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nicht, welche Miene er annehmen sollte.

Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung ein wenig erholt hatte, sah er wohl ein, er sei von seiner Tante hintergangen worden, konnte auch die Absicht ihrer List leicht erraten. Nun entbrannte seine Liebe zu Marianen wieder viel stärker als zuvor. Er hing wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an sie gerichtet, und er schrieb ihr fast täglich Briefe, indem er sehr selten das Glück genoss, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden.

Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zurückhaltend. Sie hatte der Gräfin, mit der sie sonst auf einem sehr vertraulichen Fuss lebte, nichts von ihrer Neigung zu Säugling, noch weniger von den Verdriesslichkeiten, die sie deshalb erfahren hatte, entdeckt, wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte aussetzen. Dies war die Ursache, die sie sich selbst angab, aber sie hatte noch eine andere und geheimere. Sie bemerkte nämlich an Säugling eine grosse Veränderung, wodurch er nicht wenig gewonnen hatte. Sonst war er ängstlich bescheiden, in der Meinung, dem Frauenzimmer gefalle das Sanfte; jetzt hatte er einer rauschenden Hofschönheit gefallen wollen und war lebhafter und ungezwungner geworden. Mariane war scharfsichtig genug, diese Veränderung der rechten Ursache zuzuschreiben, zumal da ihr gewisse Achtsamkeiten Säuglings gegen das fräulein nicht unbemerkt entgehen konnten und da sie, sonderlich im Anfange, des Fräuleins Augen oft auf Säuglings Augen gerichtet fand. Dies nebst der gedruckten Zueignungsschrift, die ihr auch nicht verborgen bleiben konnte, schien sie von einer nähern Verbindung zwischen Säugling und dem fräulein zu überzeugen und erregte bei ihr eine kleine Eifersucht, zu deren Verbergung das Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zurückhaltung am dienlichsten hält und dadurch dieselbe gemeiniglich am ersten verrät.

Auf der andern Seite fiel Mariane auch dem Obersten in die Augen. Da nun in seinem Herzen für mehr als eine Liebe Raum genug war und er es, vermöge der hohen Meinung von seiner eignen person, nicht für möglich hielt, dass ihm ein Frauenzimmer widerstehen sollte, so glaubte er, Mariane könne gar wohl ein flüchtiger Gegenstand seiner Neigung werden und sein Zweck müsse bei ihr bald zu erreichen sein. Er griff sie mit der zuversichtlichen Stellung eines Hofmannes an, so wie ein kühner Eroberer eine Festung stürmt, ohne sie aufzufordern oder Laufgräben zu eröffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu früher Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiss, welche Miene er gegen den Belagerten annehmen soll, so war auch der Oberste durch die kalte und verächtliche Art, womit Mariane seine Liebeserbietungen ausschlug, um deutsch zu reden, ziemlich aus der Fassung gebracht und deshalb, um undeutsch zu reden, nicht wenig intrigiert.

Das fräulein übersah mit einem Blicke, dass ihr Mariane ihre beiden Liebhaber raubte, und setzte alle Kräfte der Schönheit und der Koketterie in Bewegung, um den Sieg über sie davonzutragen.

Indes alle diese Personen ihre kleinen Entwürfe machten, dachte Rambold, Säuglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszuführen. Rambold war ein schwarzhaariger, rotbackiger, wohlbewadeter Magister, der auf Universitäten zwar sehr locker gelebt, aber doch auch mit Hilfe eines offnen Kopfes so viel von den Wissenschaften erschnappt hatte, dass er ziemlich fertig davon plaudern konnte. Er hielt sich selbst für sehr gelehrt, weil er mit der Selbstgenügsamkeit eines Gecken, der von allem hat reden hören und über nichts nachgedacht hat, über alles entscheiden konnte. Sein Eigendünkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken, auch den, der klüger war als er, und zu widersprechen, ehe er hoch wusste, was er sagen wollte. Stimmte jemand seiner Meinung bei, so war dies genug für ihn, um das Gegenteil zu behaupten; denn er glaubte seinen Witz zu zeigen, wenn er den andern niederschreien, und seinen Scharfsinn, wenn er auch den ungereimtesten Satz verteidigen konnte. Ob er wahr oder falsch sei, war ihm einerlei, denn seine Philosophie hatte entschieden, dass Wahrheit sowohl als Schönheit und Tugend nur relative Begriffe wären. Diesen Satz glaubte er nicht nur, sondern wendete ihn auch im gemeinen Leben fleissig an, daher er in der Wahl der Mittel, seine Absichten auszuführen, eben nicht delikat war.

Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen und ging damit um, sie zu heiraten, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er durch einen Umweg seinen Zweck besser zu erreichen meinte. Er war von dem Plane der Frau von Hohenauf sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine einträgliche Pfarre versprochen, die auf ihren Gütern nächstens offen werden musste, wenn er etwas dazu beitragen würde, dass Säugling das fräulein von Ehrenkolb heiratete. Daher glaubte er zwei Schläge mit einem Streiche zu tun, wenn er der Frau von Hohenauf von Säuglings und Marianens Zusammenkunft Nachricht gäbe und die Folgen derselben zu verhindern suchte.

Er schrieb ihr also: sie müsse Marianen, welche sie aus weisen Absichten von ihrem schloss entfernt hätte, auch hier wegschaffen, weil ihr Neffe, solange er ihren Aufentalt wisse, auch nach seiner Abreise nicht von ihr ablassen würde. Er tat dabei den unmassgeblichen Vorschlag, sie solle insgeheim einen Wagen mit drei starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, ohne grosses aufsehen Marianen in ihre hände zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, dass, wenn nur erst die bewusste Pfarre vakant wäre, sich auch ein anständiger Ehemann für Marianen finden würde, wodurch denn Säuglings unbedachtsamer Liebe und ihr Gnaden Furcht auf einmal könnte ein Ende gemacht werden.

Er schmeichelte sich, Mariane solle es