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eine Neuigkeit zu sagen, die wie ein Blitz in seine Seele fuhr: dass die Mariane, die einst ein flüchtiger Gegenstand seiner Neigung gewesen, in Franken bei einem Edelmanne französische Mamsell worden und kürzlich den Informator, dem der gnädige Herr eine erledigte Pfarre gegeben hätte, geheiratet habe.

Sie erdichtete diese Nachricht nicht ohne besondere Absichten. Zufolge ihrer beständigen leidenschaft, ihre Familie zu erheben, wünschte sie, dass ihr Neffe eine Adelige heiraten möchte. Ihre Augen waren dabei auf das fräulein von Ehrenkolb gerichtet, die von altem Adel, aber nicht von grossem Vermögen war und mit ihrer Mutter, einer Witwe, auf einem kleinen Gute in der Nachbarschaft wohnte. Die Frau von Hohenauf zweifelte nicht, dass die Frau von Ehrenkolb durch den grossen Reichtum, welchen der junge Säugling als ein einziger Sohn zu erwarten hatte, leicht bewogen werden könne, in diese Heirat zu willigen. Sie sah schon in Gedanken, der alte Säugling, da er bereits ein Rittergut besitze, werde sich adeln lassen und seinem Sohne eine ansehnliche Bedienung kaufen; und nun wiegte sie sich schon im voraus mit dem angenehmen Traume, dass durch ihn ihre Familie in ein paar Generationen zu den angesehensten des Landes gezählet werden könne.

Die Frau von Hohenauf hatte ihrem Neffen von diesen ihren politischen Absichten noch nichts gesagt; und er konnte sich ihm so fremde Gedanken nicht aus eignem Triebe in den Kopf kommen lassen: denn er war bloss mit seinen Gedichten und mit seiner Liebe zu Marianen beschäftigt. Seitdem er von ihr so plötzlich war geschieden worden, gang er gar fleissig an sie gerichtete Lieder und las sie in der Deutschen Gesellschaft des Ortes vor. Diese Sammlung hatte er kurz vor seiner Abreise unter die Presse gegeben. Er war, wie jeder junge Autor, über den Gedanken, dass seine Gedichte gedruckt würden, vor Freuden ausser sich und ergötzte sich dabei mit den angenehmsten Träumen, welche zärtliche Szenen erfolgen würden, wenn er einmal von Marianen Nachricht erhalten und ihr diese Folge von Gedichten überreichen sollte. Man urteile also, wie gross sein Schmerz sein musste, zu hören, dass Mariane seine Liebe leichtsinnigerweise sollte vergessen haben und dass folglich alle diese zärtlichen Liebesseufzer ihre wirkung verfehlen würden. Zwar gehörte er nicht zu den starken, selbständigen Seelen, welche, wenn ihnen ihre Geliebte vor dem mund weggeheiratet wird, sich notwendig erschiessen oder in einen Fluss stürzen müssen; dennoch irrte er oft trostlos in dem nahe gelegenen wald, achtete weder Wind noch Regen, sondern klagte dem Echo und den murmelnden Bächen seine Not. Er sang manche Lieder voll verliebter Verzweiflung und endlich eins, worin er der Liebe ganz und gar entsagte. Dies letztere gefiel ihm ausserordentlich, denn es schien ihm feierlicher als alle seine vorigen Lieder. Sein verliebter Schmerz brachte also neue Geisteswerke hervor und ward durch das Wohlgefallen daran nach und nach gelindert.

Zweiter Abschnitt

Die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem fräulein Tochter begaben sich auf geschehene Einladung nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Das fräulein stand in der Blüte ihrer Jahre, denn sie war noch nicht völlig achtzehn alt. Ihre standesmässige Erziehung hatte sie der Aufsicht einer Französin zu danken, die in ihrem vaterland eine Trödelkrämerin gewesen war, in Deutschland aber, mit dem Reste ihrer Bude ausgeschmückt, sich zur Komtesse erhob. Nachdem diese Pariserin verschiedene deutsche Höfe besucht und auf maskierten Bällen und auf Lustschlössern mit Herzogen und Reichsfürsten gegessen und gespielt hatte, liess sie sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Guterzigkeit bereden, ein deutsches Landfräulein zur Dame umzuschaffen und es auf den guten Ton zu stimmen, den sie selbst in Paris gelernt hatte, obgleich freilich nur aus der dritten oder vierten Hand. Das fräulein machte einem so trefflichen Unterrichte ungemeine Ehre, indem sie alles, was ihr die Französin anpries, noch zu übertreiben wusste. Sie konnte mit geläufiger Zunge jedermann Rede angewinnen, alles verachten, sich zu allem drängen, sich nichts übelnehmen, dreierlei auf einmal sprechen und tun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu lassen, die oft für lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu können; in einem Nachmittage an sechs Orten und allentalben abwesend sein; in der ganzen Gesellschaft am lautesten reden und am wenigsten sagen; sich putzen, schminken, spielen, tanzen, liebäugeln und Sentiments plaudern, alles zugleich und ohne daran zu denken. Kurz, sie besass den bon ton vollkommen und hatte sich, um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter an einem benachbarten fürstlichen hof zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaîtresse gezeigt. Sie war mit ihrem Anfange selbst nicht übel zufrieden, denn sie hatte mehr aufsehen gemacht als irgendein anderes fräulein; einige ihrer Moden waren nachgeahmt worden, die Schönheiten des vorigen Winters kamen gegen sie nicht mehr in Betrachtung, die Anbeter drängten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Bälle, wovon sie die Königin war, folgten sich unaufhörlich, und sie besass wirklich ein sehr grosses Paket Liebesbriefe von den bestfrisierten Köpfen des Hofes.

Die Frau von Ehrenkolb gehörte zu den guten Müttern, die sich selbst in ihren Töchtern geniessen. Dass ihr fräulein Aufsehn machte und gerühmt wurde, gefiel dem mütterlichen Herzen; und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche Frivolität setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlänglich, die schwache Frau nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr einzubilden, ihre Tochter wäre gesetzt und weise.

So ungelegen dem fräulein der verdriessliche Frühling kam,