mit grobem Hagel verwundete. In diesem Augenblicke öffnete Mariane auf der andern Seite den Schlag und sprang heraus. Der auf dem Bocke sitzende Bediente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz nahe kam, von dem vier oder fünf Reisende absprangen und zu Hilfe eilten, daher der Kutscher mit verhängtem Zügel davonjagte.
Mariane war im Springen gefallen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der mit einem spanischen Rohre in der Hand vorangelaufen war und den Wagen beinahe erreicht hätte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich für ihren Freund Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte sie ihren Vater und lag in dessen Armen. Während beide sich ihrer Freude über diese unerwartete Zusammenkunft überliessen, besichtigten die übrigen Reisenden den Verwalter, den das Schrot nahe am Schienbeine gestreift hatte. Sie hoben ihn vom Pferde und auf den Postwagen, welchen Mariane gleichfalls bestieg; das Pferd ward an den Wagen gebunden, und so zogen sie fort bis in das nächste, nicht weit entlegene Städtchen.
Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen Beschädigung, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht gefährlich befunden ward. Sie beschlossen also, zur Gräfin zurückzukehren, zumal da der Verwalter in der Nachbarschaft wohnte. Hieronymus mietete dazu einen halbbedeckten dreisitzigen Wagen. In denselben setzte sich Mariane und der Verwundete vorwärts; Hieronymus musste den Rücksitz einnehmen, denn Sebaldus, durch die Freude, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjünget, setzte sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd und trabte frisch neben dem Wagen her. Da ihm dies in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den Gedanken, voranzureiten und in dem dorf, wo sie mittags anzuhalten gedachten, die Mahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau und versicherte, der Weg sei nicht zu verfehlen. Sebaldus stiess also sein Tier in die Seite, und sie verloren ihn bald aus dem gesicht.
Als sie mittags im dorf ankamen, fanden sie nicht nur keine Mahlzeit bestellt, sondern, was noch mehr, auch Sebaldus war nicht zu sehen. Mariane und Hieronymus wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein paar Stunden vergeblich auf seine Ankunft gehofft hatten, schickten sie einige Bauern auf verschiedenen Wegen aus, die aber zurückkamen, ohne etwas von ihm gehört zu haben, wodurch sich ihre Angst nicht wenig vermehrte. Sie warteten noch diesen und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in grosser Bekümmernis weiter, nachdem sie eine Nachricht für ihn zurückgelassen hatten.
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