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Ordnung sei gewesen unter der Menge. Und wie sich da hätten weise und erlauchte Männer zusammengetan und hätten festgesetzt, dem volk sei es nützlich, wenn es beherrscht werde. Hätten ausgemacht, dass stattliche und ernstafte Männer sollten am Regimente sein, sollten umtun lange Feierkleider und aufsetzen grüne Eichenkränze, sollten sitzen auf breiten Stühlen und sollte ihnen jedermann tiefe Reverenzen machen und desgleichen mehr. Hätten auch Ratsfahrten angesetzt und Gerichtstage, gesetz gemacht und Strafen verordnet; und wäre nunmehr alles richtig: nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, darüber wären die Herren sehr uneins; und solange diese Uneinigkeit dauere, habe mancher noch Hoffnung, in den Rat zu kommen; und würden darüber heimliche Unterhandlungen gepflogen, woran er, Rambold, vielen Anteil habe und gewiss glaube, wegen seiner weitläuftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Ausrufern noch ein ansehnliches Ehrenamt davonzutragen.

Alle diese Nachrichten hörte Mariane an, bloss weil sie ihr ganz neu waren, ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bei aller ihrer Liebe zur Lektur, keinen teil zu nehmen wusste; so wie etwa wunderbare Geschichten von neuentdeckten Völkern im Südmeere der Sonderbarkeit wegen Aufmerksamkeit erregen auch bei denen, die sonst nicht Lust haben, diese fremden Völker zu besuchen, die sich weder von den otaheitischen Jungfern voll Süssigkeit wollen liebkosen noch von den neuseeländischen Herren voll Stärke wollen fressen lassen.

Unter diesem langen gespräche hatte sie Rambold unvermerkt in das an den Garten stossende Wäldchen geführt; sie waren in demselben schon eine ziemliche Strecke fortgegangen, als plötzlich einige starke Kerle hinter einem Baume hervorsprangen und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaffnet. Er suchte zwar von einem Baume einen Knüttel abzureissen, hielt sich aber so lange dabei auf, dass Mariane gemächlich in einen nahe stehenden sechsspännigen Wagen geschleppt werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinterher, und Mariane, die ihn erblickte, suchte herauszuspringen, aber sie ward festgehalten, und der Wagen kam ihm bald aus dem gesicht. Er verweilte noch einige Zeit im wald, damit die Entführer Zeit hätten, sich zu entfernen; hernach eilte er zurück, um ausser Atem und mit erschrocknem gesicht Marianens Entführung zu verkündigen. Die ganze Gesellschaft erstaunte. Säugling, dessen Nerven durch den Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschüttert waren, bekam eine Anwandlung von Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich und eilte in den Stall, um ein Pferd satteln zu lassen, sosehr ihm auch Rambold dies zuwiderraten suchte, der endlich, als Säugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt. Der Oberst wollte ein gleiches tun, aber das fräulein verlangte seinen Arm und seine Gesellschaft, führte ihn in den grossen Saal und zwang ihn, Pikett zu spielen.

Fünfter Abschnitt

Säugling kam den folgenden Tag ermüdet und trostlos zurück, ohne Marianen gefunden zu haben, welches sehr natürlich zuging, weil Rambold ihn auf einen ganz andern Weg geführt hatte, als den der Wagen nahm. Er fand einen Brief von seiner Tante. Diese wollte nunmehr, nachdem Mariane aus dem Wege geschafft war, weiter keine Zeit verlieren und empfahl ihm, alles anzuwenden, damit seine Verbindung mit dem fräulein zustande käme. Dies war aber bei seinem jetzigen, ganz neuen Schmerze über Marianens Verlust eine Sache, woran er weder denken konnte noch mochte. Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief an die Frau von Ehrenkolb, worin sie derselben die Absichten ihres Neffen auf das fräulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr zur Unzeit. Denn teils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt, dass ein Mensch wie Säugling, der nicht von Familie war, an ihre Tochter denken dürfte, teils hatte sie jetzt ein viel notwendigeres Geschäft im Sinne. Das fräulein von Ehrenkolb verband mit allen Launen einer verfehlten Petite-maîtresse noch allen Eigensinn eines verzärtelten Muttertöchterchens. Sie hatte daher den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer beständigen Eifersucht ohnedies überdrüssig war und den Marianens unvermutete Entfernung noch verdiesslicher machte, so übel mitgespielt, dass er ganz kurz mit ihr abbrach, den andern Morgen sich der Gesellschaft empfahl und nach seinem Gute zurückreisete. Das fräulein vermisste in ihm nur einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der jetzigen Einsamkeit bemerkte, aber künftig bald zu ersetzen vermeinte; ihre Mutter hingegen, welche die Sache vom Anfange an viel ernstafter ansah, befürchtete, einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten Güter wieder instand setzen könnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine lange Konferenz über diese wichtige Sache, und die letztere ward endlich so gründlich überzeugt, welch ein nützliches Ding ein Mann von Range und Reichtum für eine Dame sei, die am hof leben will, dass sie mit ihrer Mutter übereinkam, den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknüpfen. Aus allen diesen Ursachen antwortete die Frau von Ehrenkolb der Frau von Hohenauf in kalten und stolzen Ausdrücken und reisete den folgenden Tag mit ihrer Tochter nach ihrem Gute zurück, wobei Säugling kaum ein mässiges Kopfneigen beim Abschiede erhielt.

Der Gräfin hatte Säuglings Liebe gegen Marianen nicht verborgen bleiben können. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen fuss lebte, so hatte sie auch derselben Neigung gegen ihn zu erforschen gesucht; Mariane war aber in diesem Stücke gegen sie sehr zurückhaltend gewesen. Jetzt aber glaubte sie, durch die Entführung schnell ein Licht in dieser Sache zu erlangen. Sie war sehr geneigt, Säuglingen für den Urheber dieser Freveltat zu halten, worin, wie sie glaubte, Mariane möchte gewilligt haben. Sie ward in dieser Vermutung