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hat mich vorausgeschickt, um einen Reitknecht nach der Stadt zu einem arzt zu senden und einen Wagen anspannen zu lassen, denn sie will die Kranke selbst nach dem schloss begleiten. Sie lässt sich bei der Gesellschaft ihres langen Aussenbleibens wegen entschuldigen."

Säuglingen trat eine mitleidige Träne ins Auge, der Oberste drehte sich auf einem Absatze herum, und das fräulein, dessen innerer Unmut aufs höchste gestiegen war, fuhr hart heraus: "Die Gräfin beweiset in der Tat übertriebene Gütigkeit, dass sie alles Gesindel bei sich aufnimmt. Eine person von der Landstrasse! Am Ende geht's Personen so, die sich über ihren Stand erheben wollen. Wer weiss, wo sie Kammermädchen oder Gesellschaftsjungfer gewesen ist. – Es ist Zeit, dass wir abreisen, denn die Gesellschaft ..." Hier nahm sie eine Prise zur Kontenance, liess ihre Dose fallen und rief Marianen: "Mein Kind, nehme Sie mir doch die Dose auf!" Mariane, über die ganze Szene erstaunt, stand sprachlos da, denn soweit hatte das fräulein die Unhöflichkeit noch nie getrieben. Säugling sprang auf und überreichte dem fräulein die Dose.

"Lassen Sie", rief sie, "lassen Sie, Herr von Säugling, Mariane wird sie schon ..."

Säugling nahm allen seinen Ernst zusammen und versetzte: "Verzeihen Sie, gnädiges fräulein! Ihnen aufzuwarten halte ich nur für meine Schuldigkeit."

Das fräulein mass ihn mit den Augen von oben bis unten und schlug ein bitteres Gelächter auf.

Mariane, welche empfand, dass die Demütigung, wodurch sie bis zu einer gemeinen Dienstmagd heruntergesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen gehöre, wofür man keine Worte hat, um sich darüber zu beschweren, so grob sie auch sind, konnte nicht verhindern, dass sich nicht eine Träne in ihr Auge drängte, und ging stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Säugling einen blick zu werfen, worin er ihr ganzes Herz las.

Der Oberste, ob er schon an sich Marianen diese Demütigung erspart hätte, war doch wohl damit zufrieden, weil er glaubte, sie würde Säuglingen verdriessen, den er hasste, weil er ihn von Marianen geliebt glaubte. Um ihn noch mehr zu kränken, spottete er unhöflich über Marianen, nachdem sie weggegangen war.

Beleidigungen, die stufenweise steigen, können endlich den geruhigsten Menschen aufbringen, und wenn er edel denkt wie Säugling, so wird er die Beleidigung seiner Geliebten höher empfinden als seine eigene.

Säugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals; der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Säugling sehr trocken sagte:

"Ich kann Ihnen in Gegenwart des Fräuleins hierauf weiter nicht gehörig antworten, aber wir wollen uns deshalb besonders sprechen."

Der Oberste lachte ihm in die Zähne und rief spöttisch: "Mein gutes Herrchen, trotz des kleinen Federhuts, den es Ihnen zu tragen beliebt, sind Sie nicht von solchem stand, dass ich Ihnen Satisfaktion geben werde."

"So", rief Säugling, "Sie halten mich für wehrlos und erlauben sich doch, mich anzugreifen? Ist dies wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin nicht wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugtuung geben wollen, werde ich sie mir nehmen, oder Sie müssten jede kahle Stichelei doppelt von mir zurückbekommen und es ruhig ertragen wollen."

Der Oberste ward lauter, Säugling auch. Das fräulein sass ruhig und wiegte sich mit dem Gedanken, auszusprengen, dass um ihretwillen ein Zweikampf geschehen wäre. Die Gräfin kam zurück, nachdem sie die Kranke bis in das für sie bereitete Zimmer begleitet hatte, forschte nach der Ursache des Streits, gab dem Obersten unrecht und vereinigte beide um soviel leichter, weil der Oberste eben kein Liebhaber vom Halsbrechen war und sich wirklich eingebildet hatte, der sanfte Säugling sei ein blosses Jungferngesicht und werde, was es auch sei, ohne Antwort einstecken.

Unterdes ging Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die Gräfin mit Erzählung des unangenehmen Vorfalles nicht kränken wollte, zumal da sie wusste, die Ehrenkolbische Familie werde nächstens abreisen. Rambold begegnete ihr, indem er, voll von seinem Projekte, im Garten irrte. Sie gab ihm den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu zerstreuen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon gedacht, vielerlei von gelehrten Sachen, war voll von Anekdoten und Journalhistörchen, und die gute Mariane, mit einem ziemlichen Ansatze, eine Gelehrte vorzustellen, mochte gern diese gelehrten Diskurse hören, um soviel mehr, da aus der Gesellschaft der Gräfin alles Ansehen von Belesenheit verbannt war.

Rambold hub also an die lange geschichte von der Regierung Königs Johann Christoph des Dummen und Königs Johann Jakob des Gescheuten53 und von ihrem Streiten um die Monarchie und von ihren Schlachten und wie sie gewannen, indem sie verloren, und verloren, indem sie gewannen. Und wie unter vielem Getümmel und fruchtlosem Streben nach der Alleinherrschaft der Geist der Freiheit erwacht sei unter dem volk und entstanden seien Demagogen, die Literaturbriefsteller, die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht, seine Meinung zu sagen über alle Vorfälle; und wie keine Oberherrschaft sei gewesen und wie jedermann habe gedacht und getan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im Verdachte gehabt habe, dass sie wollten Könige werden und Ephoren der Könige; und wie diese schwachen Köpfe nicht daran gedacht, sondern ihre Hantierung getrieben hätten, ohne ins Forum zu kommen, und wie da gar keine Zucht und