der sie aus der fürstlichen Residenz aufs Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung zur Frau von Hohenauf. Sie hatte bei derselben schon oft grosse glänzende Gesellschaften gesehen und hoffte also, daselbst wieder viel schöne Welt und unter derselben viele Anbeter zu finden. Sie probierte schon in Gedanken die Rollen, welche sie spielen wollte, und träumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide anderer Damen und von einer muntern Jugend, die sie mit einem Blicke an ihrem Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand antraf, denn den schüchternen Säugling, der eine so rauschende Petite-maîtresse als ein nie gesehenes Wundertier anstaunte und eine Reverenz über die andere machte, rechnete sie wirklich für nichts. Sie sah sich einige Tage lang in der traurigen notwendigkeit, drei Stunden nach Sonnenaufgange aufzustehn, sich zu putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in grünen Auen herumzugehn und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu setzen, wobei sie keine andere Beschäftigung hatte, als aufs Spiel achtzugeben.
Da indes die Frau von Hohenauf ihren Neffen soviel möglich in dem besten Lichte darzustellen suchte und er selbst, dem es zur andern natur geworden war, holdselig gegen jedes Frauenzimmer zu sein, an Achtsamkeiten gegen das fräulein nichts ermangeln liess, so fasste sie ihn endlich in die Augen und wollte, da sie an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmack bemerkte, aus Langerweile versuchen, ob aus ihm etwas zu machen wäre. Dies gelang ihr über Vermuten; denn kaum hatte sie den ersten Bogen von Säuglings gedruckten Gedichten gelobt, welche er nicht ermangelte, ihr vorzulesen, so zeigte er sich gleich als einen ganz andern Menschen. Seine weibische Schüchternheit hatte der ungestüme Rambold durch Schrauberei wegzuspotten vergebens versucht, aber sie verschwand, da er einer petillierenden Petite-maîtresse gefiel und ihr wieder gefallen wollte. Er fing an, zu schwatzen, zu widersprechen, sich dreimal in einer Minute herumzudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbei war, und zu fragen, ohne Antwort zu verlangen, jedermann dreist in die Augen zu sehen und sich des c'est pour cela!, eh mais!, tant pis! und tant mieux! so geschickt zu bedienen, dass man schier hätte glauben mögen, er habe mond. Dabei war, weil er seine liebe Poesie nie vergass, das fräulein der Gegenstand aller seiner Gedichte; ja weil er überhaupt (wie mehrere junge Poeten und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur allzu geneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben zu übertragen, so dünkte ihm oft, dass er etwas für das fräulein empfinde, welches er ohne Bedenken würde Liebe genannt haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen augenblicklich geklopft und ihn erinnert hätte, dass er seine obgleich ungetreue Mariane noch nicht vergessen müsse. Das fräulein ihrerseits betrachtete ihn als ihre Kreatur und triumphierte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch nie deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sich auf sie selbst bezog. Diese neue Seltsamkeit war hauptsächlich die ursache, warum sie Säuglings Gedichte so allerliebst fand, obgleich der Verfasser wirklich glaubte, die Vortrefflichkeit seiner Verse hätte das allein bewirkt. Ein sehr gewöhnlicher Irrtum! Denn wenn zum Beispiel unsere deutschen Hofleute neben ihrer gewöhnlichen standesmässigen französischen Lektur zuweilen auch ein deutsches Buch durchblättern und davon reden, so geschieht es gemeiniglich bloss deshalb, weil sie dadurch am hof einen gewissen Anstrich von Sonderbarkeit zu erhalten meinen, der sie unter den übrigen flachen Hofgesichtern ein wenig hervorziehen könnte; indes halten dies unsere guterzigen deutschen Genien doch für einen wirklichen Beifall und träumen wohl gar, die Zeit sei nahe, da sich der reichste und wollüstigste teil der Nation des witzigsten und verständigsten nicht mehr schämen wird.
Säugling, dem kein Zweifel über die wirkung seiner Gedichte einfallen konnte, schwamm in dem Vergnügen, seine Geisteswerke von einem so schönen fräulein bewundert zu sehen. In dieser Entzückung kam er auf den Gedanken, ihr seine Sammlung von Gedichten zuzueignen, da deren Abdruck eben geendigt werden sollte. Dies setzte ihn ganz in die Gunst des Fräuleins. Ihren Namen gedruckt zu erblicken, sich vor dem ganzen Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation für schön und witzig erklärt zu sehen (denn Säugling hatte in seiner Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so schmeichelhaft, dass ihr Säugling ein homme adorable schien und sie bei sich Kraft fühlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinander zu lieben.
Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese beständigen Zusammenkünfte eigentlich nur Galanterie und Eigenliebe zum grund hatten, so hielt sich doch die Frau von Hohenauf fest versichert, dass Liebe im Spiele wäre; denn sie hatte das Pärchen vom Anfange an mit aufmerksamen Augen betrachtet und trauete sich nicht wenig Geschicklichkeit zu, die Geheimnisse anderer zu erraten. Sie freute sich insgeheim, dass ihr Anschlag fast ohne ihre Bemühung anfinge, so gut vonstatten zu gehen.
Als nun die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem fräulein nach einiger Zeit auf die Rückreise nach ihrem Gute dachte, tat Frau von Hohenauf schlau genug den Vorschlag, dass ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen sollte, weil der Wohnort der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach Westfalen lag, den jene zu machen hatten. Dass dem fräulein dieser Vorschlag angenehm gewesen sei, ist leicht zu erachten; und die Mutter war gleichfalls damit zufrieden, denn Säugling hatte auch ihre