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vermöge seiner klugen Einrichtung nie merken, dass er an der Entführung teilhabe; und sobald er nur seinen jungen Herrn nach haus gebracht hätte, nahm er sich vor, zurückzukehren und aus den Händen der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schöne Frau zu erhalten; denn dass sich etwa Mariane weigern könnte, seine Hand anzunehmen, fiel ihm gar nicht ein.

Vierter Abschnitt

Nachdem Rambold auf diese Art sein Plänchen so einfach als künstlich angelegt hatte, erwartete er ruhig den erwünschten Erfolg, sehr zufrieden mit seiner schlauen Erfindung. Die übrigen Personen hingegen wurden durch ihre Lage unvermerkt immer unruhiger, unzufriedener und unwilliger gegeneinander.

Marianen missfiel es, dass ihr der Oberste beständig nachfolgte und fortfuhr, sie mit vieler Dreistigkeit seiner Liebe zu versichern, so trocken und frostig sie ihn auch abgewiesen hatte. Nicht weniger unzufrieden war sie mit Säugling, den sie im Verdachte hielt, dass er das fräulein heimlich liebte; und weder seine Briefchen, worauf sie nie antwortete, noch seine Verschen, von denen sie argwohnte, dass sie mehr aus der Phantasie als aus dem Herzen herrührten, konnten sie zufriedenstellen.

Das fräulein war äusserst erbittert, alle Versuche, ihre beiden Liebhaber wieder zu sich zurückzubringen, fruchtlos zu sehen. Weil sie aus Politik ihren Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb nichts übrig als der armselige Behelf, Marianen das Übergewicht eines höhern Standes fühlen zu lassen. Dies veranlasste verschiedene kleine unangenehme Szenen, wodurch doch die üble Laune des Fräuleins nicht vermindert ward, da sie Marianen nur kränkten, ohne sie zu demütigen.

Der Oberste war nicht wenig verdriesslich, weil das fräulein seiner Liebe gegen Marianen im Wege stand, welche er gern mit seiner Liebe gegen das fräulein vereinigt hätte, zumal da er die Verbindung mit der letzteren anständigerweise nicht ganz und gar aufheben konnte. Säuglingen war er herzlich gram, weil er sich einbildete, dieser sei bei Marianen besser gelitten als er; und mit Marianen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dies kleine Mädchen, welcher er die Ehre einer gelegentlichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen eine person von seinen Verdiensten so gar spröde bezeigte, dass es noch ungewiss schien, ob sie nicht auch einer förmlichen Belagerung würde widerstehen wollen.

Säugling war unglücklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er ihre Zurückhaltung nicht ertragen, die er bloss einer wirklichen Abneigung gegen ihn zuzuschreiben wusste, da er ihre verborgene Eifersucht nicht merkte. Dies kostete ihm viele Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zweites Unglück war, dass seine Gedichte, deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft ihm bisher eine so seltne Glückseligkeit verschafft hatte, nun sehr zu fallen anfingen, wovon er die Ursachen gar nicht einzusehen vermochte. Sie waren gleichwohl sehr natürlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich fürchtete, ihre geheimen Bewegungen unvermerkt zu verraten, welche sie zu verbergen so wichtige Ursachen fand. Das fräulein hatte immer etwas daran zu tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, sie wären an Marianen gerichtet oder spielten auf sie an; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekümmert hatte, fand nicht nötig, wie vormals sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen, vielmehr pflegte er in seiner jetzigen üblen Laune sich oft geradezu darüber aufzuhalten. Zum Unglücke für Säugling ward er darin zuweilen von der Gräfin unterstützt, deren feiner Geschmack schon längst in Säuglings Liedern eine gewisse Einförmigkeit und Schlaffheit wahrgenommen hatte, wofür ihm selbst der Sinn fehlte. Da er nun unablässig fortfuhr, täglich neue Gedichte vorzulesen, so nahm sich die Gräfin im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Jünglinge die kleine Torheit des Versemachens abzugewöhnen.

Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt und die übrige Gesellschaft im Garten spazierte, ergriff die Gräfin Säuglings Arm, führte ihn in einen gang besonders, und nachdem sie das Gespräch auf Lektur gebracht hatte, sagte sie ihm geradeheraus: Gedichte wären nicht die Lektur, die sie am meisten liebte.

Säugling, nicht wenig beschämt und bestürzt, versetzte mit stammelnder stimme: "Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie die schöne Literatur liebten."

Gräfin: O ja, ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, sie hat einen weiten Umfang, und die Poesie ist nur ein teil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, aber nur, wenn sie vortrefflich sind; sie wirken alsdann mit unbeschreiblichem Reize auf mich und bleiben meiner Seele tief eingeprägt. Aber Sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind nur sehr wenige. Was die übrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen, die man allenfalls einmal anhören, aber auch entbehren kann; und mich dünkt immer, die Augenlider sind einem leichter, wenn man sie entbehrt.

Säugling: Vielleicht sprechen Ew. Gnaden nicht ganz im Ernste; die Damen pflegen doch sonst, wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, unter aller übrigen Lektur am meisten Gedichte zu lieben ...

Gräfin: Glauben Sie das nicht, mein lieber Säugling; oft kaum, wenn wir darin gelobt werden, finden wir sie erträglich. Unter uns gesagt, wir haben oft herzliche Langeweile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gähnen innerlich und trauen uns nicht, den Mund aufzutun.

Säugling: Ach, ich merke schon, hier ist ein kleines Missverständnis. Sie wollen sagen:

Die grossen Verse, welche man

Auf einem grossen Amboss schmiedet,

Die lies't man